Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 10 (15.5.1935)
- Date
- 1935-05-15
- Page
- Seite 230 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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230 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 10 macht die Gründe liegen tiefer: seit Karl dem Großen, dessen Reich Deutschland und Frankreich vereinte, hat kein Franzose den römischen Kaiser deutscher Nattion gestellt, nur Deutsche trugen die Kaiserkrone, im „europäischen Konzert" von heute herrscht die Note der Latinfität, spielt Frankreich die erste Geige. Durch den Aufbau ihres Buches macht Ricarda Huch schon eindringlich, wie vielfältige Kräfte am Werke waren, das von der Idee Römisches Reich Deutscher Nation überwölbt wurde. In etwa fünfzig Essays sind die vierhundert Seiten des Buches gegliedert, jeder ein „Bild aus deutscher Vergangenheit", um an das Werk Gustav Freytags zu erinnern (schöne Neuauflage bei Paul List, Leipzig), das am ehesten als ein (zeitbedingter) Vorläufer dieses einziggearteten Werkes gelten kann; es herrscht in dem Buche kein eigentliches Nacheinander, das sich auf die Verbindungslinien zwischen den Fakten beschränken müßte; die Verfasserin gibt Querschnitte (Staufer und Weifen, Kaiser und Papst, Städte, Ketzer, Frauen, Deutscher Orden, Hanse, Kolonisation, Territorialfürsten) und Porträts (Bonifatius, die heilige Elisabeth, Albertus Magnus, Gutenberg, die Kaiser Ludwig der Bayer, Karl IV., Sigmund u. a.), ohne sich damit zu begnügen, daß das Nebeneinander als solches die Farben ihres Geschichtsbildes ergibt: die Querschnitte der Huch sind die Ebenen zwischen den Spiralwindungen der geschichtlichen Entwicklung: „der klare Äther, der das Hohenstaufentum umflammte, zehrte die Dünste, die sich im Schlamme niedriger, verwilderter Begierden bildeten, auf, so daß sie sich nicht verderbenbringend ausbreiten konnten. Mit seinem Untergang erlosch auch diese Klarheit" — so schließt Ricarda Huch ihr Kapitel über „Die Juden", denen ein zweites, „Die Juden und der Wucher" beigeordnet ist. worin sie auf das mosaische Wucherverbot und auf das außerjüdische Gebot, das sie zum Wuchern nötigte, aufmerksam macht. Wenn Ricarda Huch der Sehnsucht des Deutschen nach Führertum gedenkt, stellt sie die Zusammenhänge von Volksschicksal und den menschlichen Eigenschaften des Herrschers fest: „Ob es sich um eine Schule, eine Stadtgemeinde, eine Kirchengemeinde oder ein Land handelt, die Großmut oder Niedrigkeit, die Überlegenheit oder Beschränktheit des Führers wird den Gh-arakier der Gruppe, des Landes bestimmen." Ein verführerisches Buch, das die jüdische Welt ärmer machte, richtete sie von sich aus geistige Mauern gegen das deutsche Schrifttum auf, weil wir aus dessen Bereichen verbannt sind. Das Buch Ricarda Huchs läßt uns erleben, daß unsere Zuneigung für Deutschland (wir haben Hemmungen des Stolzes und der Scham, es — ganz unprogrammatisch — zu gestehen) keine Frucht der Aufklärung und ihrer Folgen' ist und unabhängig von der Behandlung, die uns zuteil wird, ob es uns in Deutschland gut geht — läse es jemand, der gezwungen ist, draußen zu leben, so würde er sich nach Deutschland sehnen, dessen Mittelalter mit seinen tiefen Beziehungen zur Gegenwart hier gezeichnet wird. In diese deutsche Geschichte eingezeichnet ist — und das verleiht ihr neben ihrem allgemeinen Wert noch ihren besonderen Reiz für die jüdischen Leser — die Geschichte der Juden in Deutschland, in einem seltsamen Zusammentreffen mit dem Erscheinen von Elbogehs „Geschichte der Juden in Deutschland". Und sie tut das nicht nur in dem Kapitel „Die Juden", das mit den Worten beginnt: „Es ist kein Blatt in der Geschichte der Menschheit so tragisch und geheimnisvoll wie die Geschichte der Juden", und in dem anderen „Die Juden und der Wucher", durch das ganze Buch ziehen sich ihre Schicksale. „Juden und Friesen" heißt es darin, „erscheinen zuerst als Kaufleute" und ein anderesmal: „So wenig wie die Juden oder die Städte im Reich konnte der Orden seinen Reichtum ungetrübt genießen." Mit den „ketzerischen" Stedingern teilen sie die Anschuldigung der Bostienschändung. In vielem gleicht das Schicksal der Juden der Umwelt, in der sie —• teilweise und zeitweilig — ohne Ghetto-Mauern lebten. Das Motiv des Wirtschaftneides wird als älter aufgedeckt als der Vorwurf wegen der Kreuzigung Christi. Wie Zünfte und Fürsten waren auch Kaiser — wie Karl IV.— davon nicht frei. Dagegen dachte Kaiser Friedrich Barbarossa daran, vor seinem Kreuzzug die Juden durch, besondere Maßnahmen zu schützen; Friedrich der Zweite ernannte sie zu Kammerknechten, was damals nur besagen wollte, daß sie unmittelbar unter dem König standen; Rudolf von Habsburg läßt mit ihnen als mit Sklaven des Königs verfahren, während Sigismund sich an das Vorbild Karls des Großen, der Salier- und Staufenkaiser hielt. Wir erfahren nicht uur von dem Papst aus jüdischem Blut, aus dem Hause Pierleome, sondern auch, daß Gregor dem Siebenten jüdische Abstammung nachgesagt wurde. (Wohl fälschlich — und was folgt daraus? Sein großer Gegner war ein Judenfreund). Aber auch unter den Mystikern um 1300 waren ehemalige Juden, deren einer mit Nicolaus von Basel, den Feuertod starb. Auf dem Konstanzer Konzil huldigen die Juden dem Papst Eugen IV., der ihnen die Gesetze bestätigen soll und es mit den Worten tut, daß die Gesetze Mosis gut seien, jeder sie halten solle, die Juden sie aber nicht verstehen wollten. Barbarossa aber ward vor der Peterskirche mit den Worten gesegnet: „Gott, suche diesen König heim wie den Moses im Dornbusch ... und übergieße ihn mit deinem Sternensegen und dem Tau deiner Weisheit wie David und seinen Sohn Salomon." Ricarda Huch ist nicht das, was man eine Philosemitin nennt. Als überzeugte Protestantin bekennt sie sich zu einer ethischen Überlegenheit des Christentums. Und sie sagt dem Judentum „Götter-" wie „Sünderblut" nach, das möglicherweise als ein Tropfen bald heilsamen, bald tödlichen Giftes für seine Nachbarn erhalten bleiben solle. Aber sie macht die Behandlung der Judenfrage zum Prüfstein für Humanität und Christentum. Ihr „Römisches Reich Deutscher Nation" ist ein Werk aus dem Geiste des mittelalterlichen Ekklesia-Meisters. der am Straßburger Münster die edle Frauengestalt der Synagoge schuf! I t IDas XX>ott 1 t \ ) 4, <£iebe=(B>eflufter. ^clbcn=Sagc. 3Ulee, xv<xq td> in ben Welten wage, tft nur fcas TDort. %bev mächtig xvatyfi fein i£d>o fort. 0d>on tonen ee alle XtTetvwoQtn. 3i)tn lauften ©dtter auf ii>vm Bternebogen. %lfvcb mombert €^S_ ^Wi. *W*>»^ \ IUan>>** 2r*4 \ \ J t