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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-01-01 · 1 (1.1.1935) · p. Seite 9

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
1 (1.1.1935)
Date
1935-01-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 1 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 9 JiiiL Kiiltiirliuml in Bayern Zu dem Vorfrag von Rabbiner Dr. Joachim Prinz-Berlin in München am 10. Januar im „Museum" Es gehört zu den unbestrittenen Aufgaben des Kulturbundes, der. jüdischen Öffentlichkeit einen Uberblick über die geistigen Strömungen in unserer eigenen Mitte, ein möglichst erschöpfendes und nicht einseitiges Bild davon zu verschaffen. Rednern aus allen Gruppen und Lagern der deutschen Judenheit muß zu diesem Ziel Gelegenheit gegeben werden, uns ihr Weltbild über Vergangenheit und Zukunft unserer Gemeinschaft zu entwickeln. Es versteht sich von selbst, daß dabei an einer Gestalt, die von soviel dissonierenden Stimmen umbrandet wird wie Joachim Prinz nicht vorübergegangen werden darf. In diesen Blättern ist vor allem dem ziemlich ausgebreiteten Schrifttum von Prinz, regelmäßig nach Erscheinen des einzelnen Werkes, besondere Beachtung geschenkt worden. An einer scharfen Kritik namentlich der historischen und pädagogischen Methoden des in Berlin bei Alt und Jung beliebten Redners, haben wir es in der Gemeinde-Zeitung nicht fehlen lassen. Zwei Werken von Prinz, dessen Kanzelreden und Vorträge, religiösen, wissenschaftlichen und jüdisch-politischen Inhalts eine ungewöhnlich große Gefolgschaft leidenschaftlich, nicht immer ohne Protest begleitet, ist im Jahre 1933 in allen jüdischen Kreisen teils Zustimmung entgegengebracht, teils heftigster Widerspruch entgegengesetzt worden: Einmal seinem kühnen Aufriß der jüdischen Geschichte und zweitens dem hinreißenden, von vielen jüdischen Seiten scharf befehdeten Pamphlet „Wir Juden", worin „die Juden am Rande" scharf gegeißelt sind. Wir drucken nachstehend aus dem zuletzt genannten Buch („Wir Juden", Berlin, Erich Reiß, 1934) einen charakteristischen Abschnitt als Dokument ab, das den deutlichsten Begriff von dem Tempo und der Geisteshaltung seines Verfassers, gibt: Hundertund dreißig Jahre hat das deutsche Judentum vom Gedanken der Assimilation gelebt. Hundertunddreißig Jahre fühlte sich der deutsche Jude als „deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens". In diesen fast eineinhalb Jahrhunderten wurde seine staatsbürgerliche Gesinnung zwar immer stärker, aber sein Judentum schwand, und der „jüdische Glaube" wurde blaß und blässer. Jeder, der den jüdischen Niedergang auch nur seiner eigenen Familie sah, konnte das erkennen. Nichts hat den deutschen Juden dazu bewegen können, den Gedanken der Assimilation aufzugeben. Dabei kann man nicht sagen, daß der Zeitraum seit der Französischen Revolution ohne Zwischenfälle verlaufen wäre. 1812 brachte die Emanzipation in Preußen, aber schon 1815 nahm der Wiener Kongreß alle Rechte, und 1819 schrie man in den Straßen von Hamburg Hepp-Hepp! Um die gleiche Zeit verweigerte man den Krieserwitwen von 1813 die Pension mit der Begründung, daß die Gefallenenals Juden keine Berechtigung auf Versorgung ihrer Hinterbliebenen hätten. 1830 brachte eine neue Wendung zugunsten der Juden. Aber im Februar 1840 schmachteten, die angesehensten Juden in den Gefängnissen von Damaskus. 1848 gab den Juden wieder die Emanzipation des liberalen Staates, 1871 gab ihnen einen wirtschaftlichen Aufschwung, aber 1873 leitete der Börsenkrach die Stöcker-Bewegung ein, und noch 1900 spürte man die Nachwehen dieser Bewegung! Soll man die Geschichte noch weitertreiben? Muß man das deutsche Judentum an die „endgültige Emanzipation" vor 1918 erinnern und an den Tod Rathenaus im Jahre 1922? Wir haben die Dinge vom Juden her betrachtet. Muß man sie nicht vielleicht auch von außen sehen? Ist es nicht vielleicht auch einmal gut, die „andere Seite" zu sehen und nach dem wirklichen Verhältnis der Völker zu uns Juden zu fragen? Aber diese Frage ist vom deutschen Judentum in voller Klarheit nicht gestellt worden. Stöcker, von dem wir meinen, daß er — bei allem Demagogischen, das er hatte — ein Mann großen Formats und großer, starker Überzeugung war, galt ihnen rasch als Schwachkopf! Bei Ahlwardt war man glücklich, kriminelle Verfehlungen festzustellen! Aber was wollte das alles sagen? War er wirklich ein Schwachkopf — dann sprach vielleicht gerade dieser Schwachkopf die Dinge so aus, wie es kluge, abwägende Verstandesmenschen nie getan hätten. Vielleicht sprach aus ihm der Instinkt des Volkes, das wahre Gesicht. Ach, nur Juden können so wirklichkeitsfern sein, nur sie können die Hypertrophie der Gehirne soweit treiben, daß sie an den dreimal heiligen Geist der Überlegenheit und der „Kultur" glauben, nur sie bleiben Trabanten der Ratio — während alle Welt längst weiß, daß stärkere Kräfte am Werke sind. Während die Spatzen von den Dächern bereits allen vernehmbar pfiffen, daß der Rationalismus am Ende sei, und daß allmählich Demokratie, Parlament und Liberalismus aus der Mode kommen, berieten sie noch in ihren Vereinen, stimmten ab, beschlossen, als hätte sich nichts verändert. Sie trugen noch die Vernunftgemäßheit in ihre Religion, als man längst die andere Welt des religiösen Erlebnisses entdeckt hatte, sie blieben Aufklärer, als längst die Metaphysik eine neue Zeit kündete, sie glaubten noch an den Fortschritt, als schon die eanze großartige Welt der Technik und der Prosperity in Klumpen dalag. Als ein neuer Begriff der Nation ganz Europa durchzitterte, druckten sie noch Broschüren und belehrten das staunende Deutschland über das Thema Deutschtum. Immer wieder dieselbe Tragik. Immer wieder derselbe Glaube. Sie sitzen am Schreibtisch und nennen ihn Welt. Aber nicht jede Studierstube zeugt ihren Faust. Und das alles geschah in reinstem, ehrlichstem Glauben: es war die Ehrlichkeit von fünfhunderttausend guten, braven Bürgern. Als sie schon ganz einsam waren, als Freund um Freund sie verließ, als schon alles zerbrach, schrien sie noch Assimilation. Aber sie sahen sich nicht um. Während überall in der Welt — nicht nur in Deutschland — die Symptome für eine neue Betrachtung der Weltdinge und auch der Judendinge deutlich wurden — saihen sie das alles nicht. Die innere Politik des deutschen Judentums war ein echtes Beispiel für eine Vogel-Strauß-Politik. Liest man heute die jüdische Presse der vergangenen Jahre, ja noch der allerjüngsten Gegenwart, die schwungvollen Reden in den sogenannten jüdischen Parlamenten, in denen Parteileben gespielt wurde, dann kann man Itof&t SiedkftUe Back-Kleidukä SikdUüMt Sttaää »»•»wwTwyDW

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