Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 4 (15.2.1936)
- Date
- 1936-02-15
- Page
- Seite 86 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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86 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 4 ten des Sohnes weiter. Und--so oit\ .4er.•'*■Bieter, dem 'heute seieilich' zu Mute'" war' vor der Reise, von 4er Melodie oder gar vom Wort abzuirren in die Gefahr kam, trat die Stimme des Vaters hinzu und — wie im. dunkeln Raum ein Mensch sich 'erhebt und einen Eintretenden bei der Hand nimmt—- lenkte sie die vStimme "des Sohnes in die rechte Bahia Geist und Körper des Beters schienen an der Inibrunst gleichen Teil zu liaiben. Er schritt im Zimmer auf und ab, als stünden die "Sprüche und Sätze in einem geheimen Verhältnis zum Raum, das im Takt der Gesänge eben auszumessen" sei. Es-kam ein Wort, das mit-einer leichten Neigung des Oberkörpers ge- -grüßt wurde, wie ein guter Freund, den* man mit eiihem flüchtigen Gruß vorbeigehen läßt. Es kam ein anderes, vor dem cler Beter stehen blieb und mit geknickten Knieen eine zeremonielle Verbeugung machte, wie vor 'einem unsichtbaren thron. Es kam ein -.Gesang, dem er iw Tanzschritten1 entgegenhüpfte, wie einem fröhlichen Sieger., .Und es kam; undging welcher, von dem er mit klagenden, mit schmerzvoll ausgebreiteten Armen Abschied nahm, wie von einem Toten. Es brachte -eine Melodie einen Ton. der yerhauchte wie. ein Seufzer efoes.'Träumenden. .Und es trug eine andere einen anderen Ton heran, der sich; frei der Brust' entriß, wie der wilde Schrei eines Kosaken in der Steppe. Einmal blieb er vor dem Thioraschreiw stehen, zog das Kopfstück des .Gebetmantels übers Gesieht,; als Wollte er sich'so mit dem eingefangenen Teil qener Style vereinsaimeii. in der Gott wohnt-, -und1 nach . verrichtetem Spruch riß er die Arme hoch und klatschte in die Hände, außer sich geraten wie ein Kind, das einen fremden bunten Vogel im Garten erblickt hat. Zu den achtzehn Benediktioinen stellte er sich gegen die Ostwand. Im magischen' Kreis der „Drei-Schritte" stand er mit geschlossenen, mit gleichsam.gefallenen Füßen, einmal still an sich haltend in glückseliger Hingegebenheit, als hätte sich ein Vögleinauf seinen 'linken Arm gesetzt, den das. heilige. Gerät uanspanirate, dann wieder-schaukelte der Oberkörper in wilder Ausgelassenheit, rechts und links, rechts und links, und er krümmte sich und er beugte sich wie ein schwankendes -Rohr - vor dem Wind, hin und hergerissen wie ein schwaches Blatt im Sturme. Eine gute Stunde war vergangen. Als ,Reb Welwel hernach aus dem Berrauim in den nun hell erleuchteten Flur trat, sah er an Körper -und' Geist erfrischt aus. als sei er eben einem sträkenden Tauchbade entstiegen.' . Volkslcunsfabende von Ar tu* Holde ' ■;." Mit dem'Erstarken des jüdischen Lebens in Deutschland gewinnt der Gedanke an eine auf breiteste Grundlage gestellte Volkskunstpflege ständig an Raum. Wohl hat es in den Großstädten -bisher nicht .am Einrichtungen, gefehlt, die die Kunst an weniger bemittelte Kreise herantrugen. Das Wirken der Toynbee-Halle iw Berlin und der Arnold - Lazarus - Halle in Frankfurt z. B. kennzeichnet am deutlichsten den Weg, den dievon sozialen Gesichtspunkten aus geleiteten Kunistbestrebungen einschlugen. Aber erst mit der Verselbständigunig der jüdischen Gemeinschaft, wie wir sie jetzt erleben, hat sich idiie U n e n t - b e h r 1 i c h k e i t der Veranstaltungen erwiesen, die vorher mehr den Charakter' eineV begrüßenswerten Ergänzung bestehender Unternehmungen trugen. I Der durchgreifende Strukturwandel in der jüdischen Bevölkerung Deutschlands hat die Aufgabe, das richtige Kulnistgut in der gee igne ten Form an das der Grundtendenz der Idee entsprechende Publikum heranzutragen, keineswegs erleichtert. Zunächst erhebt sich die Frage: Soll und darf „Volkskunst" Ohne Ab grenzung nach der s o zial e.ro Seite allen Kreisen zugute' kommen, wie das in den Kulturbünden "der Fall ist, oder lassen sich Normen finden, «die den Anspruch auf Leistung ohne angemessene Gegenleistung legitimieren? Eine strenge Aussonderuuiig, etwa auf Grund ~ steuerlicher Momente, hat ihre großen Gefahren. Wie viele können, sich den Besuch von Veranstaltungen mit relativ hohen Eintrittspreisen nicht mehr gönnen, ohne deshalb gewillt zu sein, sich gewissermaßen offiziell in die Kategorie-der Unbemittelten einordne« zu lassen. Wiederum ist es wenig wünschenswert, daß Menschen, die es sich noch leisten können, die Gelegenheit ausr nutzen, Kunst unentgeltlich oder nahezu umsonst geboten zu bekommen. Denn schuiell tritt der- Zeitpunkt ein, an dem fast jeder, der einmal Zugang zu' Volkskunstabenden gefunden hat, sich mit ruhiger Selbstverständlichkeit Kunstleistungen schenken läßt, ohne sich viel Gedanken darüber zu machen, wie sodehie Schenkungen zustande kommen. . Schon .aus einem wuchtigen psychologisch e n Grunde sollte, eine, kl ei. nie Zahlung die Regel sein: Eine Dar- .bietung, die Ohne die geringste Zahlung erfolgt, verliert leicht an Ansehen und Gewicht. Diese Erfahrung dürften alle volksbildnerisch tätigen Menschen zur Genüge gemacht haben. Es bleibt immer noch die Möglichkeit, Unbemittelten aui Ansuchen freien Eintritt zu gewähren. Die wirtschaftliche Lage der jüdischen Künstler m Deutschland ist gegenwärtig so, daß alle in schwerem Existenzkampf stehen. Hierdurch hat sich der Kreis der Musiker, die Anspruch auf Beschäftiigung als Solisten erheben, außerordentlich erweitert. Tonkünstler, die seit Jahren oder Jahrzehnten das Podium verlassen haben, oder die ndemalls über bescheidene Anfangserfolge hinausgekommen sind, verlangen jetzt, von der Not getrieben, oder in dem Glauiben, daß die ehedem gültigen Normen der Kritik außer Kutrs gesetzt 'Sind, ein Betätigungsfeld in der Öffentlichkeit. Diese Gruppe der solistischen Kräfte, für die die Kulturbünde naturgemäß keinen .Platz schaffen kön* nen, auf das tragbare, durch diie Leistung begründete Maß zu beschränken, wind eine der grundlegenden Aufgaben der Leiter von Volkskunstabenden sein. Sie mögen 'die Entscheidungen, so. weitherzig fällen, wie es das künistlerische Gewissen nur zuläßt, denn die dem Publikum gegenüber erfüllte soziale Verpflichtung trifft gewiß auoh für diie (Künstler zu. Durch die -Verbindung (mit EiniüYh rungsv.o r t r äge-n können Volkskunstabende mehr als reine Konizertveranstalfungen die jüdische'-.lug end heranziehen. Diese läuft-gerade-in den weniig bemittelten Schichten durch die erhöhte Inanspruchnahme der Kräfte für .die' Bemisausbiildung oder die Berufsuimsch'idhtung Gefahr, vom künstlerischen Leben ferngehalten zu werden. Die Eingliederung der heranwachsenden Jugend muß vor allem, noch in der Weise .erfolgen,'daß man sie u n mittelbar durch instrumentale und vokale Mitwirkung in das künstlerische Geschehen1 einbezieht.. In „offenen Singstunden!" lassen sich musükbegabte Menschen fest zu einer kunstfreudigen Gemednschaift zusammenschließen. Diese Gruppen müssen es sich angelegen sein lassen, die Kenntnis des hebräischen. Volks- und Kunst- I i e d e s zu vermitteln. Geralde die letzte Zeit hat uns ein großes, ifür den praktischen Gebrauch geeignetes' Material gebracht. Die Frage des Theaters wird sich kaum ohne organisatorische Verbindung mit den Ku 11urbünden lösen lassen. Aus dem szenischen Apparat erwachsen den Veranstaltern so umfangreiche künstlerische, wirtschaftliche und betriebstechnische Verpflichtungen, daß die den VoOikskunstabenden gezogenen Grenzen bald in Erscheinung treten. Aber es besteht die Möglichkeit, in R e z i t a t i o n s a b e n d e n d r a - matische Werke jüdischer Autoren herauszubringen. Dadurch ließe sich auch ein gewisser Teil der engagementslosen Bühnenkünstler beschäftigen. Geringen Raum nehmen in den Bestrebungen der jüdischen Voiikskunstinstitutionen bisher die bildenden Künste ein. Dürfte das Verlangen nach seelischer und materieller Stützung nicht, in gleichem Maße bei den Malern, Bildhauern, Kunstgewerblern-unseres Kreises bestehen? Gilt es außerdem nicht, bei vielen Menschern, deren Wiahrnehmungsvermögeni noch ungeschult ist. überhaupt erst einmal die Grundlagen visuellen Erlebens herzustellen? Durch Ausstellungen und Atelier f ü h rung e n eine Verbindung zwischen dem Schaffenden und dem breiten Publikum herzustellen), muß zu den wichtigen Zielen volksbiildnerischer Einrichtungen gehören. Volkskunstabende erfüllen für uns Juden heute mehr denn je über das künstlerische Moment hinaus die Aufgabe: die Schaffenden und Nachschaffenden zu stützen und die Aufnehmenden über die schweren Siorgen des Lebens h-i nw e g.z ub ringen!