Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 15 (1.8.1935)
- Date
- 1935-08-01
- Page
- Seite 325 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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$ayenfcfye Jftoeltttfc^e töcmcinöcjeitung {lat|ti$te^ imö':&t$ Uterftcmöe* Jtouerifdfcc JftoeltMf^et (Stmdnflen Erscheint am l.u. 15. jeden Monats.—Verlag: B.Heller, München, Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: RM-4.80 für das Pllnganserstr. 64, Tel. 736 64 u. 73 665. Postscheck München 3987, Jahr. Anzeigenpreis: Geschäftsanzeigen nach anfliegendem Tarif. Herausgeber: Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Kleine Anzeigen und Stellenmarkt ermäßigter Sondertarif. XI. Jahrgang München, 1. August 1935 Nummer 15 Inhalt: Die jüdische Mystik — Midraschim der Klage und des Zuspruchs — Das Schicksal des deutschen Judentums in Briefen — Das Mal der Sendung — Aus der Gemeinde München — Aus der Gemeinde Augsburg — Aus bayerischem Gemeinden — Aus dem Verbände — Jüdischer Tum- und Sportverein — Bücherschau — Personalia. Die jüdische Von Rabbiner Dr. A1 e x a Soll die Eigenart der jüdischen Mystik gesehen werden, so muß der Blick der Forschung sich neben der in den letzten Jahrzehnten verdienstlich geübten Analyse, Quellenscherdung und phasenmäßigen Gliederung wieder stärker auf Zusammensohau und Gestaltnachweis des Ganzen konzentrieren. Es dürfte sich hierbei zeigen, wie trotz der Disparatheit der Motive, die in den Strombereich der jüdischen Mystik hineingeflossen sind, immer wieder die großen Grundlinien jüdischer Frömmigkeit und jüdischen Denkens hervortreten. Uber einen ungeheuren geographischen und chronologischen Raum verstreut, arbeiten schließlich palästinensische, 'babylonische, spanische, provencalische, deutsche und polnische Mystiker des Judentums an dem einen großen. Werk der Hineinstellung der Bibel in den kosmischen. Raum. Gewiß ist der Nachweis der verschiedenen Ursprungsherde und Einflüsse für die wissenschaftliche Erfassung der bisher immer noch sehr dunklen jüdischen Mystik nicht zu missen. Zweifellos ist es von größter Bedeutung, etwa die Wirkung 'babylonischer und griechischer Gedanken auf die Apokalyptik, den anregenden Einfluß der Gnosis auf die tanaitisch-talmudische Mystik, die entscheidende Rolle des Neuplatonismus in der Gestaltung der Sephirotlehre im 13. Jahrhundert zu verfolgen. Es ist aber von: nicht geringerem Interesse, die konstanten Elemente dieses Werdeprozesses, besser die Kontinuierlichkeit dieses Werdens zu sehen. Unvergleichlich stärker als etwa die arabische Mystik, deren Struktur durch die Verschmelzung mit indischem Gedankengut wesentlich verändert wurde, hat sich die jüdische Mystik ihre spezifisch-jüdische Eigenart zu bewahren vermocht. Der Grundzug positiver, schöpferischer Assimilation, der dem Judentum zu eigen ist, hat sich auch auf diesem Feld seiner Geistesgeschichte bewährt. Die Kraft solchen Sichbehauptens stammt aus der seit ältesten Zeiten mit staunenswerter Zähigkeit durchgeführten Orientierung an der Bibel. Das biblische Material ist und bleibt letzte Autorität. Die Strenge und Klarheit der biblischen Weltanschauung und Frömmigkeit bewahrt immer wieder vor dem Versinken im Fremden. Auch wo die Spekulation in ganz neue Bereiche vorstößt, sucht sie sich doch immer wieder von der biblisohen Ausgangsposition her zu begreifen und exegetisch zu legitimieren. Ist doch die Quelle der Mystik nicht ein phi- 1 Auszug aus einem bei Eröffnung des Rambam-Lehrhauses in Berlin gehaltenen Vortrag. Mystik der Altmann, Berlin.1 losophisches oder wissenschaftliches Anliegen, sondern die Frömmigkeit des gläubigen Menschen, dem Offenbarung zuteil geworden ist, dem aber dieses Empfangene nun zum Gegenstand der unablässigen Versenkung wird. Der Mystiker denkt sich mit seiner ganzen Existenz im die Offenbarung hinein. Was seine - Kontemplation aus ihrem Schacht eirnporholt, ist ihm notwendig ebenso Empfangenes, Kabbala, wie der ursprüngliche Text. „Wende sie Cdie Lehre) hin, und wende sie her, denn alles ist in ihr." Das Wagnis der Exegese ist freilich mitunter kühn genug. Aber der echte Mystiker treibt hier kein frevles Spiel des schlauen Unterlegens, sondern tut nichts anderes als das Notwendige: wagende Schau der letzten Tiefen des Wortes. Hierin hebt er sich von einem anderen Typus, dem des Philosophen, ab. Mag auch etwa der mittelalterliche Philosoph ebenso von der Bibel herkommen, so ist dem Mystiker das Offenbarungswort nicht nur Ausgangspunkt, sondern zugleich der ganze Ort seines existentialen Denkens. Er verbleibt im Umkreis des Geheimnisses, er bleibt Mekubbal, Empfänger. Es ist ja eine grundverschiedene Beziehung zu G'tt, die den Mystiker vom Philosophen scheidet. Für den Philosophen i s t G'tt, für den Mystiker lebt G'tt. "Auch wo für den Philosophen der G'ttesbegriff im Zentrum des Denkens steht, , ist G'tt. eben nur ein Gegenstand des Denkens, nicht das lebendig erfühlte, erlittene, erlebte Gegenüber des, Menschen. Die Mystik nur macht letzten, radikalen Ernst mit der Wirklichsetzung G'ttes. Die Mystik allein macht daher auch letzten radikalen Ernst mit dem Wort G'ttes. Die Welt der. Bibel liegt klar, fertig und prägnant vor dem Blick des Mystikers. Alles Fertige aber ist tot. Das Fertigsein der Bibel, die das Wort des lebendigen G'ttes ist, muß sich daher als bloßer Schein enthüllen. Es gilt, die lebendigen Gründe der unbewegten Oberfläche abzuhorchen, das geheime Leben der Offenbarung zu ergründen. Dies leistet, die mystische Kontemplation, die ihrem Wesen nach aus der Idee der Offenbarung selbst gefordert ist. Es ist nicht richtig, das Judentum als Religion des Aktivismus anderen Glaubenssystemen, die der Kontemplation zugewandt sind, entgegenzusetzen. .Vielmehr fordert auch das Judentum die Kontemplation des Göttlichen. Entscheidend ist nur die Frage, ob durch sie die Aktivität vernichtet oder genährt wird. Man darf nicht vergessen, daß die Bibel selbst nicht bloß Tatgebote, Halacha, sondern auch Teophanien enthält. Die Prophetie selbst ist Kontemplation und Ekstase. Die Mystik ist