Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 23 (1.12.1935)
- Date
- 1935-12-01
- Page
- Seite 524 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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524 Bayerische Israelitische 'Gemeindezedtung Nr. 23 'Jüdische Gestalten bei Wilhelm Raabe Anläßlich des Todestages des Dichters, Das Buch von Gerson Stern „Der Weg ohne Ende" hatte einen sehr großen Erfolg bei den jüdischen Lesern. Als Werk, eines noch Unbekannten kann das nur dadurch möglich ge- .wesen sein, daß es einem tief empfundenen Bedürfnis entgegenkam: dem der Sinndeutung des augenblicklichen Erlebens aus der Geschichte. Dies ist m. E. der Hauptgrund seiner so starken Wirkung. Es ist nun wichtig zu wissen, daß der große Dichter Wilhelm Raabe an zwei Stellen seines Werkes den gleichen Stoff behandelt wie Gerson Stern: Einmal die.drohende und schließlich noch einmal abgewandte Zerstörung einer kleinen Gemeinde an der Weser im Jahr 1673 in „Höxter und Corvey", das anderemal in der zarten „Erinnerung aus dem Hause des Lebens", die auf dem Prager Judenfriedhoi spielt in der kleinen Erzählung „Holunderblüte". Warum lesen wir Raabe so wenig? Er gilt als Antisemit, und zwar auf Grund seines „Hungerpastors"* in dem eine unheilvolle Hauptrolle ein getaufter Jude, Moses Freudenstein, alias Theophile Stein, spielt. Diese Figur hat im Jahr 1903 eine alte jüdische Frau veranlaßt, dem Dichter in einem seither mehrfach abgedruckten Briefe zu schreiben, wie weh es ihr tue, daß der bewunderte und geliebte Raabe neben 'den egoistischen und zynischen Moses Freudenstein keinen anständigen Menschen unserer Abstammung und unseres Bekenntnisses gestellt habe. — Darauf anwortete Raabe, und zwar sofort: „. . ich muß sagen, daß Sie mir Unrecht tun. Behandle ich nicht im Hungerpastor den wirklichen Juden mit allem Respekt? Ist es meine Schuld, wenn Sie den Renegaten noch zu den Ihrigen rechnen? . . . Auch aus „Höxter und Corvey" können Sie wohl entnehmen, daß ich nicht zu den Antisemiten zu zählen bin, sondern nur wie unser Herrgott in seiner Welt mein Licht in meiner Kunst leuchten lasse — über Gerechte und Ungerechte. Juden haben in meinem Leben immer mit zu meinen besten Freunden und verständnisvollsten Lesern gehört — und daran hat sich bis heute nichts geändert." In einem andern (ebenfalls bereits mehrfach publizierten) Brief sagt Raabe zum gleichen Vorwurf über dies Buch: „Für mich hat der Renegat nichts mit dem rechten Israel zu tun und wird letzteres in dem Buche mit dem größtmöglichsten Respekt behandelt. .. Die riesige Freude, Ihren aufgeregten Anklagebrief durch mich widerlegt zu haben, können Sie sich ruhig selber machen, wenn Sie sich ein weniges mehr in meiner Lebensarbeit umsehen und damit zu einem freundlicheren Verständnis meiner Stellung zu Ihren Stammes- und Gastgenossen kommen wollen. Mir steht das Motto aus dem Sophokles über meinem ganzen Lebenswerk, und die Juden sind dabei nicht am schlimmsten gefahren." Wenn in dieser zweiten Briefstelle nicht alles so klar ist wie in der ersten — was heißt hier „Ihre4" Gastgenossen?, meint er mit dem Motto das Antigonewort „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da"? — so geht doch sehr viel aus dieser Kontroverse hervor. Zunächst, daß Raabe eine behagliche Zuneigung für die alten jüdischen Raritätenhändler hatte, deren düstere Schatzkammern er ja oft geschildert hat. Unvergeßlich besonders die des Vaters jenes berüchtigten Schurken und Renegaten, an deren Eingang „als vorzügliches Symbolum" eine Hoflakäienlivree des Trödelkönigreichs Westphalie aufgehängt ist, „an die Leute, die sie als Kinder angestaunt, sich noch im späten Greisenalter erinnerten". Und in diesen Höhlen die seltsamen welterfahrenen alten Juden und Judenfrauen, deren manchen er die eigenen bitteren Lebensweisheiten in den Mund gelegt hat: „Er tut wohl, daß er sich lachend in die Welt schickt. Die Zeit schwingt und schwingt; — auch seine Stunde wird kommen, wo er mit gerunzelter Stirn auf den schweren Pendul sieht." Und in dieser schmutzigen Welt läßt er nun zarte Kinder aufwachsen, die durch Geistiges die mangelnde körperliche Kraft ersetzen — Geist freilich sehr verschiedener Art! Denn aus den Mädchen werden die spöttischen Frauen, die ihr weiches Herz mit einer harten Schale schützen, und auch der Charakter des Schurken erwächst folgerichtig aus Kindheitserlebnissen — wenn sie überhaupt groß werden und nicht früh verlöschen wie die schöne Mahalath unter der großmächtigen Kaiserin Maria Theresia, als die Prager Judenstadt noch ein viel traurigerer Ort war, als im Anfang des 19. Jahrhunderts, wo die kleine bizarre Jemima Low ihr nachstirbt. .Völlig falsch wäre es aber, Raabes Verhältnis zu den Juden so „romantisch" zu sehen, denn das Schlüsselwort zum Verständnis steht in „Höxter und Corvey", als solch ein zartes und frühreifes Kind resolut nach allem Graus sich daran macht, das zerstörte Haus zu reinigen; „es war eben auch ein Sprößling jenes tapfersten aller Völker, das sich auf-jedem Brandschutt seines Glückes schier noch hartnäckiger-als das deutsche - Volk mit seinen Wurzelfasern wieder anzuheften wußte." Und dann im selben Werk: „Der Herr Gott, der Gott unserer Väter, ist unser Schutz von der Welt Anfang an. Er wird seine Hand auch in dieser Nacht über uns halten, wie er sie seit fünftausend Jahren über sein armes Volk in der Prüfung gehalten hat. Wir sind dem" Herrn zu Ehren noch immer da, was sie auch mit Marter und Bosheit gegen uns ausgeübt haben." Gesprochen werden diese Worte in Brand und Getümmel der Austreibungsnacht, und sie enthalten genau das Grundmotiv, das Gerson Sterns „Weg ohne Ende" durchzieht, wie Raabes zarte und schelmische Mädchengestalten sehr der Zarte, Hendel und Fraydel gleichen.. Als Sprachkünstler und -Gestalter steht Raabe weit über Gerson Stern; was Raabe aber am meisten von uns scheidet, ist eben sein scheinbarer ..Antisemitismus", denn Schurken wie einen Moses Freudenstein hat Gerson Stern nicht gezeichnet. Es mag für einen jüdischen Schriftsteller aus unbewußten Hemmungen unmöglich sein, heute solch eine Figur zu konzipieren — wichtiger für uns ist doch Raabes tiefe Motivierung dieses Charakters aus den Kindheitserlebnissen, die ihn aus der Gemeinschaft herauslösen und auf den Weg des Asozialen drängen. Aus einer allzu billigen Apologetik heraus hat man Raabe auf jüdischer Seite nicht verstehen wollen, hat trotz der oben zitierten Briefstellen seine positive Einstellung vergessen, so, daß man an Gerson Stern all das überlaut rühmt, was in viel dichterischer Weise vor ihm schon der alte Raabe gestaltet hatte: Ewige Bedrohung und tiefe Lebensunsicherheit und über allem stets die feste Gewißheit der „rechten Israeliten", daß s i e überbleiben werden, während die schwächeren Triebe abfallen: die körperlich überzarten Mädchen Mahalath und Jemima, und die moralisch Schwachen wie jener schurkische Moses Freudenstein, dessen einziges Ziel seit den verdüsterten Kindertagen heißt: „So will ich sitzen im Dunkeln und will lernen alles, was es gibt, und wenn ich alles weiß, und habe das Geld, so will ich ihnen in der Gasse vergelten, was sie mir tun." Nicht aus literarischem Interesse wurde hier der alte Wilhelm Raabe dem modernen Gerson Stern gegenübergestellt, sondern um die uns drohende Gefahr anzudeuten, aus Ressentiment den Sinn für Rang und Wert einer Leistung zu verlieren. Dora Edinger (Frankfurt a. M.) Restaurant Schwarz Schlosserstr. 2 Hänchen Tel. joy jö * mittag- und Abendessen in bestbekannter Güte Reichhaitige ä la carte Auswahl Menüs zu RM. 2.— RM. 1.65 im Abonnement „ 1.80 1.50 Ken: Teller essen (nur Mittags) RM. 1.80 io Karten 11.— Nachmittags-Raffee Gebäck aus eigener Konditorei Alle Lieferungen auch außer Haus! Abend-Aufenthalt IhrTreffpunktvoru.nachAbendveranstaltungen Stets frischer Kaffee — Tee — Schokolade Eis — Bier — Wein etc. Zeitungen, illustrierte Zeitschriften Schach — Spieltische