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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-02-15 · 4 (15.2.1936) · p. Seite 83

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
4 (15.2.1936)
Date
1936-02-15
Page
Seite 83 (sequence 11)
Language
German
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Jiitl. Kultiirhiiml in Bavcrn OrtsgriiiMte J Das Morgengebet des Großgrundbesitzers Wolf Mohylewsky Van Sorna Mo ngenstern. Wir -haiben vor "-Kurzemüber den Bnide 1936 erschienenen außerordentlichen Roman von Sorna Morgenstern „Der Sohn des verlorenen Sohnes" (Verlag Erich Reiß, Berlin) berichtet. Im Folgenden ist aus dem 1. Buch des Romans eine charakteristische Szene wiedergegeben. Als einer von den vielen Abgesandten zum Kongreß der „Gesetzestreueni Juden" in der ersten Augustwoche des ' ' Jahres' 1928 -in Wien reist der Großgrundbesitzer von Dobropolje :in Podolien Wolf Mohylewski, genannt Welwel Dobropoljer, nach Wien. Vor der Abreise verrichtet der fromme, reiche polnische Jude in ■ \', „Großvaters ^Zimmer"»' einer Art Haussynagoge, im linken Flügel seines ebenerdigen Gutshauses in alt- 'be^bfabh'te'f!'~Weäse'---ääs Sc^ächäris-Gebet. „Großvaters Zimmer" war der; Betraum 'des Hauses, das Bethaats des Dorfs, .das Bethaus für die Juden der nahen ländlichen Umgebung, die sich am Sabbät- und an Feiertagen in allen Jahreszeiten und zu jeder .Witterung hier zum Gottesdienst versammelten. Obschon ■eigentlich von Welwels Urgroßvater, von Reb Mosche .Mohylewsky eingerichtet und testamentarisch -für alle Zeiten zum Bethaus bestimmt, war es „Großvaters. Zimmer" noch für die vierte Generation, und es würde es vielleicht auch für die fünfte sein, wenn — ja wenn man mit einiger Gewißheit sagen könnte, auf welchem Wege die fünfte Generation von der Existenz dieses Zimmers auch nur unterrichtet werden könnte oder auf welche Art und Weise die Bedeutung eines solchen Zimmers ihrem Verständnis i nahegerückt werden ^sollte, ohne diese Generation' und „Großvaters Ziinimer" zugleich m beschämen oder gar m beleidigen ... - "... Welwel hatte den Unmut über Pesjes Ungeschicklichkeit leicht besänftigt.-Kaum daß er die Tür hinter-sich zugeklinkt hatte, überkam ihm die feierliche Reisestimmung der letzten Tage. Er war eine Weile in Gedanken vor einem der vier offenen Fenster der grünen Wanid stehen geblieben, wunderte sich über den schweren Tan, der nach einer so warmen Naoht auf . den Gräsern und auf den Buchenzweigen lag, sah mit einem Blick auf die Birke," die sich in ihrer silbernen Zartheit mitten unter den schweren Buchen -feucht und rein vom Himmel abhob, daß es in der Nacht geregnet haben mußte und stellte sich zmm Gebet. Er hüllte sich zunächst in den weiten gelblichen, an den Rändern schwarz gestreiften Umhang, den man Gebetmantel nennt, und flüsterte die einleitenden Sprüche mit eifrigen Lippen, die in dem noch verschlafenen Gesicht des bärtigen Mannes sich mit kindlichem Ubereifer bewegten. Sein linker Arm entschlüpfte dem Ärmel des ripsseidenen Kaftans; ein, zwei, in tausend Gebettagen eingeübte Griffe und Streckungen streiften den Hemdärmel bis zur Schulter hoch und entblößten den Arm zum Empfang der Gebetriemen, die dem samtenen Säckchen entnommen, mit Spruch und Kuß begrüßt, den Arm auch gleich einzuwickeln strebten und ihn von der Achselhöhle bis zum jüngsten Glied des Mittelfingers in vorgeschriebenen, zu Worten des Gebets genau ausgezählten Windungen im Nu umspannten. Ein zweiter Gebetriemen umfaßte sogleich in einer Schlinge den Kopf und krönte rrrit einer pergamentenen Kapsel, die in Sprüchen der heiligen Sdmiftden Bund des Volks mit Gott bezeugt, die Stime. War dann das blauseidene, Kopfstück des Gebetmantels darüber gezogen und der Mantel seitwärts geschultert, stand Reb Welwel. da: wie Gottes Roß, angeschirrt zuni Gebet. Er sang mm dem Ewigen viele Lieder. Alte, uralte Gesänge. Uralte, alte und neue Melodien. Die uralten waren düster und von einer schweren Feierlichkeit. Es sind die Melodien der Gebete, die für den Wochentag so streng wie für den Sabbat, wie für den höchsten Feiertag gelten. Die alten waren mitunter Von. einer hüpfenden, bizarrein Fröhlichkeit. So sind meistens «die Melodien, welche die Gebete gleichsam für den Sabbat anlegen. Die neuen waren auch nicht neu. Sie schienen es nur neben den uralten und alten. So sind die Melodien des Alltags. Die Kleider der Gebete für dem gewöhnlichen Arbeitswochentag. Sie sind wie die Kleider der Juden dieses vielgeschmähten Landes. Diese Kleider haften an ruhelosen gedemütigten,, unterernährten Körpern, in denen altes, stolzes Blut rollt; sie sind nach altfränkischer Sitte eines fernen Landes zugeschnitten, mit Ihren Farben, Falten, Täschchen!, Flicken und Flecken, dennoch in der slavischen Traner dieser Landschaft so beheimatet, daß sie von ihrem Bilde nicht wegzudenken wären. Der Beter sang die Melodien, wie das Volk seine Lieder singt. Er faßte die Gesänge nicht bei ihrem Ton, er nahm sie beim Wort. Denn diese Melodien sind bescheiden und demütig wie das Volk; die Worte des Göbqtes aber, als ein Teil Gottes, sind groß und gewaltig. So manche Melodie schien von der Glorie des Wortes geblendet; sie tappteim Licht, seinen Sinn nicht erlangend „Einst wird komme» für Zion der Erlöser und für die in Jakob bekehrten Sünder" — jubelte das Wort und die Melodie sagte und klagte genau wie jene, die weint: „Schau her. wie gesunken unsere Ehre unter den Heiden ist, wie sie ünfs gleich einer unreinen Abgesonderten verabscheuen!" . . . Irrte sich die Melodie? Irrte dler Beter? Jauchzet Gerechte in dem Ewigen, den. Redlichen geziemt Lobgesang! Das Wort jauchzt seine eigene, die Melodie schluchzt ihre eigene Wahrheit: Denn wir sind wie Ähren, in den Wind gestreut, wie Schafe sind wir zur Schlächtbank getrieben. Am Sabbat, an Feiertagen mochten! dieselben Gebete ihrefröhlichen Melodien-Kleider anlegen, an gewöhnlichen Tagen trugen sie besser diese Totale, die Töne der Bedrängnis sind und der Trauer, der Trauer und der Erniedrigung. Welwel betete, obschon er sonst ruhigen und sanften Gemüts war, wie die Eifrigen beten,'die im Gebet entbrennen: wie die Chassidim beten. Er betete so, wie er als Kind, als Knabe von seinem Vater zu beten gelernt hatte. Die Stimme des längst verstorbenen Juda Mohylewski lebte in den Gebe- ZtüMH Sic die tuUe Batk-kleiduk& iwWFwW^b^fww .^wu wWW^r yi^Flr w^wJrWWw f rVVfl^VPfVV Mtutke* SatHkitH

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