Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 11 (1.6.1935)
- Date
- 1935-06-01
- Page
- Seite 241 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Hod)ticf)fcn6lattÖtt imö 6z$ Öet&tmöe* $agetffdjec ijtoeHöJ^et^metaflen Erscheint am l.u. 15.jeden Monats.—Verlag: B.Heller, München, Plinganserstr. 64, Tel. 73664 u. 73665. Postscheck München 3987, Herausgeber: Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: RM. 4.80 für das Jahr. Anzeigenpreis: Geschäftsanzeigen nach aufliegendem Tarif. Kleine Anzeigen und Stellenmarkt ermäßigter Sondertarif. XI. Jahrgang München, 1. Juni 1935 Nummer 11 Inhalt. Familien- und' Ahnentreue — Das erste mathematische Lehrbuch' in hebräischer Sprache — Der Reisepaß einst und jetzt — Thomas Mann — Kunstfragen — Aus der Gemeinde München — Aus der Gemeinde Augsburg — Aus bayerischen Gemeinden — Jüdischer Turn- und Sportverein — Geschäftliches— Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachungen des Verbandes Bayer. Israel. Gemeinden: Bekanntmachung über Ausdehnung des Gebietes der Israelitischen Kultusgemeinde Mellrichstadt auf das Gebiet der politischen Gemeinde Oberwaldbehrungen; Bekanntmachungen der Israel. Kultusgemeinde München: Bekanntmachung: Im Israelitischen Pensionat, München, Kaulbachstraße 65 — Personalia. Familien- und Ahnentreue Zum 50. Todestag von Abraham Merzbacher sei. A., gestorben am 21. Siwan 5645 (4. Juni 1885) Über die Fragen der jüdiisohen Familienforschung war in diesen Blättern wiederholt berichtet. Anlaß, an die im alten Judentum jederzeit pietätvoll gepflegte Familien- und Ahnentreue zu erinnern, gibt dter Gedenktag an eine Münchener jüdische Persönlichkeit, die in hohem Maße die besten und edelsten Eigenschaften guter westlicher Juden des 19. Jahrhunderts — heute vielfach bei Juden und Nichtjuden verkannt und obenhin abgeurteilt — verkörpert. Die primitivste Gerechtigkeit und der natürliche Anstand erfordern, daß unser Urteil über frühere jüdische Generationen, auch über das viel verschriene 19. Jahrhundert, sich nach den besten Erscheinungen und höchsten Ansprüchen richtet. Die folgende Lebensskizze ist nach mündlicher Überlieferung und nach ausführlichen gedruckten Nachrufen sowie sonstigen authentischen Notizen entworfen. Abraham Merzbiacher ist am 12. Tischri (19. September) 1812 in Baiersdorf geboren; er hatte eine abgeschlossene Rabbinats- und" Hochschulbildung hinter sich, als er in den vierziger Jahren als Mitinhaber in das bekannte Münchener Bankgeschäft J. L. Oberndörfer eintrat. Der zum Rabbiner ordinierte und an der Universität Erlangen ausgebildete 'Bankier und Numismatiker war in einer zur religiösen Gleichgültigikeit und zu einer weltzugewandten1 optimistischen Aufklärung besonders geneigten Epoche mit seltener Liebe und Treue dem Judentum anhänglich; seine jüdischen Studien im alten Sinn des täglichen „Lernens" sowie auch in moderner Richtung eines vertieften historischen, theologischen und allgemein wissenschaftliohen Verständnisses für das umfassende jüdische Geistesgtit hat er in keinem Zeitpunkt seines Lebens aufgegeben. Er vertand es, die strenge Observanz altjüdischer Gläubigkeit und Lebenshaltung mit einer weltoffenen Aufgeschlossenheit für Geschäft und Leben zu vereinen. Die ihn kannten, rühmten ihn als gewandten, erfahrenen Welt- und Geschäftsmann voller Charme; er stand jahrzehntelang einem aufblühenden Bankgeschäft vor und hatte auf langjährigen Auslandsreisen die damaligen Mittelpunkte des Weltverkehrs Paris, Wien und Petersburg genau kennengelernt. Fest und ohne zu schwanken auf dem Boden des gesetzestreuen überlieferten Judentum, blieb er sein Löben lang ein Muster nobler und überlegener Toleranz. Als eines der hervorragendsten und tätigsten Mitglieder der Münchener Kultusverwaltung, der er 1865—1871 und 1878—1885 angehörte, und als höchst aktiver Teilnehmer an dem vielgestaltigen Münchener jüdischen Vereinsleben hat er —■ für die einen zu liberal und wissensfreundlich, für die andern zu „schwarz" und orthodox — die ungeschmälerte Erhaltung der Einheitsgemeinide vertreten. Der Zauber seines Kreises und seines Festefederns nach altem, religiösem Herkommen, seine würdige und aufopferungsvolle Amtswaltung als „Mohel" ist von niemand, der an solchen Tagen teilnehmen konnte, vergessen und von den Teilnehmern den folgenden Generationen in vielen 'Berichten und Erzählungen tradiert worden. Am meisten aber rühmen die, die Abraham Merzbacher kannten, mit welcher souveräne» Lebens-klugheit und Bescheidenheit er die gefährliche Klippe sorgloser Wohlhabenheit überwand. . . ' Seine große, ihn überlebende Leistung war dieberühmte Bibliotheca Merzbacheriana Monacensis mit mehr als 160 hebräischen Handschriften, hunderten von Inkunabeln und seltenen älteren Druckwerken aus dem viel verzweigten Kreis der Hebraica und Judaica. Diese 'Bibliothek wurde 1903 der Frankfurter StadtbibMothek einverleibt; ihre Geschichte und ihre Bedeutung ist von Berufenen wiederholt (zuletzt in diesen Blättern von Professor Felix Perles in der Nummer vom 1. Februar 1933) beschrieben worden. Abraham Merzbacher ist es allein zu danken, daß der große Plan ausgeführt werden konnte, den kritischen Apparat für eine neue wissenschaftliche Ausgabe des Talmud nach der einzigen vollständigen Münchener TalmudharJdschrift in 16 Bänden herauszugeben. Das große Werk „Dikduke Soferim; Variae lectiones in Mischnam et in Talmud babylonicum", konnte dank Merzbachers großzügiger Mäzenatenhilfe 1868—1897 entstehen. In der Vorrede des ersten und fünfzehnten Bandes dieses Sammelwerkes hat sein Herausgeber, der große russisch-jüdische Gelehrte Raphael Natan Rabbinowicz dem Freund und Gönner Abraham Merzbacher ein Denkmal gesetzt. Als Merzbacher vor 50 Jhren starb, ging eine ruhmvolle Epoche des deutschen Judentums — obwohl auch Gleichgültigkeit und Aufklärung vielfach zerstörend wirkten — zu Ende. Die Gestalt Abraham Merzbachers lehrt, daß wir uns wieder daran zu gewöhnen haben, den jüdischen Lebens- und Denkformen des 19, Jahr- Wichtige Mitteilung über das neue Kirchensteuerrecht siehe Seite 253.