Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 3 (1.2.1936)
- Date
- 1936-02-01
- Page
- Seite 62 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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62 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung f^fc it Nr. 3 Der Dichter Manfred Sfurmann An drei Januarabenden las Manfred Sturmann vor den Mitgliedern unseres Kulturbundes. Die schöne Andacht einer dankbar gestimmten Hörerschaft war zu spüren, die sich der entflammten Jugend eines Dichters zuneigte. Jung ist dieser mannhafte Dichter, der aus der reinen Schule edler Form kommt und aufrecht seine Sendung fühlt. Was bedeutet diese Sendung? Der jüdische Poet unserer Tage kann sich noch nicht zu seinem Volk gesandt fühlen, wie die einstigen Gefährten in festen Landen. Er sucht es erst aus großen und fernen Bildern, naher und tiefer Bereitschaft. Er bringt als ein Gläubiger Glauben. Aus Wirren und Ahnen leuchtet die Stirn. Manfred Sturmann hat sie. Dazu die fein formende Hand, die Stimme eines leiderstarkten Herzens. Er las eine Reihe von Gedichten und eine Erzählung. Schwebend Schwingendes und wahrer Ernst der Gesinnung wurden fühlbar. Aus dieser hohen Schicht drangen Einzelheiten, die haften blieben: Israel, du Falte in der Stirn Gottes. Der starke und bangende Ruf: Träume nicht! Manfred Sturmann will uns nicht aus dem Lande der Träume treiben, das für manchen Preisgegebenen das letzte sein mag. Aber er warnt vor dem, was nicht das Unsere ist, und weist zugleich auf das Unsere. Auch in den heroischen Zügen seiner Erzählung „Baraks Kampfpreis". Was ist fern und was ist nahe? Der Jude ist nicht von gestern, nicht von heute. Der Jude blickt liebevoll auf gläubiges Dichten, das seinen harten Weg umrahmt. Georg Hirsch fei d. Manfred Stunmann, aus Ostdeutschland, seit langem in München lebend, unter den jüngeren jüdischen Dichtern deutscher Sprache sicherlich die stärkste Begabung, begann 1923 mit einem Band „Althebräische Lyrik", — nicht Obersetzungen, sondern Nachdichtungen der Psalmen, des Hohen Liedes und anderer lyrischer Einsprengsel der Biibel, 'die er aus ihrer oft gebetsmäßigen Gestalt zu selbständigen, kraftvollen Gedichten wandelte. Sturmanns eigene Lyrik wurde zuerst 1929 in dem Band „Die Erben" „unter Förderung der Stadt München" herausgegeben. Die Bedeutung jener Übertragungen für Sturmanns Formung von Gefühl und Sehnsucht unserer Zeit ist in der freien, ausladenden Rhythmik, in den weit geschauten, strafigefaßtem Bildern, im vokalreichen Volklang dieser und späterer Gedichte erkennbar, gleichwie die Einwirkung der großen deutschen Hymniker von Hölderlin bis Trakl. Schon in diesem Erstlingsband ist Sturmann ein Verächter der Stadt, ein Lobsiwger des Landes und der Landschaft. Und noch mehr wird das offenbar in seinem zweiten Gedichtbuch mit dem programmatischen Titel „Wunder der Erde". Weiter und tiefer ist hier die dichterische Sicht, aber umso strenger die Form, die trotz ihrer Konzentriertheit vorwiegend hymnisch bleibt. Stunmann singt keine liebesliedier, sondern Preis des Alls, vom den größten bis zu den kleinsten Dingen, erfüllt und durchleuchtet von inniger Religiosität. Wie in den „Erben" ein Zyklus biblischer Gestalten unter dem Titel „Kinder des Herrn" sich findet, so schließen „Wunder der Erde" mit einer Nachdichtung des Schöpfungsmythos, an der strengsten klassischen Form: im Sonnett. Diese älteren jüdischen Gedichte nimmt Sturmann in sein letztes, dünnstes, aber für uns Juden gewichtigstes Gedichtbuch hinüber, das betitelt ist: „Heirkuntft und Gesinnung*', — neben den Gedichten von Karl Wolfskehl und) Ludwig Strauß die wertvollste und wirkungsreichste Lyrik aus jüdischer Substanz. Sturmann nennt (diese Poesien im Untertitel „Jüdische Gedichte". Und sie sind! wirklich) jüdische Gedichte. Zahlreiche andere Dichter unserer Tage, die Motive aus jüdischer Vergangenheit und Gegenwart, durchwirkt mit einigen hebräischen Wörtern, in epigonisehe Lyrik deutscher Sprache fügen, geben zwar gleichfalls mehr oder weniger starke jüdische Gesinnung, alber keine jüdische Didhtung, weil in ihren Gedichten, zu schwach im Ausdruck, wie in der Form, Gehalt und Gestalt nicht ineinander aufgehen, um sich gegenseitig emporzutragen. Sturmano findet diesen Aufschwung, die Wirkung aus Einheit von Geballt und Gestalt, sowohl in den älteren, Zyklen „Die Schöpfung" und „Kinder des Ewigen", wie besonders in den mächtigen Hymnen der zukuuftweisendeu, Palästina-fordernden Gruppe „Der Aufbruch". Deshalb hat Sturmann Recht, wenn er in einem Nachwort sagt, er habe sich „ein kulturpolitisches Ziel gesetzt; dies ZM heißt: lebendige jüdische Gesinnung". Aber er ist zu bescheiden, wenn er sich bescheidet, seine Sammlung habe „keine ästhetischen Intentionen", sie solle nur „ein Gebraiuehsbuch am besten Sinne sein". Sturmanns Gedichtbuch ist audb ein' Göbraucbsbuch, aber zugleich Lyrik von hohem Kunstwert, — ein seltener Fall. Sturmann gibt lebendige jüdische Gesinnung, aber er gibt mehr: er weist die jungen Juden auf einen neuen geistigen wie örtlichen Lebensraum. Selbstverständlich ist es der uralte jüdische Lebensraum: traditionelles Bewußtsein des Judentums und das Land (der Väter. Aber dieser zwiefache Raum wird mit einem neuen Ton, einem herben, trotzigen Ton gefordert. Da ist kein demütiges Harren mehr, kein Sieh-Beiugen .vor dem Schicksail, kein gefühlvolles Sich-Erinnern, sondern ein aktives Vorwärts. Wie Wolfskehl verwirft Sturmann, was ihm einst wert war; in Rückdeutung auf sein früheres Buch heißt es: „Die Wunder der Erde, Verstuirmmt sind sie jetzt... Nun sind wir Erbe1, Kettenglied, In der langen Reihe der Ahnen geworden... Das ist das Wunder der Herkunft: Die Lust zu bestehen, dien Nacken Vom Stolze erstarkt, ertrotzt aus dem Strome des Blutes." Aber wenn Wolfskehl spricht: „Denkt nicht zurück, Was war, verdorrt Bio einziger Hort Ist Buch gereift, Der Hort heißt: Dort!", so 'bedeutet ihim dies Dort: Gott und ein geistiges Jerusalem. Für Sturmann jedoch ist das Dort!: das reale Land der Väter. Und wenn Wolfskehl durch die Bewußtheit des Erbe-Seins ganz entrückt wird) zu Gott und zur Lehre, so gibt dies Gefühl Sturmann (die Kraft, im Diesseits zu bestehen, sieb der Erde zu verbinden. Der „Aufbruch'" ist ihm nicht ein bloßes Weiferwandern, sondern ein Hinwandern nach Erez Israel: „Die Schollen der Väter, sie warten auf ihn... Der Boden ist ewiges Band." Sturmanns Weg ging vom freien Rhythmus des aithebräiseben Verses zu klassisch gebundenen Strophen. Aber die innere Erschütterung, mit der Sturmann auf die äußeren Ereignisse der letzten Jahre reagierte; lockeirte die bereits gewonnene strengere Form. Die Stärke des Gefühls sprengt die straffe Gestalt, läßt den Willen zu führender Beschwörung aufbrechen, die Sich nun wieder hiniergießt im freien Hymnus, im Psa)lm. Das erste Gedicht „Bekenntnis" in seinem' neuen Buch schließt mit dem Satz: „Also werde zur Hymne das Lied." — Und so tritt Sturmann in idie lange Reihe jener weisenden und kündenden Dichter ein!, die seit den Propheten des alten Buches niemals unterbrochen wurde. Kurt Pinthus