Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1935
- Issue
- 7 (15.7.1935)
- Date
- 1935-07-15
- Page
- Seite 19 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9934493-9934523-9934531--381-2743490- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
19 Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins.für Bayern den. Wir beobachten das Keimen und Ranken der Bohnen, das Keimen und Wachsen der Kartoffel, besprachen dlie Bedeutung der Bodenlockerung, die Düngung und vieles andere. Wir fanden beim Umgraben Engerlinge und nahmen die Gelegenheit wahr, im nachfolgenden Unterricht den Maikäfer zu behandeln. Die wenigsten Kinder kannten den Engerling aus Naturanschauung. Größte Aufmerksamkeit herrschte in der ganzen Klasse. (Alle Jahrgänge vom 1.—8. Jahrgang sind bekanntlich in der ungeteilten Schule vereinigt.) Auch die kleine sechseinhalbjährige Evi im 1. Jahrgang, die kunstvoll ihren Maikäfer ins Heft malte, horchte gespannt zu und wollte wissen, warum der Maikäufer ein braunes Kleid trage. Die „Großen"' mußten lachen über diese für sie so naive Frage. Und noch mehr mußten sie lachen über meine Antwort, daß sich der Maikäfer braun geärgert habe, weil er so lange in der finsteren Ende hausen mußte. Aber wir dachten doch ernstlich nach über die „dumme" Frage des klugen Kindes und siehe da, schnell stellte sich heraus, daß „braun" die Schutzfarbe des Maikäfers, ein Geschenk der Natur sei. . Wenn ich zusammenfassend wiederhole, daß die erzieherischen Werte der Arbeit im Schülergarten nicht zu unterschätzen sind, daß sie im Zuge der Zeit der Berufsumschichtung der jüdischen Jugend entgegenkommen, so möchte ich noch hinzufügen, daß auch die staatliche Aufsichtsbehörde im allgemeinen die Anlagen von Schülergärten fordert laut Scbul'bedarfsgesetz, nach welchem jede Gemeinde, die ein geeignetes Grundstück ihr eigen nennt, gezwungen werden kann, ein entsprechendes Stück Land zu genanntem Zweck bereitzustellen. Wir haben leider auf dem Lande und in den Kleinstädten wenig jüdische Volksschulen mehr, aber, wie wäre es, wenn auch die Kollegen auf den Religionslehretrstellen meine Anregung aufgreifen würden, die neue Tätigkeit würde sicher Befriedigung bringen für Lehrer und Schüler, Stoff geben für den Unterricht und ein weiteres Band schlingen im guten Verhältnis zwischen Gemeinde und Lehrer. Wie sich der Gedanke der Schülergartenarbeit in großstädtischen Volksschulen in die Tat umsetzen läßt, — dazu ein Urteil abzugeben fühle ich mich nicht berufen. Es dürften aber auch da weder Wollen noch Können der beteiligten Faktoren ein Hindernis bilden, sondern lediglich die unter Umständen sehr weite Entfernung des Gartens vom Schulihause. Die verehrliche Schriftleitung ist vielleicht in der Lage, in einer 'Anmerkung meine Ausführungen nach dieser Richtung hin zu ergänzen. * * * Die Schriftleitung dankt dem Kollegen Levite dafür, daß er die Frage des Schulgartens hier zur Debatte gestellt hat. Die von ihm gewünschte Ergänzung seiner Ausführungen in der Richtung des „Schulgarten1 in der jüdischen Großstadtschule" läßt sich natürlich nicht in einer „Anmerkung" durchführen. Denn das ist ja das eigentliche Problem. Erst die jüngste Zeit ist sich der Aufgabe voll bewußt geworden, daß die Schule die rein intellektualistische Einstellung aufgeben und ihre Aufgabe weiter fassen muß. Die neuzeitliche Schule fordert, das Kind in seiner Totalität zu umfassen und verlangt gleiche Ausbildung für Körper, Geist und Seele. Diesem Streben dient auch der Schulgarten, in dem den Kindern Aufenthalt in freier Luft zugleich mit botanischen Belehrungen geboten wird. Die Realisierung dieser Bestrebungen — Errichtung von Schulgärten — ist m. W. in jüdischen. Schulen der Großstadt nur in wenigem Fällen durchgeführt. Und weil Schulgarten und auch andere neue Erziehungsideale im Rahmen der Großstadtschule nur selten erreicht werden können, so soll hier —für heute nur schlagwortartig—eine neue pädagogische Forderung, mit der wir in der nächsten Nummer uns eingehender befassen werden, angemeldet werden: Das Schullandheim. Veremsmitteilungen I. Zu der am 22. Juli nachmittags 3 Uhr in der Lehrerbildungsanstalt in Würzburg stattfindenden Mitgliederversammlung sind iolgende Anträge eingegangen: Antrag S. Blumehthal (Würziburg): Die Generalversammlung wolle beschließen, daß künftighin in der Verwaltung des Vereins stets zwei Mitglieder aus Landgemeinden bzw. Zuschußgemeinden und ein Vertreter der Pensionisten Sitz und Stimme haben sollen. Antrag S. Kissinger (Würzburg): Die Generalversammlung beschließt, daß in Zukunft in der Verwaltung des Vereins ein Vertreter der Pensionisten Sitz und Stimme hat. Anträge Lewkowitz (Buttenwiesen): 1. Die Arbeit des Junglehrers in der Kleingemeinide ist verantwortungsvoller geworden. Vielfach ist der Anfänger ihren schweren Aufgaben nicht immer ganz gewachsen. Deshalb muß noch mehr als bisher eine organisierte Fortbildungsarbeit einsetzen. Die dafür eingesetzten, leider seilten stattfindenden „Bezirkskonferenzen" entsprechen erfahrungsgemäß nicht immer der weltanschaulich - religiösen Einstellung ihrer Besucher. — Finanzielle Gründe sollten mit allen möglichen Hilfsmaßnahmen hinweggeräumt werdeni so daß auch in Bezirken mit weit entfernten jüdischen Gemeinden eine geregelte Fortbildungsarbeit für Junglehrer einsetzen kann. 2. Als Auftakt und ständige Einrichtung zu dieser wichtigen Aufgabe mögen in den Ferien stattfindende Zusammenkommen der Junglehrers ch aft in Gemeinschaf t s 1 a g e r n dienen und zwar in Kleingemeinden, oder in der Nähe von solchen, wo jüdisches Leben pulsiert; verbunden soll jeweils damit ein Scihukngskurs sein, um unsere Arbeit zu vertiefen. Somit ist auch dem Kollegen, der abseits der „großen Straße" liegt, Gelegenheit geboten, seine anderen, gleichalterigen Kollegen kennen zu lernen, für seine Arbeit Anregung zu bekommen und ihn vor dem schlimmsten — dem Entfremden durch die dörfische Abgeschiedenheit — zu bewahren. 3. Unsere „Mitteilungen" sollten sich noch mehr als bisher in den Dienst des Aufgabenikreises des Junglehrers in Klein-Gemeinden stellen und sie zur evtl. Aussprache in denselben herbeiziehen. 4. Die Mitgliederversammlung möge ferner in eine Debatte über einheitliche Gehaltsregelung der Junglehrer eintreten, denn die Verhältnisse sind hier äußerst verschieden. Antrag Krämer (München): Die Mitgliederversammlung beauftragt die Verwaltung, innerhalb der geltenden bayerischen Lehrordnung einen Rahmenlehrplan für jüdische Volksschulen auszuarbeiten, in dem die jüdischen Kultur- und Bildungsgüter weitgehemdst berücksichtigt werden. Antrag Berliniger (München): Die Generalversammlung wolle beschließen: 1. Der Lehrerverein möge sich mit der Leitung der Lehrerbildungsanstalt ins Benehmen setzen, um eine besondere Pflege des Neühebräischen bereits im Seminar zu erreichen. 2. Bei der Bedeutung des Iwrith für alle Lehrer möge die Vereinsleitung dafür Sorge tragen, daß in den Fortbildungskonferenzen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern regelmäßige Kurse für Neuhebräisch stattfinden. 3. Zur Erzielung einer gewissen Einheitlichkeit in der Fortbildung möge die Vereinsleitung entsprechende Richtlinien an die Bezirkskonferenzen hinausgeben. Antrag Ermann (München): Die Lehrerversammlung wolle beschließen: Der Jüdische Lehrerverein für Bayern stellt im Rahmen seiner sozialen Fürsorge Mittel zur Verfügung zur Erlernung eines handwerklichen oder landwirtschaftlichen Berufes und zur Auswanderung nach Palästina 1. den Söhnen und Töchtern solcher Kollegen, die bei der Einreiohung des diesbezüglichen Antrages mindestens 5 Jähre Mitglieder des Vereins gewesen sind; 2. junlgen Lehrern und Lehrerinnen, die bei der Einreichung des Antrages mindestens 1 Jahr Mitglieder des Vereins waren. Die Vorstandschaft des Jüdischen Lehrervereins für Bayern behält sich in jedem einzelnen Falle ihre Entschlüsse nach Prüfung der Verhältnisse vor. * II. Das Ministerium f. U. u. K. hat in einer Entschließung vom 5. Juli die Regierungen ermächtigt, den jüdischen Lehrern Urlaub für den Schulungskurs zu gewähren. Neuzugänge: III. Siegfr. Kornfeld, Kaiserslautern; Leopold Rose, Oettingen; Jakob Färber, Rockenhausen; Heinrich Goldschmidt, Fischach. München, den 10. Juli 1935. M. R o s e n f e 1 d M. A d 1 e r.