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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-05-01 · 9 (1.5.1935) · p. Seite 208

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
9 (1.5.1935)
Date
1935-05-01
Page
Seite 208 (sequence 12)
Language
German
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208 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 9 nem kleinen Sohn Ulrich ist geglückt, was dem Knaben Caspar Hauser und allen Frauen, die seinen Weg gekreuzt haben, nicht gelungen ist, ihn zu erlösen vom Krampf und ihm ein einzigesmal das reine Kunstwerk abzuringen, das von Kindern und zu Kindern spricht und „den Widerstand der stumpfen Welt besiegt". Aber „Der Aufruhr um den Junker Ernst" war ein einmaliges Ereignis. Betrachtet man Wassermanns Persönlichkeit in seinem gesamten Werk, so muß man zu dem Ergebnis kommen, daß er eine in der eigenen Mystik versponnene Natur gewesen ist, ein Mann mit tiefem nud nachhaltigem Gedächtnis, der nicht von sich selber, von seinen Instinkten, von seiner Gefühlswelt loskommen konnte, der unerlöst war, ohne rechte Ordnung und ohne jene heitere geistige Klarheit die den Menschen über sich selbst hinausträgt. Er gleicht dem Einsiedler Hieronymus auf dem Isenheimer Altar, der sich mit Teufeln und scheußlichen Geistern herumschlägt während die hohen, stillen Eisgebirge in der Ferne mit ihren Gipfeln zu Gottes Thron hinaufreichen. Aber eben dieser Kampf mit den gehörnten Untieren seiner Zeit und seines eigenen' Herzens macht die Gestalt von Jakob Wassermann zum Symbol. Wenn man „Mein Weg als Deutscher und Jude", die Bekenntnisschrift aus dem Jahre 1921, wieder zur Hand nimmt, muß man manche zwiespältige Empfindung und das mehr als einmal aufsteigende Gefühl der Abneigung gegenüber dem bald selbstgefälligen, baldselbsigeißlerischen Autor unterdrücken. Legt man das kleine Buch, nachdem man es zu Ende gelesen, auf die Seite, so bleibt ein quälender Eindruck von Hilflosigkeit und von tödlicher Verrammelung aller Wege und Auswege als bitterer Nachgeschmack übrig. Dichtung ist uns lieber als Wahrheit der nackte Leib des Wirklichen erschreckt uns; wir wollen uns und die Welt arm uns nicht sehen, wie sie ist. Aber wir müssen es tun: die rückhaltlose, man möchte sagen russische. Aufrichtigkeit in der Lebensbeichte von Jakob Wassermann, ist aus der zuckenden Mitte unseres eigenen Herzens genommen. Alle die drängenden Fragen der deutschjüdischen Existenz heute sind nicht so unverstrickt, daß man sie einfach und glatt, wie wenn sie nur darauf gewartet hätten, auflösen könnte. Unerlaubt ist die ..vorzeitige Harmonisierung" des „und" zwischen dem Deutschen und dem Jüdischen, denn Haß und Furcht sind ein schlechtes Bindemittel. ...Deutscher Jude; nehmen Sie die beiden Worte mit vollem Nachdruck. Nehmen Sie sie als die letzte Entfaltung eines langwierigen Entwicklungsganges. Mit seiner Dopnelliebe und seinem Kampf nach zwei Fronten ist er hart an den Schlund der Verzweiflung gedrängt." Unerlaubt ist nicht minder, jenen ..langwierigen Entwicklungsgan?" wegzuleugnen und mit Hornbrille und Knickerbocker pin Stockiude ältesten oder neuesten Gepräges sein zu wollen. Den alten Juden rettete das Sündenbewußtsein des Gottesfürchtigen vor menschlicher Eitelkeit: der neue Jude hat mit seinem Gottt den Sinn für das KreatürÜche des eigenen Daseins verloren und glorifiziert ..das" Jüdische ohne Scham in seinen napierenen Himmel hinein. Die hymnische Geschichte der Juden von Kastein ist hierfür ein Beispiel. Arnold Zweig hat im ..Grischa" die jüdischen Personen der Erzählung als Ausbund von Tugenden gezeichnet um sofleißiger hat er dafür die Splitter aus den Augen anderer Leute gezogen: manche, die man nennen könnte, haben es noch ärger getrieben.' Max Rrod wiill sich im Hexenkessel von Irrsal und Wirrsal mit dem Krürkstock der ..Distanzliebe" helfen. Aber gibt es eine ..Liebe auf Distanz"? Entweder die Liebe oder die Distanz wird dabei auf der Strecke bleiben. Wassermann ist ein Liebender: -deutsah die Stadt deutsch der Weg. deutsch die Nacht, deutsch der Baum, deutsch die Luft und das Wort", so hat er von Caspar Hauser gesprochen, seinem liebsten Kind. Die Liebe macht es ihm unmöglich, abseits stehen zu bleiben, wenn e<? um Blut und Leben geht. Er ist ein bitterer und an mancher Wendung seines Wegs ein verbitterter Ankläger seiner Hasser, aber der lügenhafte Enthusiasmus des modischen Neujuden ist von ihm fem. Das liberale Reformjudentum ist ihm ..hohler Lärm, Ertötung der Andacht, Mißbrauch großer Worte, unbegründete Lamentation"; aber „Beharrung in alter Form bedingt Erstarrung". Jüdischer Nationalismus, auf den man ihn verpflichten wollte, schien ihm „gewollt und gemacht"; das Wiener Assimilationsjudentum dagegen erschreckte ihn durch seinen „Mangel an Würde, an Gebundenheit, an metaphysischer Befähigung". Er wagt es, auszusprechen, daß der Typ des polnischen oder galizischen Juden ihm „in jedem Hauch fremd" gewesen sei; aber noch schonungsloser hat er als Vierundzwanzigjähriger am Beginn seines Wegs die höchst deutschen Juden von Fürth gezeichnet. „"Es war eine ziemlich ungemischte Gesellschaft: jüdische Kaufleute. Journalisten, Ärzte und Advokaten. Alle Gesichter, verrieten , Intelligenz, aber es war nur jene Intelligenz des Augenblicks, die von den , verborgenen Werten der Dinge nichts weiß, die an der Stunde klebt mit der Stunde rechnet und die Augen schließt, wenn die Nacht kommt." Jakob Wassermann durfte das. alles sagen und er sagte es, weil er kein Literat, sondern ein Liebender war. Er war Deutscher und Jude, eins wie das andere nicht aus freier Entscheidung, sondern, aus dem Zwang der Natur..Deutsch war ■ sein Schaffen, er wußte darum, aus dem Boden der Landschaft, die ihn hervorgebracht, der fränkischen Heimat, der seine reifste Kunst verbunden blieb. Von Anfang an aber griff er ebenso bewußt und zugleich innerlich gedrängt „zurück in Urbestände. Ahnenbestände, in Mythos und Legende eines Volkes", als dessen Sprößling er sich zu betrachten hatte. Sprößling. Verbundener, „Jude als Orientale" war er weit mehr noch, als er ahnen konnte. Wenn man neben vielem anderem an das Kapitel über Sabbatai Zewi denkt, das er als Vorrede zu den ..Juden von Zirndorf" geschrieben hat, so verrät es einen tiefen Blick, daß der Wiener Literarhistoriker- Josef Nadler, wie Bileam unwillig segnend, die ..höhere Lebensgemeinschaft", welche die deutsche und die jüdische Welt in den Werken von Jakob Wassermann eingegangen sind, anerkennt zugleich aber den „Geist vom Geist der Kabbalah, die tötende Magie der Sätze, die das Herz mit Grauen umspinnt und den Atem beklemmt" als den tragenden Grund seines Wesens beschwört. Aber es gilt mehr als die Form, , denn sie wäre nichts, wenn sie nicht für den Inhalt zu zeugen aufgerufen, wäre: alle Widersprüche des Jüdischen über die Jahrtausende hinweg vereinigen sich in seiner Gestalt. „Es geht gegen die göttliche Idee, wenn der einzelne Mensch in ■ dem Verhältnis zwischen Schuld und Sühne den Entscheidungsanspruch erhebt," das ist ein Wort von Wassermann, das wie aus dem Buch Hiob herüberklingt. Derselbe Urhebräer aber bekennt, das Schicksal habe ihn „zum Juden gemacht, d. h. zu einem Menschen, der sein Alles dransetzt, Blut und Seele, Leben und Nachleben, um zur Gleichgewichtslage zu kommen; wundert es dich da noch, daß die Idee der Gerechtigkeit über ihm hängt wie eine azurne Flamme?" Was sollen die Juden tun? Ist nicht alles, was sie tun können, vergeblich? Jakob Wassermann ist an dieser-Frage vor der Zeit zerbrochen. Er hat nichts vergessen und nichts verleugnet und er war ehrlich genug, zu bekennen, daß er um eine Antwort verlegen war: eine Antwort, die wahrhaftiger wäre als diese, kann man nicht geben. Müssen wir deshalb verzweifeln? Der Starke wird es nicht tun. Ihm blüht aus den Abgründen der Zeit die Blume der Gläubigkeit; er weiß nichts, er hat keine Gewißheit; aber so lange er lebt, glaubt er an die erlösende Gestalt, die der unerschütterliche Fels im Wirbel ist und an die verwandelnde Kraft der Liebe, die immer dann ihre Wunder tut, wenn die Nacht am tiefsten hereinbricht. ■ ■ . i; tl!:-:2.; Eine ungetraute Freude_______ der fesche Frühjahrsanzug der flotte Obergangsmantel der schöne Sportanzug . . . von ROSENFELDER . , _ Gegründet 1878 Bayerstraße 5

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