Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 2 (15.1.1936)
- Date
- 1936-01-15
- Page
- Seite 38 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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38 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 2 kes vereinbaren ließ. Alma Weiß, die Solistin des Abends, die für den verhinderten Berliner Pianisten Bruno Eisner eingesprungen war, brachte ihren Klavierpart technisch und klanglich eindrucksvoll zur Geltung. Von Ernest Bloch, einem der bekanntesten unter den lebenden jüdischen Komponisten, gelangte ein Concerto grosso für Streicher und Klavier aus dem Jahre 1925 zur Aufführung. Wir erinnern uns noch seines im vorigen Jahr vom Berliner Kulturbund-Quartett hier aufgeführten Streichquartettes, das trotz verschiedener Längen besonders durch seine Klangeffekte und geschickte Ausnützung der instrumentalen Möglichkeiten starke Eindrücke hinterließ. An dieses Quartett fühlte man sich namentlich bei den beiden Mittelsätzen des Concerto grosso stark erinnert. Durch geteilte Stimmführung, solistische Verwendung mehrerer Violinen sowie von Bratsche und Cello weiß der Komponist sehr aparte und reizvolle Klangwirkungen zu erzielen. Ungeachtet mancher Anklänge (Puccini, Massenet) sind diese beiden Sätze des Concerto die originelleren und dankbareren im Gegensatz zu den Ecksätzen, die, als Preludio und Fuge durchkomponiert, strengeren klassischen Stil wahren. Im Ganzen ein Werk, das zu hören interessierte und für dessen Aufführung man dankbar sein konnte, besonders, da unter der umsichtigen und temperamentvollen Leitung Erich Eisners eine erfreulich erschöpfende Wiedergabe erzielt wurde. Ein besonderes Lob gebührt K u r t J a c o b für die Durchführung des anspruchsvollen obligaten Klavierpartes. Wer sich noch des früheren „Jüdischen Kammerorchesters" erinnert und damit die Leistung des aus diesem hervorgegangenen Münchener Kulturbundorchesters an diesem Abend vergleicht, vermag am ehesten zu beurteilen, welche Entwicklung dieser Streichkörper im Laufe der Jahre genommen hat und welche Fortschritte er aufweisen kann. Mit Disziplin und Hingabe arbeitet das Orchester an den ihm gestellten Aufgaben, und erreicht damit eine Höhe, die man anerkennen muß. Im Musikleben des Münchener Kulturbundes bildet das Orchester heute gewissermaßen den ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht; es ist diejenige Einrichtung, welche unser bodenständiges jüdisches Kunstvermögen am stärksten erfaßt und wiedergibt. Der Ernst und das Verantwortungsbewußtsein, das seine Mitglieder im Dienst an ihrer Aufgabe auszeichnet, lassen erwarten, daß es seine aufsteigende Linie beibehält und mit seinen Zielen weiter wachsen wird. Bk. Marioneffen Die Kunst des Puppenspielers, der seine Geschöpfe aus dem Unsichtbaren lenkt, ihnen Gedanken und Stimmen) gibt, allmächtig, ohne Selbstauifgabe1, bewährte sich für unsere Empfänglichkeiit zum zweiten Male. Die Marionettenbühne Münchener jüdischer Künstler brachte dem Kulturbünde am 4. Jan. zwei Gaben einprägsamer Art, mit tiefem Anteil, zuletzt mit inniger Freuide begrüßt. Bevor lebendige Menschen aim Werk sein können!, ein jüdisches Theater der Tradition und des Zeitverlanigens würdig zu schaffen, zeigt die unsterbliche Puppenbühne das Gleichnis des Lebens, von Mächten geführt, die dem Theater immer wieder Unerreichtes gegenüberstellen. Gewiß bleibt 'das lebendige Ziel dramatischer Kunst die Menschenbühne, die ein Puppenspiel als kleine Kostbarkeit zurückläßt, doch wir erlebein; jetzt so stark, in so brennendlem Leild und unbezwungener Hoffnung, wir finden soviel im Verlieren, daß der verstummende und wartende Wille viel an dem geheimnisvollen Gleichnis hat. Dieses Gleichnis als Vorbedingung größter Verwirklichung war es, was Heinrich von Kleist, den stärksten Dramatiker nach und neben Schiller, an den Zauber der Puppenbühne bainlnte. Aber der Abend vom 4. Januar erwies auch, was nicht als Grenze, sondern als entfaltendes Gesetz der Marionettenbühne bezeichnet werden kann. Ihre beseelende Macht, die alle Zauber bildender Kunst zu lösen vermag, ist die Musiki Fehlt sie, so bleibt ein schweres unid seltsames, sehr anregendes, aber ungelöstes Problem. Man wünscht sieh für das' Puppenspiel einen Raum bescheidener Einheit, schmal und bald begrenzt, der die großen wie die kleinen Kinder (Kinder werden hier alle) innig zusammenhält und die Enge der Guckkastenbühne nicht 'fühlbar ■macht." 4 . Musik weist in die wahren Möglichkeiten der Marionettenbühne. Es ist eine Tragik der Tragödie „Das Gelöbnis", die den Abend einleitete, idiaß sie beste Puppenlkainist gibt und doch vor der detzten Wirkungsmögliichkeit verstummt. Ein Nürsprechenhören, wenn auch noch so ausgezeichnet, wie in diesem Fall, läßt vor der Manionettenbühne große Kinderwünsche offen. Das Warum, von Musik beglückend aufgehoben, erhebt sich und1 muß dem Dichter Unrecht tun. Denn Perez Hirschbein der das „Gelöbnis" geschrieben!, ist ein Dichter, und daß er sich als solcher dem Puppenspiel widmet, gereicht ihm zum Ruhm und läßt auch dichterische Gaben für die lebendige Bühne hoffen. Ob ein jüdischer Dramatiker in Perez Hirschbein zu begrüßen iist, erweist sein Mariomiettenlstüok nicht. Ein Berufener läßt , sein Drama nicht einer Voraussetzung entrollen, die erst ani Schluß des Ganzem durchdrungen, anfangs als Grundimotiv nicht gewertet werden kann. Der sterbende Jüngling David ist uns schicksallsmäßig nicht nahe, als er im Prolog schon erlischt. Das Interesse erwacht erst für Ohanele. die Gelobte und Verlobte zwischen ihren frommen Eltern. Ibsen hätte den Toten mit seiner Forderung an die Lebenden sichtbar gemacht, von Bild zw Bdlld, aber hier is.t keime seelische Verzweigung, keine rückschauende Analyse, sondern nur ein lyrisches Gebild, schön, aber primitiv. Der Tote, dem das Gelöbnis gebrochen, hat nur Macht über die Personen des Stükkes« nicht über die Zuschauer. Dennoch ergibt sich eine dichterische, wenn auch nicht dramatische Atmosphäre. An ferne, leider allzu ferne Maeterlincktöne gemahnt die Welt der einsamen Mühle im kleinen Rahmen des Puppenspieles. Wir fühlen 'die Gewissenslast guter Menschen, die drohende Gottesstimme im Sturm. Mühlenflügel bewegen sich gespenstisch durch die Nacht der Seelen. Und ein Gewinn seltener Art ergibt sich aus dem düsteren, musiklosen und doch nachhallenden Spiel: das Ethos der jüdischen Seele wird sichtbar, ein jüdischer Poet greift in die Tiefe, wenn er die unbezwingliche Forderung eines Menschen vertritt, der das Glück der Liebe gefunden und durch das Unglück frühen Versagens nach Menschensatzung verloren hat. Gott, in dem er lebte und starb, gibt ihm sein Recht. Es gibt die Forderung seelischer Ehre, und die Braut wind dem Toten im Tode vermählt. Die zweite Gabe des Abends zieht alle Mitwirkenden über die Grenzen der Künste fort, denn sie gehört der unbegrenzten einen: der .Musik. In dieser lösenden Harmonie erst erweist sich das Verdienst der Puppenspieler und ihrer Helfer. Es ist ein kleines Wunder, wie nach der Haynd'schen Musik die Marionetten von Marie Luise Kohn, das szenische Bild von Rudolf Ernst jenes Leben gewinnen, das die besten Schauspieler in schwere Zweifel bringen kann. Marie Luise Kohn hat die Fernwirkung ihrer Puppen aus dem Grotesken ins Zarte und kindlich Drollige meisterlich erzielt. Geschöpfe werden sie im Tanz, und das Zauberwort der Musik kommt aus einer noch höheren Sphäre als Sprache und lenkende Hand. „Das Ochsenmenuett" gehört zu den glücklichsten Darbietungen der künstlerischen Marionettembühne, die durch Paul Branns tapfere Arbeit schon eine gute Tradition hat. Der alte Haydn ist ein Vatergeist für diese weise Kinderkunst. Zum Entzücken ergibt sich die Geschichte des ungarischen Ochsenhändlers, der zum fürstlich Esterhazyschen Kapellmeister kommt, um für die Hochzeit seiner Tochter ein Menuett zu „kaufen". Diese eilige Angelegenheit, hinter der des Schwiegersohnes mächtiger Wunsch steht, wird dem genialen Musiker auch sehr eilig, aber anders, als Herr Istok begreifen kann: Haydns Genie ist zum Ubermut geweckt, der ungeahnte Auftrag entflammt ihn, und er setzt sich sofort ans Spinett. In dem Tempo geht es weiter: der Komponist bringt alsbald dem Ochsenhändler das Ochsenmenuett, der glückliche Auftraggeber tanzt es mit der lieben Weiblichkeit, und das Honorar erscheint sogar in Gestalt eines kolossalen Ochsen aus Ungarland. Solche Elemente im Geist der Musik vereinend, das Publikum, groß und klein, in zeitlosen Rausch versetzend — das ist Marionettenkunst. Sie fand in München meisterhafte. Bildner und, bei Haydn wie bei Hirschbein, die tiefe Bescheidenheit der Stimmen. Lotte Ernst, Marie Luise Kohn, Reta Loeb, Lilly Marschütz, Nicoletta Rosenthal, Sonja Ziegler, Rudolf Ernst, Dr. Paul Kuhn, Walter Ries und Berthold Wolff seien hier genannt, ohne daß die Maße ihrer Verdienste abgewogen werden können. Beneidenswertes Theater! Die musikalische Leitung Dr. Josef Waldners und die Gesamtleitung Berthold Wolffs finden ihr Sonderrecht auf, Anerkennung. Georg Hirschfeld.