Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 7 (1.4.1936)
- Date
- 1936-04-01
- Page
- Seite 160 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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160 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 7 Juden mit dem Sultan Saladin von Babylon erst so recht gemacht hat In der Vertiefung, in der Auslegung der Parabel, die ganz und gar sein geistiges Eigentum ist, bekrönt er in diesem seinem letzten und reifsten dramatischen Werk das Bekenntnis seines ganzen Lebens zur Toleranz. In diese Parabel von den drei Ringen, wie Lessing sie, ein Jahrzehnt vor Ausbruch der großen französischen Revolution, auslegt und erläutert, ist das religiös-politische Manifest der Menschenrechte und des Menschenrechts eines Mannes beschlossen, der seit frühen Tagen über manche schwere äußere und innere Kämpfe hinweg, unverbrüchlich an diesem hohen Glauben an den Menschen und die Menschlichkeit jenseits aller positiven Religionen festgehalten hat. Abgesehen von der Parabel aber sind ein paar unvergleichliche Gestalten in diesem Stück: Nathan selbst vor allem, aber auch der großartige Sultan Saladin, der Klosterbruder, der Derwisch, der Patriarch, die geschwätzige Daja und — in einem gewissen Abstand — Recha sowie der Tempelherr. Wenn nun aber anderseits. keineswegs verkannt werden kann, daß manches von dem, was man hier, durchaus von Lessing ersonnen, als „Handlung" bezeichnen darf, inzwischen verblaßt, ja geradezu welk geworden ist — das Spiel und Gegenspiel der Hauptfiguren vor allem, die auf recht absonderliche Art fast sämtlich miteinander verwandt sind, ohne es zu wissen, und dies erst nach den umständlichsten Verwicklungen erfahren — so weht doch, und zwar besonders von der Parabel her, ein Etwas von geistiger Freiheit und holder Heiterkeit durch das ganze Stück, das dadurch geradezu an die erlösende Stimmung menschlicher Verbrüderung in Beethovens „Fidelio" gemahnt, m diesem Sinne gilt indes auch Goethes Wort, wenn er gelegentlich vom „Nathan" sagt': „Möge doch die bekannte Erzählung (von den Ringen), glücklich dargestellt, das deutsche Publikum auf ewige Zeiten erinnern, daß es nicht nur berufen wird, um zu schauen, sondern auch, um zu hören und zu vernehmen!" Das Schicksal des „Nathan" auf der deutschen Bühne hieß seit jeher Bearbeitung. Gerade heute erfordert eine solche ganz besonderen künstlerischen Takt, denn, im Problematischen nun wieder aktuell geworden, bezieht dieser „Nathan" sich auf Fragen, die uns allesamt, von welcher Seite wir sie auch ansehen mögen, nahe angehen und bis ins innerste bewegen. Diese Gefahr des Abgleitens in allzu politisch gefärbte Diskussion bannt Lothar nun dadurch, daß er sich keineswegs damit begnügt, die heute unerträgliche Breite des Dialogs klug einzudämmen, ja, den Erfordernissen seiner räumlich beengten Bühne entsprechend, das weitläufige Szenengefüge neu zu fassen und zu verdichten: er nimmt vielmehr, und zwar ohne daß der gedankliche Kern des Dramas dabei zu kurz käme, den Vorgängen ihre Spitze, ihre Schärfe, indem er sie in eine Atmosphäre sonnigen Frohsinns taucht. Überflüssig, sich dabei auf Boccaccio zu berufen: LessingsWerk selbst enthält solch heitere Elemente die Fülle, Zug um Zug. Bei der Zusammenlegung der vielen Schauplätze, der Originalfassung, die freilich auch manche empfindliche Kürzung, manche ein wenig gewaltsame Umstellung der Szenen notwendig machte, wird Lothar durch die schönen, vor allem aber auch in einem hohen Grade zweckdienlichen fünf Bühnenbilder Otto Niedermosers vortrefflich unterstützt. Sie sind der würdige malerische Rahmen des Stükkes, das, obwohl es historische Figuren, wie Saladin und den Patriarchen, enthält und zuweilen auf verbürgte Geschehnisse anspielt, doch keineswegs geschichtlich festgelegt ist. Und kommt in diesem Jerusalem aus der Zeit Barbarossas wohl die berühmte Promenade unter den Palmen, wieder den beschränkten Raumverhältnissen der „Josefstadt" gemäß, ein wenig zu kurz, so ist anderes, und zwar besonders der Platz und die Straße vor der Erlöserkirche oder der Hof im Hause Nathans, ganz erstaunlich geglückt. Was Lessing nur hin und wieder mit einem Worte anzudeuten vermochte, ist hier in Form und Farbe eingefangen: der berückende Stimmungszauber des Orients, und überdies ah--der Stelle, wo Christentum, Judentum und Islam einander begegnen. Die überragende schauspielerische Leistung des Abends aber bietet Bassermann.'als Nathan, der ja gerade in Wien von Anschütz bis SonnenJJial so viele berühmte und bewunderte Darsteller fand. Schon die Lessingsche Diktion, deren „heitere Naivität" bereits Goethe pries — immer wieder wird man auch hier auf ihn zurücKgeführt —, kommt der eigenartigen Behandlung des'Verses^djjygch'BasseTmann sehr entgegen. Dieser Blanko vers, der sich bekanntlich im „Nathan" zum ersten Male auf der deutschen Bühne durchgesetzt hat, besitzt in seiner rationalistischen Nüchternheit noch nichts vom Schillerschen Schwung oder vom hellen Glanz der „Iphigenie", des „Tasso" und der „Natürlichen Tochter", doch seine realistische, beinahe naturalistische Formung durch Lessing gestattet es Bassermann, selbst die großen erzählerischen Partien seiner Rolle, wie die Parabel oder die ergreifende Schilderung der ihm angetanen Unbill; scheinbar improvisatorisch vor uns aufzubauen. Zumal die Parabel gewinnt intensivste, plastische Gestalt, wenn er sie, neben Saladin auf schwellenden Kissen sitzend, im geistigen Sinne geradezu agiert, und manches, alte, vielgeliebte Nathan-Wort erblüht so zu'völlig neuem Leben/Dabei bietet Bassermann im grauen Haar schon rein optisch ein bezwingendes Bild dieses anderen, durchaus positiv gesehenen großen Juden des Welttheaters neben dem Shakespeareschen Shylock. Aus seinem wundervoll klaren Auge strahlt uns eine abgeklärte, oft geradezu schalkhaft lächelnde Menschlichkeit entgegen, sie spiegelt den Reichtum eines schier unerschöpflichen Herzens, das Saladins abschließendes Wort vollauf rechtfertigt, Nathan wäre fortan nicht mehr allein der Weise, sondern vielmehr auch der Gute zu nennen. Beinahe verschämt im Gefühl, bescheiden in dei Weisheit, verbreitet dieser Nathan über die ganze Bühne etwas wie einen Glanz,' den man heutigen Tages schlechthin als einzigartig bezeichnen darf., Böte die Aufführung der „Josefstadt" nichts weiter als diese bewundernswerte Figur, vor der man sich ergriffen als vor einer schauspielerischen Höchstleistung zu neigen hat, so. wäre sie schon dankbar zu loben. Auf diesen unvergleichlichen Nathan ist aber auch beinahe das ganze Ensemble abgestimmt. Die Befreiung des Verses von allem Pathos, seine, Auflösung in einen leichten Konversationston ist durchaus gelungen — man unterbricht einander, man fällt einander ins Wort — und zuweilen wird dieses beflügelte Gespräch durch Gesang oder Glockenklang überdies noch wirksam, aber ungemein diskret untermalt. Von den Darstellern aber reicht Ludwig Stössel .als Klosterbruder fast an Bassermann hinan: er ist meisterlich in seiner dumm-schlauen Gutmütigkeit und in der Einfalt seines naiven Glaubens ein ganzer Mensch, erstaunlich in der souveränen Beherrschung von Mienenspiel, Gebärde und Diktion, und daher in der Wirkung bezwingend. Albert Heine spielt den Patriarchen in allem vorgeschriebenen Pomp und gibt -mit gewohnter Sicherheit ein scharf umrissenes Bild fanatischer Intoleranz. Die Daja Grete v. Bukovics', die diese große und wichtige Rolle in allerletzter Stunde an Stelle der erkrankten Frau Bassermann übernahm, ist ganz nach Vorschrift ungemein neugierig und schwatzhaft, freilich hat man diese Daja wohl kaum je zuvor so jung und anmutig auf einer Bühne erblickt — aber gerade das schien nur ein Grund mehr, sich des Wiedersehens mit dieser vortrefflichen Schauspielerin zu freuen. Erik Frey als Tempelherr führt vor allem seine schönen Mittel ins Treffen, er hat den „trotzigen Blick" des „plumpen Schwaben" — wie es einmal bei Lessing heißt — den Nathans Weisheit allmählich zu einem höheren Menschentum bekehrt. Als dunkle Recha hält Kitty Stengel, was .sie als blonde Erny im „Treuen Diener" versprach: sie versteht es, soweit ihr die Bearbeitung dazu Gelegenheit bietet, einer solchen klassischen Fräuengestalt einen ganz eigenartigen Ton verhaltener Innigkeit zu verleihen. Delius, auch er mit Text recht stiefmütterlich bedacht, gibt der Figur des blendenden Saladin, dieses „Helden, der lieber Gärtner wäre" und nie verlangt hat, „daß allen Bäumen eine Rinde wachse", in interessanter Maske gute Konturen. Adrienne Geßner aber, der die Sittah weder in der Erscheinung, noch dem Wesen nach liegt, zieht sich mit Gewandtheit aus der schwierigen Affäre. Völlig verfehlt in der Anlage ist nur der AI Hafi Hans Thimigs, der diese wundervolle Gestalt eines lächelnden Weisen maßlos outriert und ins Possenhafte abgleiten läßt. Offenbar durch Nathans Wort verführt, weil dieser den Derwisch einen „Wilden" (zugleich aber doch auch einen „Guten" und „Edlen") nennt, vergißt Thimig durchaus, daß dieser AI Hafi vor allem Orientale, also knapp in der Bewegung, darüber hinaus aber eine poetische Figur mit einer ganz echten Sehnsucht nach den Ufern des Ganges ist... Daß er gleichwohl die Lacher auf seiner Seite hat, sollte ihn nicht davon abhalten, seine Auffassung gründlich zu revidieren. Er ist ein so großer Künstler, daß man ihm das ganz beruhigt naher legen, ja anraten darf.