Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1935
- Issue
- 2 (15.2.1935)
- Date
- 1935-02-15
- Page
- Seite 4 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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lHÜftetlimoen De* JüDifdjen Seljreruereina für ßapera Schriftleitung: Max Adler, München 1935 München, 15. Februar Nr. 2 Was erwarten wir Elfern von der jüdischen Schule! Die Schriftleitung hat Eltern verschiedener Weltanschauungen gebeten, sich über diese Frage zu äußern. Wir bringen hier zwei Äußerungen, stellen aber zu weiterer Stellungnahme den Raum der „Mitteilungen" gerne zur Verfügung. I. „Erwarten" soll hier im Sinne einer Höchstforderung verstanden werden an die Schule, wie sie sein sollte, wenn alle Voraussetzungen gegeben wären. Der Konditionalis schon sagt, daß wir damit nicht von vorneherein rechnen können. Einschränkungen sind gegeben durch den vorgeschriebenen Lehrstoff, die Lehrbücher, durch die verschiedene Schulung der Lehrer, das Schülermaterial. Auch äußere Mängel wirken hemmend, wie unzureichende Räume, ungenügendes Anschauungsmaterial. So soll Nachstehendes nicht als Kritik gelten an Bestehendem, sondern Zielsetzung werden für Künftiges. Drei Aufgabenbereiche hat die jüdische Schule: Den Lehrstoff der allgemeinen Schule und ihr menschliches Bildungsziel, Den jüdischen Lehrstoff und den jüdischen Menschen als "Erziehungsziel. Als Drittes den Versuch (denn nur ein solcher kann es sein), diese beiden Sphären in Ubereinstimmung zu bringen. Schon die erste Aufgabe, Lehrstoff und Bildungsziel der allgemeinen Schule, bringt Probleme. Gerade heute werden an die jüdische Volksschule neue erhöhte Anforderungen gestellt. Sie hat in den höheren Klassen zum großen Teil das Schülermaterial, das früher in die Mittelschule überging, Schüler, die nach sozialem Milieu und nach ihrer Begabung das Bedürfnis nach einem ausgeweiteten Lehrstoff und seiner vertieften Erfassung trotz aller Umschichtung beibehalten haben und wohl auch beibehalten sollen. Wir wollen und können nicht auf Bildungsgut verzichten, das eben Teil unseres Wesens als deutsche Juden geworden ist und das, ich brauche nur an S. R. Hirsch zu erinnern, auch von dort her unser jüdisches Leben befruchtet hat. Andererseits ist unsere Stellung zu diesem Bildungsgut nicht durch uns, sondern von außen her ins Wanken geraten. Hier erwächst der jüdischen Schule, die im Lehrstoff ja keine Freizügigkeit hat, die nicht geringe Aufgabe, den richtigen Abstand oder, ich möchte besser sagen, die wünschenswerte Nähe zu den Dingen zu finden. Was verlangen wir also vom Deutschen Unterricht? Die Beherrschung der Sprache im mündlichen und schriftlichen Ausdruck. Hier sollte gerade der Aufsatzunterricht in den höheren Klassen das Maß der Mittelschule heranzuziehen suchen, um eine möglichst gute Ausdrucksfähigkeit zu erreichen. Sie gibt dem Heranwachsenden Sicherheit und Form, welcher Berufsschicht er auch später angehören mag. Deutsch ist unsere Muttersprache und bleibt das Organ, mit dem wir die Umwelt, und das Medium, durch das wir fremde Sprachen uns zu eigen machen. Wir können daher nicht anders, als auch heute noch an diesen Unterricht die höchsten Anforderungen stellen. Namentlich auch der freie Aufsatz, die Darstellung von Erlebtem, die Form des Briefes sollte dabei schon früh in den Vordergrund gestellt werden. Der naturkundliche, der geographische Unterricht unterliegen einer solchen zeitlichen Problematik nicht. Sie haben aber in der jüdischen Schule vielfach 'ihre eigene. Es fehlt uns als Städtern oft die Lebensnähe, die Naturverbundenheit, die dieser Unterricht voraussetzt. Die heimatkundlichen. Fächer vermitteln nicht immer die notwendige Vertrautheit mit dem Stadtbild und die Zahl der Wanderungen ließe sich vielleicht doch erhöhen. Auch Turnen und Bewegungsspiele nehmen nicht überall den ihnen gebührenden Raum ein oder es fehlen ihnen die gebührenden Räume. Der Raumfrage, der Einrichtung und Beheizung unserer Schulgebäude gilt wohl auch sonst mancher Seufzer der Eltern. Auch Stundenpläne pflegen Schönheitsfehler aufzuweisen, die mit dem ungeteilten Unterricht nicht alle verschwunden sind. Erwartungen und Wünsche müssen da wohl den geltenden Vorschriften angepaßt werden. Aber die Zahl der für den jüdischen Unterricht zur Verfügung stehenden Stunden reicht für den Stoff nicht aus. Hier sind unsere Forderungen die höchsten. Denn was erwarten wir vom jüdischen Unterricht unserer Schulen? Möglichst viel hebäisch, ein vielseitiges Wissen von jüdischen Dingen und eine ganz positive religiöse Erziehung. Lauter Superlative also! Möglichst viel, möglichst lebendig erlerntes Hebräisch, das ist heute" das Verlangen fast aller Elternkreise. Dabei hat man aber die Forderung, das Hebräische wie eine der modernen Fremdsprachen zu erlernen, für die Schule schon sehr eingeschränkt, auch von seiten der Eltern. Das Hebräische ist eben doch viel schwerer als eine der modernen Sprachen und ein solcher Unterricht in der ihm zur Verfügung stehenden Zeit nicht durchzuführen; außerdem hat es sich als unerläßlich gezeigt, das Kind mit Gebetbuch und Pentateuch früher vertraut zu machen, als der Stand seiner hebräischen Kenntnisse im Sinn eines modernen Sprachunterrichts es dazu befähigen würde. So muß neben dem methodischen Sprachunterricht, auf den wir gewiß nicht verzichten wollen, die alte Ubersetzungsmethode wohl beibehalten werden. Aber man kann auch dabei über die Methode des Wort für Wort-Übersetzens nach System des Fuchs-Chumosch hinauskommen. Der hebräische Posuk und bei Größeren auch ein Absatz der Bibel müßte immer als Ganzes gelesen und damit in seinem ihm eigenen Rhythmus dem Ohr vermittelt werden. Uberhaupt soll das Akustische mehr zur Geltung kommen: Sätze laut im Chor gesprochen, kleine Gedichte auswendig gelernt, bekannte P'sukim, oft angeführt, können das Sprachgefühl wesentlich stärken. Auf diesem Gebiet ist noch viel Neuland. Hier erwartet man von der Schule immer neue Initiative und wachsenden Erfolg. Der Blick auf den Stundenplan der Kinder der höheren Klassen lehrt freilich einige Resignation. Wie soll das Vielerlei jüdischen Wissens, jüdisches Gesetz, jüdisches Jahr, Gebet und Geschichte in den wenigen Stunden behandelt und gar vertieft werden? Wir wissen, daß auch der freiwillige Zusatzunterricht für alle diese Wünsche nicht ausreicht. Die richtige Auswahl allein kann hier die Lösung bringen und die Qualität jeder Unterrichtstunde. Biblische und nachbiblische Geschichte, letztere namentlich, sollen weniger im Detail gegeben werden als vielmehr in Übersichten, in denen das Typische klar wird, das, was uns noch heute nah berührt in unserer Geschichte. Man sage nicht, daß solches der Reife der Schüler nicht entspräche. Es gibt nur noch keine solche Darstellung der jüdischen Geschichte; bei anderen haben wir es wohl. Hier muß der Lehrer eigene Wege suchen und die Einfühlung in unsere Vergangenheit sich erringen, um sie den Kindern als etwas Lebendiges zu vermitteln. Nie war unseren Kindern ein solcher Rückhalt nötiger als heute. Daß die Schule jüdisches Milieu bietet, daß Tagespflichten und Festesweihe nicht nur gelehrt, sondern auch erlebt werden, braucht wohl nicht ausgeführt zu werden. Dies greift schon über den speziellen jüdischen Unterricht hinaus und zieht vor allem auch den Fachunterricht Singen, Zeichnen, Handfertigkeit in den Dienst dieses Erlebens mit hinein. So meint dies schon den dritten Aufgabenbereich unserer Schulen: den Ausgleich zu schaffen zwischen den beiden Kultursphären, in denen sich die Arbeit unserer Schulen vollzieht. In den untersten Klassen, wo der Unterricht heute ein fast einheitlicher, ungefächerter ist, läßt sich diese Einheit unschwer herstellen oder sie wird vielmehr in der Hand eines geschickten Lehrers gar nicht gestört. Für die Kiemen, welche ihre ersten Zeichenversuche an Geräten des Sabbattisches unternehmen oder an den zunehmenden Chanukkalichtern zählen lernen, kann Schule und Umwelt noch eine Einheit bleiben. Die Spaltung wird unausbleiblich bei dert Heranwachsen-