Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 9 (1.5.1935)
- Date
- 1935-05-01
- Page
- Seite 205 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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•NM. Kulturbund in lki\T«rii Die Gestalt Jakob Wassermanns Von Dr. Werner C ahn mann Zu dem Vortrag von Siegmund Bin«: im Kulturbund Am Montag, den 6. Mai, spricht Siegmund Bing im Münchener Kulturbund über Weg und Werk von Jakob Wassermann. Bing ist uns von seinem Kritikeramt an der Frankfurter Zeitung in lebendiger Erinnerung. Von ihm stammt die beste Wassermann- Biographie, deren erweiterte Ausgabe 1933 bei S. Fischer erschien. Von Jakob Wassermann war in diesen Blättern wiederholt die Rede; erst jüngst hat Georg Hirschfeld seine Münchener Erinnerungen an den Dichter hier veröffentlicht. In der Silvester-Nacht 1933 auf 34 ist Jakob Wassermann gestorben. Kaum mehr als sechzig Lebensjahre und weit mehr als dreißig Bände gültiger Kunst! Sehr oft peinigend, schmerzhaft zu lesen, aber immer echter „Lebensdienst". Dienst an der.Idee der Gerechtigkeit und Versöhnung! Wassermanns erste Selbstbiographie „Mein Weg als Deutscher und Jude" — 1921 erschienen — bleibt trotzalledem das ungerechteste, bitterste und düsterste Dokument, unendlich bezeichnender für den Verfasser als Juden als für das Judentum oder die darin selbstquälerisch gezeichneten Menschen und Zustände! Die fanatische Glut Wassermanns, menschliche ■ Seelengeheimnisse aufzudecken, sein literarischer Gerechtigkeitsfanatismus treten in häufigen Fällen bei seinen erstaunlichen Romanen und Lebensgeschichten in den Vordergrund, verdunkeln das reine, von Phantasie funkelnde Kunstwerk. In der folgenden Arbeit versucht Dr. Werner Cahnmann diese charakteristische Seite des Dichters zu beschreiben. Bings Vortrag wird den Lebensweg und das erschütternde Werk Jakob Wassermanns im Zusammenhang zeichnen. Red. Jakob Wassermann ist unter vielen deutschen Schriftstellern jüdischer Herkunft eine einzigartige Erscheinung. Unter Talenten und Begabungen, unter liebenswerten, und unzulänglichen Menschen ist er, weit über sein Werk hinaus, eine sinnbildliche Kraft, eine dämonische Gestalt. In ihm sammelt sich wie in einem magischen Kreis alles, was die geistige jüdische Existenz im Deutschland der letzten Jahrzehnte zugleich anziehend und fragwürdig macht. In seinem über vier Jahrzehnte ausgebreiteten Werk begegnet sich die Leidenschaft des Schöpfers mit dem Fleiß des Arbeiters. 'Gleichwohl liegt über seinem schriftstellerischen Bemühen der tragische Schatten der Vergebliclrkeit und Vergänglichkeit, Es ist etwas Unheimliches an dem Gedan'ken, daß er, der mit der Glut eines Vulkans Werk um Werk seiner Erfindung in die Welt schleuderte, ganze Konzeptionen halbfertig liegen ließ, weil er ihnen mißtraute, den „Alexander in Babylon" auf ein Drittel seines ursprünglichen Umfangs kürzte, die 50 Seiten zu Beginn des „Falles Mauritius" 22mal umschrieb und daß trotzdem so manche Flüchtigkeit und Fahrigkeit des Stils wie ein brütender Nebel über das eine und das andere Kapitel seiner großen Spätwerke ausgebreitet ist. Oft zersetzt auch die andrängende Fülle der Figuren und Nebenbegebenheiten und dann wieder das Hervorquellen von Tendenz und Konstruktion die einfache Fabel, von der er ausgegangen war. Was er sein wollte, der Balzac des 20. Jahrhunderts, ist er nicht geworden, weil eben die späten großen Romane, in denen er gesellschaftliche Zustände und seelische Zerrüttung der Zeit abbilden wollte, ihm unter der Hand über: die Zeit hinaus in die Sphäre kosmischer Manifestation geraten sind. Wie den Propheten Jesaias auf dem Deckerobild der römischen Sixtina hat ihn die Ungeduld des Urjuden, welche „die Endzeit bedrängen" will, überwältigt. Aus allen Büchern von Jakob Wassermann; die deutlich oder verhüllt auf die autobiographischen Hintergründe hinweisen,, von den „Juden von Zirndorf", die der 24jährige Anfänger geschrieben hat, bis zu dem nachgelassenen Romanfragment „Joseph Kerkhovens dritte Existenz", gewinnt man den Eindruck, daß er ein sinnenstarker, ja sinnlich verstrickter, zu-, gleich aber ein schwer gehemmter Mensch gewesen sein muß. Auch die Handschrift, zierliche, enge Buchstaben, die nicht voneinander loskommen, vermittelt einen ähnlichen Eindruck und die äußere Erscheinung widerspricht ihm nicht: kleine Gestalt, großes gefurchtes Gesicht mit tiefglühenden dunklen Augen und schwerem Mund, auf dem der buschige Schnurbart aufliegt, eine mächtige Stirn schließlich, das Ganze von schwarzen. Haarsträhnen eingerahmt, geben das Bild eines Menschen, der von innerer Erregung zittert. Man hat bei der Lektüre sämtlicher Bücher von Jakob Wassermann, mit Ausnahme der merkwürdig sonnigen Novelle „Der Aufruhr um den Junker Ernst", das Empfinden der Schwere, der Traurigkeit, der lähmenden Ausweglosigkeit. Seine Kunst fesselt, aber sie befreit nicht. Wie funkelt von innen her „Das Gold von Caxamalca", aber es sprüht Fluch aus, nicht Segen, wie unheimlich trifft „Golowin" die russische Seele, so daß Russen es unglaublich fanden, daß der Verfasser kein Russe sei, kein Verwandter des Quälers Dostojewsky, wie sind alle seine Helden von unsichtbaren Gewichten gedrückt und herabgezogen, von Agathon bis Kerkhoven! In dem Buch, das er selbst als den Brennspiegel seines gesamten Bemühens ansah und auf das er immer wieder zu sprechen kam, im „Caspar Hauser", hat er die Krankheit mit Namen genannt, an der seine Menschen, an der seinem Glauben nach die gesamte Menschheit bis zur Zerr rüttung leidet: es ist die „Trägheit des Herzens". An ihr erfährt er seine schweren Erschütterungen, ihr ist er verfallen, sie will er mit aller Anstrengung und Kraft seines Willens besiegen, damit er die Welt erhöhe zur Gerechtigkeit. In „Mein Weg als Deutscher und Jude", aber auch in den kurz vor seinem. Tod herausgekommenen „Selbstbetrachtungen" überschreitet er mehrmals die Schwelle, an der sich der Leser fragt, ob er die rückhaltlose Ehrlichkeit um jeden Preis bewundern muß, oder ob er sich abwenden soll vor so viel Nacktheit, Aufgewühltheit und Trübheit. Auch ist es auffällig, daß er immer nach Schuld und Schuldigen sucht, daß ihm selbst nach einem Abstand von Jahrzehnten die Jugendzeit nicht in milderem Licht erscheint und daß er noch in seinem Alter die gleichen Fragen aufwirft wie in seinen Anfängen, ohne daß ihm eine so lange und emsige Bemühung auch nur die Spur einer Antwort eingegeben hätte. Wie bestürzend aufschlußreich sind, gerade weil die letzte Überarbeitung noch fehlt, die Garnia-Kapitel in „Kerkhovens dritter Existenz"! Allein sei- Tjuuuk Sin die tude Btitlt-UfoiduMk mwWwW^rirww wwwir ^^www^r w^www |f¥|ffififfrv fkuHthen Ukdtikoet Skai* w wwwwwW VWV«* VVffVWVVfVVW ^rW^W^Wp^r