Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 1 (1.1.1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 1 mit Staunen feststellen, daß es eigentlich eine Judenfrage gar nicht gab, daß es zwar für „die armen, verfolgten. Ost juden" so etwas gäbe, aber für das gute Judentum des Westens existiere sie in Wahrheit nicht. Die Judenfrage war noch nicht für würdig befunden worden, in den besseren Zimmern Platz zu nehmen. Sie war noch nicht gesellschaftsfähig. Es hatte sich seit Herzls Zeiten nichts verändert: „Man spricht bekanntlich nicht gern von der Judenfrage" schreibt er in einem Aufsatz; „man glaubt noch immer, sie durch Schweigen totzumachen. Es ist etwas Unheimliches in solcher Verblendung sonst so kluger Leute. Es ist, wie wenn jemand an einem Ort, wo nicht geraucht werden soll, die brennende Tabakpfeife in die Tasche steckt. Er kriegt ein Brandloch in den Rock, und wird nachher doch erwischt." Aber erst, wenn sie „erwischt" werden, wenn es sie packt, dann glauben sie's.- Nicht eine Minute eher! Mendelssohn-Abend des Münchener Kulturbund-Orchesters „. . . . so verwischt dagegen Mendelssohn in seinen Produktionen diese gewonnenen Gestalten zum zerfließenden, phantastischen Schattenbilde, bei dessen unbestimmtem Farbenschimmer unsere launenhafte Einbildungskraft willkürlich angeregt, unser rein menschliches inneres Sehnen nach deutlichem künstlerischem Schauen aber kaum nur mit der Hoffnung auf Erfüllung berührt wird. Nur da, wo das drückende Gefühl von dieser Unfähigkeit sich der Stimmung des Komponisten zu bemächtigen scheint, und ihn zu dem Ausdrucke weicher und schwermütiger Resignation hindrängt, vermag sich unser Mendelssohn charakteristisch darzustellen, charakteristisch in dem subjektiven Sinn einer zartsinnigen Individualität, die sich der Unmöglichkeit gegenüber ihre Ohnmacht eingesteht." Mit diesen Sätzen versuchte Richard Wagner in seiner Schrift „Das Judentum in der Musik" Mendelssohns Künstlerschaft zu werten, freilich nicht ohne seiner Person ob ihres tragischen Schicksals Teilnahme zu versagen. Es ist nicht das erstemal in der Kulturgeschichte, daß ein Künstler, welchen seine Zeitgenossen vergötterten, von der Nachwelt entthront und in den Staub erniedrigt wurde, denn auch der Kunstgeschmack ist modischen Einflüssen unterworfen. Wagner hat sich, von seiner persönlichen Einstellung zur Judenfrage ganz abgesehen, allzu einseitig der heroischen Dramatik verschrieben, als daß er von diesem engen Gesichtswinkel aus anderen Richtungen noch gerecht werden konnte. Als Verkannter befindet sich Mendelssohn in der gewiß nicht schlechten Gesellschaft eines Johannes Brahms, ja sogar eines Johann Sebastian Bach. Mendelssohns kompositorische Bedeutung kann nur von einer Geschmacksrichtung in Frage gestellt werden, welche Musik aus der Welt des Absoluten in den Bereich problematischer Gegenständlichkeit verschiebt. Die Moderne hat sich musikästhetisch längst wieder von den Fesseln wagnerischer Grundsätze gelöst und nicht nur den Weg zu Bach, sondern auch zu den Romantikern und damit zu Felix Mendelssohn-Bartholdy gefunden. Neben seinen großangelegten Oratorien, neben seinen genialen Traumphantasien im Bereich der Elfen und Kobolde — ich verweise nur auf die Sommernachtstraum-Musik — erweist sich seine Meisterschaft in der intimen, aus dem Landschaftlichen geborenen Stimmungsmalerei. Die von wundersamen Impressionen Ossian'scher Romantik durchwehte H e - briden-Ouverture stellt ein faszinierendes Seestück dar, umwoben von den düsteren Nebeln einer verlassenen nordischen Inselwelt, daran die Wogen des Meeres sich brechen, um dessen Klippen Stürme heulen. Ganz anders die A-Dur- Symphonie, italienische Symphonie genannt, in der sonnigen Farbenpracht des Südens schillernd, ohne die deutsche Seele verleugnen zu können. Lebensbejahende Rhythmen leuchten auf neben schwermütiger Besinnlichkeit; in einer neapolitanischen Tarantella wirbelt dieses Kleinod klanglicher Farbenpracht dem Schlüsse entgegen. Das Violinkonzert, ein Standardwerk der Geigenliteratur, wurzelt weniger im Landschaftlichen, als im rein Gefühlsmäßigen.' Die Schatten der Melancholie bändigt ein freudiger Schlußsatz. Freilich, es geht hier nicht um große philosophische Auseinandersetzungen oder um tief auf wühlende Probleme und dennoch fesselt das Werk in seinem Mikrokosmos durch das Kolorit und technische Wirkungsmöglichkeiten. Es liegt vornehmlich am Interpreten des Soloparts, daß ein Abgleiten ins bravourös Banale oder in billige Sentimentalität vermieden wird. Charlotte Rosen (Berlin), eine temperamentvolle Künstlerin von bedeutsamem technischem Können und starker Einfühlsamkeit, gelang es nicht nur diese Gefahren zu meistern, sondern auch mit herzensbezwingender Schlichtheit das Werk stilistisch zu dem zu gestalten, als was es Ewigkeitswert besitzt: zur Inkarnation deutscher Romantik. Dem von Kapellmeister Erich E.rck mit feuriger Begeisterung geführten Orchester gebührt samt seinem Leiter uneingeschränktes Lob. Es ist das Verdienst Ercks, dieses aus heterogenen Kräften zusammengesetzte Orchester zu einem vortrefflichen Klangkörper herangeschult zu haben, welcher auch, absolut bewertet, Bewunderung abnötigt. Die Präzision, mit welcher hier gearbeitet wurde, erwies sich nicht zuletzt in der einheitlichen Bogenführung der Streicher. Uberraschend kamen neben dynamischen Steigerungen auch sublime Abtönungen heraus. In der Hebriden-Ouverture, deren Stiminungsgehalt restlos erschöpft wurde, konnte man mit Freuden die Schulung des Orchesters im springenden Bogen feststellen. Auch in der A-Dur-Symphonie freute man sich über das Können, womit der anspruchsvolle Schlußsatz bewältigt werden konnte. Erck verstand es so recht, den träumerischen Charakter der Mittelsätze gerecht zu werden, ohne die in den Ecksätzen festgehaltene große Linie zu verlieren. Ein Speziallob verdient noch die geradezu vorbildliche, anschmiegsame Begleitung des Violinkonzerts. Man merkte der Hörerschaft sichtlich das Bedauern an, daß sie ihre Begeisterung nicht mit den üblichen Beifallsbezeugungen quittieren konnte. Der Ernst des Orts gebietet mit Recht Zurückhaltung, wodurch freilich das für Konzerte unbedingt erforderliche Fluidum zwischen Künstlerschaft und Publikum nicht aufkommen kann. Leider zeigten sich erhebliche Lücken im Hause. Es ist doch beschämend, daß trotz der Schwere der Zeit gewisse Kreise noch immer nicht begreifen wollen, daß die Förderung künstlerisch-kultureller Bestrebungen heutzutage doppelt Ehrenpflicht ist. Ba. Wer die Geschichte der Juden kennt, wird wissen, daß der Druck von außen und der Kampf gegen die Judenheit noch immer ihren Zusammenschluß und ihre innere Stärke verursacht hat. Die Juden haben im Laufe ihrer Geschichte unendlich viel mehr erduldet, als sie in diesen Tagen erdulden und vielleicht noch erdulden werden. Für die zivilisierten Menschen aber gilt es zu erkennen, daß wir noch immer vor der Emanzipation der Juden leben, und daß auch unsere Tage zu jenem Kapitel gehören, das mit der Renaissance begann und das wir überschrieben haben: Ghettodämmerung. Es gibt für die Juden ein Wort, das man über ihre ganze Geschichte schreiben kann: Warten. Seit Jahrtausenden warten wir auf den Erlöser. In jeder Epoche unserer Geschichte haben wir jeden Lichtstrahl freudig begrüßt, der uns den Zeiten der Erlösung näher brachte. Aber der Erlöser ist nicht gekommen. Deshalb warten wir noch immer. Wir sind nicht enttäuscht, daß der Erlöser auch in unserer Zeit nicht gekommen ist. Wir warten. JOACHIM PRINZ: Jüdische Geschichte.