Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern · 1935-06-15 · 6 (15.6.1935) · p. Seite 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
Volume
1935
Issue
6 (15.6.1935)
Date
1935-06-15
Page
Seite 17 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9934493-9934523-9934529--378-2743442
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 6 Mitteiltingen des Jüdischen Lehrervereins" für Bayern t 17 Problematik der jüdischen Bünde Von Dr., Werner Cahnma.iin Anmerkung der Schriftleitung: Die letzte Nummer der „Jüdischen Schulzeitung" vom 1. Juni 1935 brachte einen Artikel von "Kurt Bergel über „Werkleute" (.über bündische Erziehung urid Lehrerschaft), der das eben erschienene Ducti von Hermann üerson „Werkleute", „Ein Weg jüdischer Jugend" behandelt. Da die Jugendbünde eminente Erziiehungsfaktoren sind, so ist es selbstverständlich, daß sich auch Lehrerzeitungen mit ihnen beschäftigen. Wir haben raun einen bekannten bayerischen Jugendführer gebeten, 'die Frage der Problematik der jüdischen Bünde hier au behandeln und danken ihm herzlichst für die Beredtwilligkeit, mit der er unserer Aufforderung nachgekommen ist. Die Sohriftleitung selbst wird, sobald der Raum unserer „Mitteilungen" es zuläßt, über den „Jugendbund als Erziehungsfaktor" schreiben. Es ist ein offenes Geheimnis, daß der „Bund" heute an die Seite von Schule und Elternhaus als dritter Erziehungsfaktor getreten ist. Deshalb müssen alle Erzieher mit ihm rechnen — die städtischen, weil ihre Jugend eine großenteils und jedenfalls bestenteils bündische ist und die ländlichen, weil sie sich bemühen müssen, die ihnen anvertrauten und heute oft so unheilvoll isolierten jungen Menschen so zu führen, wie wenn sie bündisch wären oder es werden sollten. Kurz gesagt, die „Bünde" sind eine legitime Erscheinungsform des jüdischen Lebens geworden: ehrwürdige Gemeindehäupter zollen ihnen den Tribut der Begrüßungsansprachen und eine Lehrerzeitung veröffentlicht einen Aufsatz über sie. Das sind Zeichen, die zu denken geben müssen. Die Zeit der oppositionellen Jugendbewegung" ist vorüber und umrissenere Formen jugendlicher Lebensgestaltung beginnen sich herauszubilden. Der Weg von Pfadfinderschaft und Wandervogel zu den heutigen nichtjüdischen Organisationen ist eindeutig; die jüdische Jugendbewegung — mag sie in ihren Anfängen „Blau- Weiß" oder „Kameraden" geheißen haben — ist ein Kind der deutschen und, wenn es in ihr und durch sie so etwas wie den Anflug einer „jüdischen Erneuerung" in unseren Tagen wirklich geben sollte, so wäre sie aus den Gnaden des deutschen Geistes entstanden. Wie -die deutsche Bewegung, aus der sie geboren ist, hat auch die jüdische Jugendbewegung das unverbindlich Sehweifende, das zugleich romantisch Sehnende und trotzig Negierende ihrer Frühzeit verloren. Nicht staatlich zwar hat sie sich «gefestigt, wie die deutsche Jugendbewegung, und nicht sich weithin geeint, es sei denn, man fasse die äußerlich-organisatorische Zusammenfassung in den Dachgebilden der Ortsringe, der Landesjugendausschüsse und des Reichsausschusses der jüdischen Jugendbünde wenigstens als den möglichen Ansatzpunkt einer solchen Einigung auf: der deutsche Staat von heute hat sie nicht gerufen und der jüdische Staat ist nicht existent. Gleichwohl ist auch sie, die jüdische Jugend in ihren vielen Bünden, nach beiden Seiten hin, nach außen und nach innen, aus ihrer Fahrt ins Blaue eingekehrt in die kantigen Bereiche der Verantwortung. Nach außen sind es <d$e Fragen der Berufswahl und nach innen sind es die Fragen des „Lernens", an denen sich die Problematik jüdischer hündischer Jugend von heute entzündet. Die Frage der Berufswahl steht unter dem Zeichen der Chaluzäut. Das soll heißen, daß die soziale Umschichtung, die von Jahr zu Jahr deutlicher in Erscheinung tritt, sich vollzieht in der Ausrichtung auf das Gemeinschaftsempfinden, in de* Idee des Vorkärnpfertums. Dies aber bedeutet für das Berufsethos, das im jüdischen jungen Menschen herangebildet wird, eine Umwälzung, die man sich gar nicht radikal genug vorstellen kann. Das Zeitalter des Frühkapitalismus war der seit Jahrhunderten gezüchteten Veranlagung der Juden, ihre Geschäfte unter eigener Verantwortung und zu eigenem Vorteil oder Nachteil zu führen, weit entgegengekommen; der wagende Kaufmann, der unternehmungslustige Kopf war der Mann der Epoche. Je menr man dannin den letzten Jahrzehnten von der freien zur gebundenen Wirtschaft mit ihren Massenorganisationen überging, je mehr der Typ des emsigen Wirtschaftsbürokraten der allgemein geforderte wurde, desto mehr wurde der hoch hinaus strebende jüdische Individualismus aus einer förderlichen zu einer lästigen Eigenschaft. Es bleibt das Verdienst des zionistischen Flügels der jüdischen Jugendbewegung, zumal des Hechaluz, aus der Not eine Tugend gemacht und große Teile der jungen Generation zum kollektiven Herabschrauben ihrer Berufsansprüche veranlaßt zu haben. Für diese Jugend hat sioh das Wort Herzls bewahrheitet, daß eine Fahne nicht ein Fetzen Tuch ist, sondern eine Realität. Die deutschjüdische Jugend hat es aus vielen Gründen sehr viel schwerer. Wer der Erhaltung des deutschen Judentums, dienen will, muß wissen, daß Umschichtung in landwirtschaftliche Berufe, so, wie die Dinge heute liegen, gar nicht und in handwerkliche Berufe nur in sehr geringem Ausmaß möglich sein wird. Es wird die große und dornige Aufgabe des Bundes der deutschjüdischen Jugend sein, die jungen Menschen, die seiner Parole folgen, in die kaufmännischen Beschäftigungen hineinzuführen, deren Lehrstellen heute in-so verhängnisvoller Weise offen stehen. Das ist der Grund, weshalb auch für die jungen Kaufleute Formen des Gemeinschaftslebens gefunden werden müssen, die dem Gemeinschaftsdenken der jungen Generation entsprechen. Die Problematik des „Lernens" hängt mit den Fragen der Berufsumschichtung sehr eng zusammen. Früher waren die Mitglieder der Bünde durchweg Schüler der unteren und mittleren Gymnasialklassen, die Führer Schüler der Oberklassen und Studenten — Menschen also, die ein individuelles Bildungsziel vor sich und einen sehr eigenwilligen Kopf auf hatten. Die Heimabende arteten deshalb leicht zu Diskussionsveranstaltungen aus unld wer über 20 Jahre alt war, den führte sein Weg mit Sicherheit aus Bund und Bindung hinaus. Die bürgerliche Gesellschaft nahm die zurückkehrenden Kinder auf, geprägte Köpfe zwar, aber keine geschlossene revolutionäre Phalanx. Alles dies ändert sich vor unseren Augen mit rasender Geschwindigkeit und „Generationen" folgen beinahe so rasch aufeinander wie früher die Jahrgänge. Mit 13. 14, 15 Jahren werden die Kinlder — voreiligerweise, wie wir glauben — aus der Schule getan, bestenfalls in eine Berufsschule, meist aber sogleich in eine Lehre gesteckt. Es ist erstaunlich, was solche junge Menschen nach einem anstrengenden Berufstag an ihren Abenden gemeinsam geistig zu bewältigen versuchen; aber über die Kraft kann niemand. Heute noch hat die Schicht der bündischen Führer wenigstens Mittelschulbildung. In spätestens 1 oder 2 Jahren wird das vorüber sein. Man wird bezweifeln dürfen, ob dann der Bund der Werkleute noch eine Persönlichkeit hervorbringen wird wie Hermann Gerson. (Schluß folgt.) Vereinsmitteilungen 1. Personalia: Am 28. Mai beging Kollege N. B a mberger. Kitzingen, seinen 60. Geburtstag. Wir beglückwünschen auch an dieser Stelle unseren lieben Freund aufs herzlichste. 2. Neuaufnahmen: Hans Siegfried Ermann. Schulamtsbewerber in München. 3. Stellenbesetzungen: Der Lehrer Hermann R o s e n t a 1, bisher in Frankfurt a. M., wurde nach Neumarkt, der Schulamtsbewerber Färber nach Rockenhausen berufen. — Der pensionierte Volksschullehrer Popper in Leer übernahm die Religionslehrerstelle in Maßbach. 4. Die Volksschulstelle in Thüngen wurde mit Beginn des Schuljahres 1935/36 aufgehoben. Die Schule wird als private jüdische Volksschule weitergeführt. München, den 10. Juni 1935. M. Rosenfeld. M. Adler. Seit 1845 SäJIltj SGICIG Ufld W0ll6 geschmackvoll, haltbar und preiswert bei HAIMANN am Schillerdenkmal

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.