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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-04-15 · 8 (15.4.1935) · p. Seite 184

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
8 (15.4.1935)
Date
1935-04-15
Page
Seite 184 (sequence 16)
Language
German
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184 Bayerische .Israelitische Gemeindezeitung Nr. 8 Der Pesachgedanlce und der Aufbauwille der jüdischen Jugend Von Studienrat a. D. Dr. W i 11 y Cohn, Breslau. Es liegt in der natürlichen Anlage der Generationen, daß die Jugend ihre Blicke nach vorwärts richtet und gewillt ist, von neuem zu beginnen, während das Alter vor allem an das denkt, was gewesen ist und das festhält, was es noch hat. Das Pesachfest mit seiner tiefen Symbolik bedeutet für beide Gruppen der deutschen Juden unendlich viel. Den älteren Menschen ist es Erinnerung an die seit Jahrzehnten gewohnten Melodien, die Erinnerung an die vielen Menschen, die mit ihr so manchen Sederabend gefeiert haben, und die ihr nun bereits in die Ewigkeit vorangegangen sind. Sie freut sich daran, noch einmal im Kreise der Familie weilen zu dürfen und für einige Stunden alles zu vergessen, was sie bedrückt. Ganz anders aber sind die Empfindungen, die junge Menschen an diesem Tage beseelen. Wenn sie die Geschichte vom Auszug aus Ägypten hören, dann ist es für sie nicht nur die Erinnerung an eine große Tat jüdischer Wiedergeburt, dann wollen sie aus dieser Geschichte auch die Erlebniskraft hernehmen für die Gestaltung ihrer eigenen Zukunft. Pesach 569 5. Die jüdische Jugend ist im Aufbruch begriffen. An ihre Seele kommt der Kampf der verschiedenen Richtungen des Judentums, der noch als Überbleibsel einer untergegangenen Epoche vorhanden ist, im Grunde nicht mehr heran. Diese Jugend weiß und nimmt es als eine gegebene Tatsache hin, daß sie in der Hauptsache ihren Weg sich selbst wird erkämpfen müssen. Sie betrachtet aber diese Dinge nicht nur und vielleicht hauptsächlich nicht unter materiellem Gesichtspunkt. Der ältere Mensch muß bei dem Neuaufbau einer Existenz auch im Auge behalten, was er aufgibt; Jugend ist stärker von Idealen getragen, verstandesmäßigen Erwägungen glücklicherweise nicht ausschließlich zugänglich. Wenn diese Jugend Pesach begeht, dann lernt sie aus dieser Erzählung, daß das jüdische Volk auf seinem Jahrtausende alten Wege immer wieder von neuem angefangen hat. Die Wüstenwanderung ist ihr ein Symbol; sie ist ein Durchgangsstadium zu einem neuen Dasein nationaler Größe. Aus den Lehrsälen, aus den Geschäften heraus drängt diese Jugend, um das Land aufzubauen, das ihr nicht nur eine Zukunft verheißt, das ihr mehr bedeutet, wie ein Asyl oder die Sicherung des Broterwerbs. Sie versteht sehr wohl, daß die ältere Generation ihren Weg nicht immer mitgehen kann. Sie empfindet die Tragik der Trennung, aber glücklicherweise ist sie so gesund, daß sie die trüben Gedanken zurückzudrängen gewillt ist und daß ihr die Zukunft des Volkes mehr bedeutet als das persönliche Leid des Einzelnen. Wie leicht könnten an diesem Pesachfest trübe Gedanken an so manchem jüdischen Familientisch aufsteigen. Fast aus jeder jüdischen Familie ist heute einer oder der andere im Begriff, sich für die Übersiedlung nach Erez-Israel vorzubereiten. Es wird Sache unserer Jugend sein, diese Stimmung der Wehmut nicht aufkommen zu lassen und den Älteren klar zu machen, daß diese Trennung eine notwendige ist im Interesse der Zukunft des Judentums und des Willens zum Aufbau. Wenn man an diesen Sederabenden, die wie kaum andere Abende angetan sind, die jüdische Familie zu vereinigen, nicht nur zu freudigem Mahle, sondern vor allem zur Aussprache über jüdische Fragen zusanimensitzt, so wird man sich nicht nur an die Fragen der Hagadah zu halten haben. Wenn der Jüngste der Tischgesellschaft die alte Frage in der vorgeschriebenen Form stellt: „Warum ist diese Nacht ausgezeichnet vor allen andern Nächten?", dann wird man sie zu der Frage zu erweitern haben: „Warum ist unsere Zeit ausgezeichnet vor anderen Zeiten?" Hier wird es Sache unserer Jugend sein, die älteren Menschen empfinden zu lassen, daß sie ihre Aufgabe auch als eine Gnade des Schicksals ansehen, weil ihr Geschlecht dazu berufen ist, einen uralten Judentraum zu verwirklichen und aus dem-Lande, das religiös niemals aufgehört hat, für das Judentum etwas zu bedeuten, nun auch das Land der nationalen Zukunft zu machen. Mag sein, daß diese Jugend, besessen von den Ideen des Aüfbauwillens. zu den religiösen Formen des überlieferten Judentums nicht die Beziehungen mehr hat, die die ältere Generation zum Teil besaß. Wir wissen ja übrigens, in welch geringem Umfange dies für die Masse des deutschen Judentums zutraf. Hadern wir nicht mit dieser Jugend, weil sie vielleicht hier und da sogar schroff ablehnend zum Religiösen steht. Hier kann es wieder gerade am Sederabend die Aufgabe des Hausvaters sein, dem jungen Menschen klar zu machen, daß der Aufbau des Landes nur aus der Verbindung von Religion und Glauben letztlich möglich ist. Der tiefen Symbolik dieses Abends wird sich kein Jugendlicher entziehen können und entziehen wollen. Die ungesäuerten Brote, sie sind ihm ein Beweis dafür, daß das Glück des Menschen nicht am Materiellen hängt, daß das Brot des Elends besser munden kann als manches Festmahl, wenn es bewußt im Sinne der Hoffnung auf eine bessere Zukunft genossen wird. Die Verbundenheit mit unzähligen Generationen jüdischer Menschen, die an diesem Abend das gleiche Gefühl haben, wird Jung und Alt immer wieder zum Bewußtsein kommen. „Dieses Jahr hier, im nächsten Jahr in Jerusalem", wieviel jüdische Geschlechter haben dieses Wort gesprochen. Nun ist eine Verheißung für Viele Wirklichkeit geworden. Sie sieht häufig anders aus als der Wunschtraum. Es sind nicht Menschen, die herausgehen, um ihren Lebensabend drüben zu verbringen, um betend zu warten, bis sie abberufen werden. Sie werden irgendwo im Emek oder im Scharon landwirtschaftliche Arbeit zu leisten haben. Ihr Sederabend wird vielleicht ein wenig anders aussehen als der der Familie in dem Heim, aus dem sie gekommen sind. Aber die alten Formen gewinnen neue Kraft und so zeugt gerade dieses Pesach von der unverwüstlichen Gesundheit unseres Judentums, so weit es die Verpflichtung spürt, nicht in müder Resignation sein Schicksal zu tragen, sondern im kraftvollen Willen aus diesem Schicksal sich eine neue Daseinsform zu hämmern. *ca'<Jl|Ot»mWrfiSQ ^^<ä><5cJ«4J fcotnm btitfj mttiso* Do<?tmitf f)C%Ötot<3 und Laß im WnUea acof^ZtHttfoettt <*öcttJ pie^JÄulc to^erimfett U*ft f^f^ ^en ^cilMett^am^au^oÄfietmi—'-^ ifrtamttihtai' W-mitfti mpfcit tidtafüttttas ttwartjtc Text von Ben-Chorin (Fritz Rosenthal) Zeichnung von Alfons Rosenberg

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