Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 6 (15.3.1936)
- Date
- 1936-03-15
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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124 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr.6 Leopold Zunz druckte) Bibelübersetzung herausgegeben hat — ist in dem letzten Band der „Jüdischen Buch Vereinigung" enthalten, in ArthurEloessers Geschichtsbildern „VomGhetto nach Europa" (Das Judentum im geistigen Leben des 19. Jahrhunderts). Eine wertvolle Analyse der Bedeutung von Zunz verdanken wir in letzter Zeit vor allem Albert Lewkowitz („Das Judentum und die geistigen Strömungen des 19. Jahrhunderts", Breslau 1935; S. 337—344). In dem folgenden Abschnitt geben wir Arthur Eloesser („Vom Ghetto nach Europa", S. 149 ff.) das Wort. II. Der „Verein für Kultur und Wissenschaft" hat für die Kultur des Judentums nichts geleistet, aber die Wissenschaft ist wenigstens aus ihm hervorgegangen mit der Persönlichkeit von Leopold Zunz, dem ersten großen Historiker des jüdischen Volkes. Zunz hat ähnlich geklagt wie Heine, als er es suchte, und seine temperamentvolle Kritik stimmt auch mit den so viel milderen und bedauernden Verwahrungen von Moses Mendelssohn überein. Der Gelehrte Leopold Zunz, und was mehr ist, der Forscher wollte sein zerstreutes Volk vom Bewußtsein seiner Geschichte her sammeln, die so zerrissen und in manchen Jahrhunderten fast versickert schien; in der Festigkeit seines Charakters war etwas von Fichte, den Heine so ehrfürchtig wie die Rahel bewunderte, und in seinem Philologengeist, der auch das geringste Objekt noch ergiebig machte, war er wohl mit Jakob Grimm zu vergleichen. Eine der ersten; Hervorbringungen von Zunz verschleierte ihre Bedeutung fast unter dem bescheidenen Titel: „Uber die in den hebräisch-jüdischen. Schriften vorkommenden hispanischen Ortsnamen". Mit diesem Eingehen in die glänzendste Kulturperiode des mittelalterlichen Judentums, mit dieser Wanderung, wie er sagt, aus der deutsch-polnischen Barbarei in das hesperische Land wollte er das Judentum zu hohen Ahnen, zu einem Gefühl der Verpflichtung und des Stolzes zurückführen. Es wird auf diese frühen. Anregungen zurückgehen, wenn in Heine später die „Hebräischen Melodien" erwachten, wenn er dem großen Jehuda ben Halevi als ein sehr würdiger Nachfolger und Bruder des Leidens nachsang. Das mittelalterliche Spanien, das „schöne Land des Weins und der Gesänge", das katholische und das maurische, war ja auch eine Entdekkung von Herder und der ihm nachfolgenden . Romantik. Unter allen Bestrebungen des jüdischen Volkes, so heißt es bei Zunz weiter, kommt seit dessen politischem Untergange keine der hispanischen Zeit gleich, wo die Juden auf der gleichen, ja nicht selten auf einer höheren Stufe als die umgebende Welt standen. In seinen Schriften über die „Gottesdienstlichen Vorträge der Juden", über die „Rabbinische Literatur" hat Zunz anderseits versucht, das noch Haltbare der Tradition zu retten und auch jener deutsch-polnischen Periode ihre Verdienste der talmudischen Gelehrsamkeit zurückzugeben. Wenn Heines letzter Biograph Max Brod sich über die Ausdrucksweise wundert, mit der Zunz seine Hoffnung auf andere „ebenso kühne als biedere Federn" setzt, so ist das wieder im Stil der Zeit gesprochen, klingt nach Fichte und Ernst Moritz Arndt, die ihrer Nation aus einem erneuten, einem verpflichtenden Geschichtsbewußtsein Haltung geben wollten. Heine wandte sich an den richtigen, an den selbst gestaltungskräftigen Mann, da er sich über das wässerige und dabei noch unverständliche Zeitschriftendeutsch in dem Blatt des Kulturvereins beschwerte; die abgestandenen Formeln der Aufklärungszeit bei den Älteren würden ebenso wenig ausrichten wie die bei den Jüngeren, von denen er hauptsächlich Eduard Gans meinte, die ideologisch spekulativen der auf jüdische Interessen bezogenen Hegeischen Dialektik. Gegen'diese „Hühneraugenoperateurs" am Leibe des Volkes erschien ihm Zunz als der starke Charakter. „Ich mag ihn gut leiden, und es schmerzt mich bitterlich, wenn ich sehe, wie dieser herrliche Mensch so sehr verkannt wird wegen seines schroffen, abstoßenden Äußeren. Ich erwarte viel von seinen nächstens erscheinenden Predigten, freilich keine Erbauung und sanftmütige Seelenpflaster; aber etwas viel besseres, eine Aufregung der Kraft. Eben an letzterer fehlt es in Israel." Heine hatte die Kraft auch nicht, aber er war freimütig genug, den Mangel zuzugeben. Die einwanderungspolifische Lage der Gegenwart — Wirfsdraftsaufschwung und verschlossene Tore Der Hilfsverein der Juden in Deutschland übermittelt uns folgendeDarstellung: Die wanderungspolitische Lage steht zurzeit im Zeichen mehrfacher Gegensätze. In wirtschaftlicher Hinsicht besteht vor allem der große Kontrast zwischen der fortschreitenden Erholung der wichtigsten überseeischen Einwanderungsländer, wie Südafrika, Brasilien, aber auch Argentinien, Australien, Kanada und nicht zuletzt den Vereinigten' Staaten, und der fast unverändert schweren Wirtschaftskrise in vielen europäischen Ländern, die noch 1933 das Ziel Tausender von deutschen Juden waren. Insbesondere sind es die Länder des „Goldblocks", also vor allem Frankreich, Holland, die Schweiz und Belgien (trotz der Abwertung in diesem Lande), die noch immer auf das schwerste unter der Krise leidlen und schon deshalb für eine jüdische Einwände- MAGISTER KIRSCH dar gute Likör, Magister München VII rung nicht in Frage kommen,..zumal die Wirtschaftskrise hier wie fast überall die Gesetzgebung und Verwaltung im fremdenfeindlichen Sinne beeinflußt hat. Das Höchstmaß an Hoffnungen, das man bezüglich dieser Länder hegen darf, wird dahingehen, daß sich die Lage der dort schon ansässigen jüdischen Flüchtlinge nicht weiter verschlechtert; eine weitere jüdische Zuwanderung kann höchstens in den seltensten Ausnahmefällen verantwortet werden. Außerordentlich schwer lastet die Wirtschaftskrise zurzeit auch noch auf der Tschechoslowakei, in der vor zwei Jahren noch Tausende deutscher Juden Zuflucht suchten und zunächst eine'gastliche Aufnahme fanden. Verbietet in diesen Ländern schon die wirtschaftliche Lage jede neue Einwanderung, so haben die glücklicheren europäischen Länder, wie insbesondere England und die dem Pfundblock angeschlossenen skandinavischen Staaten (vor allem Schweden) durch scharfe gesetzliche Maßnahmen dafür gesorgt, daß trotz ihrer schnell fortschreitenden wirtschaftlichen Erholung eine Zuwanderung von Ausländern in irgend einem nennenswerten Umfang nicht erfolgen kann. So stehen wir insgesamt vor der Tatsache, daß die europäischen Länder