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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-10-15 · 20 (15.10.1935) · p. Seite 429

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
20 (15.10.1935)
Date
1935-10-15
Page
Seite 429 (sequence 1)
Language
German
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Jfcaefitijtffe iBemcinÖejcitung!3ac$t^ un& 6t$ Ükt&anÖetf ^aycctfrfjec Jfcaelitifcf)et Gemeinden Erscheint am l.u.l5.ieäen Moüats.—Verlag: B. Heller, München, Plinganserstr. 64, Tel. 73664 u. 73665. Postscheck München 3987, Herausgeber: Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: RM. 4.80 für das Jahr. Anzeigenpreis: Geschäftsanzeigen nach aufliegendem Tarif» Kleine Anzeigen und Stellenmarkt ermäßigter Sondertarif. XI. Jahrgang München, 15. Oktober 1935 Nummer 201 Inhalt: Neue Beiträge zur jüdischen Namenskunde — Jüdisches Winterhilfswerk — Die Welt des palästinischen Spatjudentums als "Hintergrund des werdenden Christentums — Aus der Gemeinde München — Aus der Gemeinde Augsburg — Jüdischer Turn- und Sportverein — Bücherschau — Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern — Jüd. Kulturbund in Bayern Ortsgruppe München — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachungen der Isr. Kultusgemeinde München: Bekanntmachung über den Gottesdienst in der Hauptsynagoge am Vorabend des Sim- ■chas-Thora-Festes — Personalia Neue Beiträge zur jüdischen Namenskunde Mit <der 'Parole, ihre außer religiöse' Eigenart 'aufzugeben und wie .die Umwelt zu -wenden, hat die westeuropäische Jiuldemheit vor mehr als VA Jahrhunderten auch ihre Gewohnheit, an den alten Familien- und Rufnamen unentwegt festzuhalten allmählich aufgegeben. Der größte Teil des deutschen Judentums hat a<uch da, w.o er noch an der Überlieferiung streng festhielt, ans Zweckmäßigikeitsgründen im Lauf e der letzten 100 Jahre die (alten Rufnamen der Väter preisgegeben. Ein neuerer Forscher über die Familiennamen der Juden in Deutschland, Professor Gerhard 'Kessler1 ihat folgende Feststellung gemacht: Von den Berliner Trägem des Namens „Cohn", die im Jalbr 1926 im Berliner Adreßbuch verzeichnet waren, hatten nur mehr 10,9 % des 'Gesamtbestandes die altj'üdisühen Namen wie Isaak, Salornon, Nathan etc. einschließlich der Namen Michael, Jakob, Josef, während die deutsch-christlichen Namen 86,7 % und die fremldländisclben (William, James, Henry, Jacques*, Iwlan) 2,4% betrugen; Die etwas kleinere Gruppe der Berliner „Levy" ergab 1'2,4% altjüdische, 84,2% deutsch-christliche und 3,4% fremdländische Namen. Bei 322 Berliner „Levys" und -823 „Cohn", wobei nur die Adreßbuch-Oberhäupter jeder Schreibung mitgezählt sind, 'bandelt es sich nicht mehr um zufällige kleinere Zahlen, sondern um charakteristische Gewohnheiten der Namensgebung unserer Väter und Großväter. Gegen jede Art jüdischer Romantik von heute muß mit aller Bestimmtheit gesagt werden, daß die weithin hallende und auch uns Richtung gebende Weisheit aus Goethes Iphigenie „Wohl dem, der seiner Väter gern «edetfkt. Der froh von ihren Taten ihrer Größe Den Hörer unterhält und still sich freuend Ans.Emde dieser schönen Reihe .sich . Geschlossen •sieht!" auf unsere Väter und Großväter, die auch wußten, was sie täten -und lauch ideelle Werte kannten, genau so zutrifft wie auf unsere Urgroßväter und Urahnen. Die Streitfrage, oib wir da wo wir nach 'Rufnahmen zu vergeben haben oder sonst noch Wünsche über Familiennamen hegen dürfen, uns lieber der Axt der .Namensgebung der Väter, der Größväter oder Urgroßväter anschließen oder nur an uns selbst denken, sei hier verlassen. Derselbe Autor, der die Feststellung über die Cohns und Levys aus dem Berliner Adreßbuch gemacht (bat, unter- : sucht in seinem objektiv und wissenschaftlich gehaltenen Werk 1 Mitteilungen .derZentralstelle für Deutsche Personen-und Familiengeschichte 53.,:Heft:, Gerhard Kessler, Die Familiennamen der Juden in Deutschland:.: Leipzig 1935. über jüdische Namen m Deutschland, auch die Vornamen der ostjüdischen Zuwanderer, die noch länger etwas andere Gewohnheiten bezüglich der Namensbeilegung beibehalten haben als die altansässigen jüdischen Familien: Diese Schicht gab auch in Deutschland häufiger noch die alten Namen wie Abraham, Akiwa, Cbaim, Chaskel, Gedaijo, Juid!a, Leiser, Löb, Manasse, Moses, Naobum, Naftali, Pinbus, Rafael. Sali, Schlome, Saul und Zadiik. Der inichtjüdiscbe Namenisforscher, Prozessor Gerhard Kessler, bemerkt daziu: „So befremidiKch der größte Teil dieser Namen für den Deutschen auch ist, so wird doch niemand der Volkstreue, von der sie zeugen, die Achtung versagen. Wahrscheinlich wäre viel Irrtum. Traum und Dünkel, viel Enttäuschung und Leid vermieden worden, wenn es auch unter den Juden des Berliner Westens und Südwestens, unter den Juden des Großbürgertums und der Bildungsschicht, unter den altansässigen Juden Deutschlands im letzten Jahrhundert mehr Baruch und Leiser, Moses und Scholem und weniger Alired und Kurt, Arthur und Siegfried gegeben nätte." Eine Kritik an dieser Wahrscheinlichkeitsannahme, die in Wahrheit ein unhistorisches zeitbedingtes Urteil ab eventu einschließt, sei hier unterlassen! Eine apologetische Haltung wäre einem solchen Urteil gegenüber ebenso unangebracht wie ein Reuebekenntnis mit Augenauischiag. Wir haben zu versuchen diese Dinge ex tunc, das heißt nach den Anschauungen und Sitten der Zeit zu verstehen omd wenden uns produktiver dem wichtigen historischen Phänomen des Namenswechsels unter den Juden in Deutschland! zu:' Mit denbeiden Menschenaltern der Judenemanzipation (1787—1848) schließt bekanntlich in Deutschland die Zeit der jüdischen Famiiennamembildung im Großen ab. Nach dem, was der Zeit und Umwelt für Wert und Unwert, für schön und häßlich galt, wählten damals Juden Vorzüge des Leibes und; der Seele, manchmal auch die Sehnsuchtswünsche der Mütter als Namen für sich und ihre Kinder. Anlässe und Motive dieser oder anderer Namengebiungen sind oft beschrieben worden. Von der Mitte des vorigen Jahrhunderts ab, vielfach schon früher war es nicht mehr allgemein möglddh mit dem Wandel von Menschen, Gesellschaft und Staat, mit dem Wandel der Denk- und! Sprechweise, vor allem mit den wechselnden Schönheits- und Zweckmäßigkeitsbegriffen den Familiennamen zu andern. Die Änderung wurde zum mündesten an ein umständBohes be^ höndlidhes Verfahren geknüpft, im .ganzen blieben die Namen Cohn, Levy, Rosenbaum unveränderlich und erblich. Selbst die -

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