Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 8 (15.4.1935)
- Date
- 1935-04-15
- Page
- Seite 189 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 189 scher Ubersetzung wiedergegeben. In einem besonderen Kapitel wird die religionsgeschichtlich sehr interessante Frage der Sabbatbegehung durch Nichtjuden in -der Antike und durch christliche Sekten dargestellt. Das Sabbat-Buch der Schocken-Bücherei belehrt über Wesen, Geschichte und heutige Gestalt des Sabbat in vorbildlicher Weise. H;er kann sich jeder, der der Praxis der jüdischen Pflichtenlehre durch Schicksal, Herkunft, Uberzeugung, Lässigkeit und tausenderlei andere Gründe fern ist, wieder in anziehender Weise gründlich und zuverlässig unterrichten; aber auch der Wissende und der den Sabbat hält, erfährt neue reiche Belehrung. Diese Nummer 25 der Schocken-Bücherei ist eine Perle jüdischen Schrifttums; wer das Bändchen erwirbt, erhält tausendfach den sehr mäßigen Kaufpreis zurückgezahlt. Hier ist viel mehr als Literatur, das Bändchen muß ganz zerlesen und immer wieder aufgeschlagen werden, auch wenn der schöne, empfindliche Einband darunter leiden sollte. Rudolf Kayser, Kant. 288 Seiten. Ganzleinen 7 RM. Wien, Phaidon-Verlag, 1935. Rudolf Kaysers „Kant"-Monographie setzt eine jüdische Tradition fort: war Moses Mendelssohn der Zeitgenosse, auf dessen Urteil über die „Kritik der reinen Vernunft" Kant am begierigsten war, waren Marcus Herz, den er zum Respondenten seiner Dissertation (zum Antritt seiner Professur) und zum Überbringer des Widmungsexemplars der Vernunftkritik an seinen Gönner, den preußischen Minister von Zedlitz, wählte, und Salomon Maimon jüngerhafte Schüler, waren Hermann Cohen und Ernst Cassirer Erhalter seines Werks und Erneuerer seiner Philosophie, so ist Rudolf Kayser Verfasser einer Kant-Biographie, die das Spärlich-Biographische nicht von der Darstellung des philosophischen Systems abtrennt, viemehr — in solcher Konsequenz erstmalig — die Lehre mit dem Leben des „kleinen Magisters" kontrapunktiert und im Werk den Niederschlag des Menschlichen aufzeichnet, das Denken eines Philosophen also nicht anders bewertet als das Schatten eines Dichters oder die Taten eines Staatsmanns. Schlicht und redlich werden die philosophischen Schriften Kants, dessen Geschlecht vermutlich schottischer Abstammung ist,, von dem neuen Biographen gedeutet, der Einführung ist der Vorzug gegeben gegenüber der scharfen philosophischen Analyse, der Allgemeinverständlichkeit gegenüber der fachlichen Interpretation. Es ist ein darstellerischer Kunstgriff, wenn Rudolf Kayser, der sich schon in seinem Spinoza-Buch als Philosophen-Porträtist bewährt hat, die menschlichen und geistigen Begegnungen Kants mit seinen Zeitgenossen fast erzählerisch in seine Lebensbeschreibung einbezieht: Hamann, Herder, Rousseau, die französische Revolution, das Dunkel über Preußen unter dem Nachfolger des großen Friedrich, an dessen Dauer Kant nicht glaubt. Kayser erreicht durch diese Methode zweierlei: er setzt das abstrakte Denken in das konkrete Leben um, hinter den geistigen Strömungen. werden Menschen von Fleisch und Blut erkennbar, die von ihnen umweht werden und selber neue erregen, und das Zeitalter der Aufklärung und des Pietismus gewinnt festen Umriß, dessen Uberwinder Kant in einsamer Größe wurde, indem er die Bildungsmächte, die seine Persönlichkeit formten, einer höheren Einheit vollendete. Kayser läßt uns den Heroismus erleben, der sich in Kants kleinbürgerlicher Lebenshaltung ausdrückt, das Leben nach seiner Lehre, das ihn in dem ruhigen Gefühl aus der Welt gehen läßt, seinen Nächsten nie bewußt Böses getan zu haben, die Religiosität endlich, die sich darin äußert, wie diesem nicht Kirchenfrommen die Reinheit des Philosophierens etwas Heiliges bedeutete und faustische Wißbegierde die — Theologie des Philosophen war, der die Philosophie aus den Fesseln der Theologie befreite. Der jüdische Leser spürt auch die Anziehungskraft heraus, •die dieser Große auf das Judentum ausübte. Die „Wißbegierde", die Kants Leben und Studium erfüllt, das .Talmud- Studium, das Lernenwollen der jüdischen Aufklärer des achtzehnten Jahrhunderts haben etwas Gemeinsames. Eine Szene: Mendelssohn, mit dem Kant schon lange Briefe austauscht, dem Kant den Vorrang läßt in Fragen, die Mendelssohn gerne beantworten will, auch wenn sie ihn selber bewegen („Was ist Aufklärung?"), dem Kant nicht nachträgt, daß der unzünftige Buchhalter in der Preisarbeit der Preußischen Akademie der Wissenschaften den Sieg über ihn davontrug, kommt ein- PELZ-Auf bewa h ru ng in eigenen KQhlräumen Reparaturen und Änderungen im Sommer sehr gQnstig GRÜNHUT Kürschnermeister Augustenstraße 85/o, wegen Abholung Telefon 58160 mal nach Königsberg zu Kant ins Kolleg, die Studenten hänseln ihn als Juden, am Schluß des Kollegs geht Mendelssohn zum Katheder, stellt sich vor und Kant umarmt ihn — da wissen die Studenten, wer der fremde Jude war, dessen Schriften sie liebten, und bilden Spalier, zwischendem Kant mit Mendelssohn Arm in Arm abzieht. Mendelssohn und Herz bezeichnet Kant als Männer, die er zu seinem täglichen Umgang haben möchte. Hamann, der Magus des Nordens, Widersacher Kants und Vertreter des Kant antipodischen Geistes, der immer wieder aufersteht, erzählt einmal, Kant habe anläßlich eines Gespräches über Lessings Nathan gesagt, er könne Helden „aus diesem Volke", das er seit seiner Jugend beobachte, nicht leiden. Im Leben handelte er nicht danach: nicht nur sein Umgang mit Mendelssohn, der das berühmte Wort vom „Alleszermalmer" prägte und die Idee zur Ausführung der Kant-Medaille gab, und mit Herz widerspricht dem, erförderte auch seine jüdischen Studenten, ließ sich von Mendelssohn den jungen Leon empfehlen und half dem begabten Studenten Elkana mit Geldmitteln. Kant war auf die Ableitung seines Vornamens aus dem Hebräischen („Gott mit uns") stofz, das jüdische Bilderverbot bewundert Kant aufs höchste und in Mendelssohns „Jerusalem" rühmt er die jüdische Gewissensfreiheit als vorbildlich. Warum aber interessiert uns Kants Stellungnahme zum Judentum besonders? Nicht nur heute — als Kundgebung eines großen Deutschen, der weder „Beschützer des Judentums" noch Antisemit war. Weil seine Ethik wie die jüdische auf Gott. bezogen ist und in der Welt verwirklicht werden soll, weil seine Philosophie wie die jüdische Religion kein Dogma kennt außer dem einen, daß Gott einzig und ewig sei. Dr. Lutz Weltmann. Geschäftliches Vorverkauf zu sämtlichen Veranstaltungen des Kulturbundes von nun an auch im Zigarrengeschäft S. Levinger, Mün*- chen, Bayerstraße 21 (Hotel Rheinischer Hof). Herr Dipl.-Ing. M. E.Fulda, Heizungsanlagen. Adalbertstr.96, empfiehlt sich für die Ausführung von Heizungsanlagen aller Systeme, sowie für Reparaturarbeiten. S. Inserat! Manche Drucksachenverbraucher denken nicht daran, daß sie mit ihren Drucksachen in erster Linie repräsentieren. 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