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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-12-15 · 24 (15.12.1934) · p. Seite 532

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
24 (15.12.1934)
Date
1934-12-15
Page
Seite 532 (sequence 16)
Language
German
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532 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 24' Warum wir Mendelssohn aufführen? V o m „ J u d e 111 u m" Felix Mendelssohn- Bartholdys Zum Symphonie-Konzert des Kulturbundorchesters am Donnerstag, den 2 0. Dezember Dorothea Schlegel, die Tochter von Moses Mendelssohn, schreibt aus Wien, am 6. Aril 1809, über die Gebert von Felix Mendelssohn, die zwei Monate vorher (am 3. Februar 1S09) erfolgt war: „Noch eine kleine Familienbegebenheit: meinem Bruder Abraham ist ein Sohn geboren worden, den er hat lauien lassen." Nach der über ein Jahrhundert gülligen Fiktion, als sei das Judentum nichts anderes als eine Religionsgemeinschaft, hatte Mendelssohn-Bartholdy nichts mit „jüdischer" Kunst zutun; seine Herkunft und sein striktes Wegschauen vom Jüdischen schloß ihn an und für sich von der „Synagoge" aus. Er gehörte zu den großen deutschen Meistern des 19. Jahrhunderts, geadelt durch Goethes Zuneigung, durch die uneingeschränkte Bewunderung der Besten seiner Zeit und durch unsterbliche Meisterwerke, denen auch der moderne Zeitgeist nichts anhaben kann. Aber das Judentum stand zu ihm nie anders als etwa zu Schumann oder Weber oder Cherubini. Nicht als Enkel von Moses Mendelssohn ist er auch von deutschen Juden hochgehalten und geliebt worden. Die Zeiten haben sich gewandelt. Schon vor mehr als 50 Jahren veröffentlichte Richard Wagner seine Kampfschrift über das Judentum in der Musik. Darüber ist in den 50 Jahren seit Erscheinen nicht so viel geschrieben worden wie in den letzten eineinhalb Jahren, seit dem Umschwung in Deutschland. Gleich vielen anderen, nicht aus freiem Willen vom Judentum, aus dem sie hervorgegangen sind. Abgekehrten, ist auch Felix Mendelssohn-Bartholdy uns plötzlich wieder zurückgegeben worden: man hat ihm deutsches Fühlen aberkannt. Darüber und über die Möglichkeit solcher Unterscheidungen kann an dieser Stelle nicht gesprochen werden. Wir wollen einem berufenen Kenner Mendelssohns, dem Musikhistoriker Walter Da h m s das Wort geben: ..Ist Mozart die ideale Verkörperung des musikalischen Genius überhaupt, mit all der unerschöpflichen Kraft der Inspiration und der reifsten und überlegensten Meisterschaft der musikalischen Technik, so treffen wir unwillkürlich auf Mendelssohn, wenn wir in der späteren Musikgeschichte ein Gegenstück suchen. Beide haben Südliches in ihrer Musik, den stillen Mittag heiterer Sonnentage, das Schwebende, Duftende, das Schillernde und Erwärmende weiter Mittelmeerlandschaften, eine leise tändelnde Melancholie selbst in der freudigsten Lebensteiahung. Während es Mozart mehr zur italienischen Fülle und Buntheit drängt, zeigt sich in Mendelssohn das Hinneigen zur griechischen Schönheit und strengen Linienführung. Den Griechen selbst war ja eine große, ihrem Charakter ebenbürtige und angemessene Musik versagt. Der Sinn der Allgemeinheit war auf äußere Bildhaftigkeit gerichtet. Die Antike war eben die unbedingte und rückhaltlose Manifestierung des körperlichen Schönheitsideals. Die musikalische Seele im griechischen Sinne' tauchte erst in Mendelssohns Musik auf. Spüren wir .den Ursachen der Unterschätzung Mendelssohns weiter nach, so sehen wir heute, wie ihm künstlerisch Wagner und Brahms in den Weg traten. Der Drang des Publikums nach staiken Erregungen wurde von der Bühne auch in den Konzertsaal übertragen. Man fand zu wenig Würze, zu wenig Aufmachung in Mendessohns Musik. Man fing an. ihn verblaßt und veraltet zu nennen, eben weil man die Fühlung mit den Idealen seiner Zeit verloren hatte. Der Mangel an Beschaulichkeit und Verinnerlichung im modernen Leben hat auch viele andere unserer besten Musiker, Dichter und Maler zu den Toten gelegt. Wieviel köstliche Güter sind da verscharrt und warten auf Wiedererweckung. Der Instinkt der Künstler findet leicht den Weg zu ihnen zurück. Man bedenke doch nur, wie viel Anleihen gerade der Meister unserer Zeit, Richard Strauß, bei Mendelssohn erhoben hat. Wir müssen nun von dem Judentum Mendelssohns sprechen. Nicht, wie um etwas Unangenehmes oder Peinliches, von dem doch nun einmal die Rede sein muß, möglichst rasch zu erledigen, sondern um von vornherein den richtigen Standpunkt in einer so wesentlichen Frage zu gewinnen. Ein Mahnender von überragendem Einfluß auf die Deutschen zwingt uns dazu: Richard Wagner. Wir wissen längst, daß das Jüdische keine Sache der Religion, sondern der Rasse ist. Die Forscher auf beiden Seiten, der Juden und Nichtjuden, in so grimmer Fehde sie gegeneinander liegen, haben uns genugsam belehrt, um uns vermuten zu lassen, daß die Wahrheit in der Mitte liegt. Wir können auf Objektivität nicht Verzicht leisten. Deshalb dürfen wir auch Richard Wagners Schrift über das Judentum in der Musik nicht ohne Vorbehalt unterschreiben und unerwähnt lassen. Wagners höchst persönliche Auseinandersetzung, die mit Keulenschlägen seinen Anschauungen vom Wesen der deutschen Musik eine Bahn brechen und die Widersacher vernichten sollte, ist, obwohl viel von Mendelssohn gesprochen wird, doch in der Hauptsache gegen Meyerbeer gerichtet. Denn Wagner wußte ebenso gut wie wir, daß Mendelssohns Musik unbeschadet der Würde der deutschen Kunst und Kultur neben der seinen bestehen konnte. Mendelssohn ist der erste große und ernste, für alle Zeiten bleibende Meister, den die Juden der Musik geschenkt haben. Seine Musik hat deutschen Charakter. Ihn aus der Reihe der „deutschen" Meister auszuschließen, wäre eine Verblendung, die nur aus einer gründlichen Verkennung des vielseitigen Wesens des Deutschtums zu erklären wäre. Noch ist keine endgültige Formel für das Deutsche gefunden worden. Denn die unendliche Variabilität und Fülle unserer Genies straft jede engherzige Definition Lügen. Ucd gerade dies sei unser größter Stolz." Edifh Herrnsfadf Rezitationsabend Der vom jüdischen Kulturbund am 6. Dezember im .Museum veranstaltete Rezitationsabend Edith Herrnstadt (Oettingen), erwies den Ruf, der ihr vorherging, als begründet. Ihr erstaunliches Einfühlungsvermögen in die zum Vortrag gebrachten Dichtungen zwang die Zuhörer zum Miterleben. Durch diskretes und doch beredtes Minenspiel unterstützt, kommt der Künstlerin ein Organ zu statten, das sich gehorsam dem Ausdruck des Schmerzes und der Freude, der Rührung und des Scherzes. Lyrischem wie Dramatischbewegtem in gleicher Weise zur Verfügung stellt. Der männlichen Kraft eines Gedichts von Manfred Stunnan wurde sie ebenso gerecht wie zarten Versen Zuckermanns, einem Chanukkagedicht Morris Rosenfelds mit bekenntnishaftem Schluß, ebenso wie dem Ernst von Ben Chorins „Roschhaschono 1933". Ganz besonders aber boten die Prosastücke Gelegenheit, die Kunst der Vortragenden kennen zu lernen und zu genießen. Vor allem ist da das Auswendigsprechen zu erwähnen, das natürlich auch für die Gedichte wirksam war. Es handelt sich dabei ja nicht nur um eine große Gedächtnisleistung, sondern es wird dadurch — speziell bei den Erzählungen — eine Konzentration und Souveränität des Vortrags erreicht, die ihresgleichen sucht. Wie vortrefflich gelang es doch Edith Herrnstadt, in Zangwills Erzählung der Mutterliebe Rührendes und Verklärendes zum Ausdruck zu bringen, in „Vielleicht noch höher" von Perez edles Menschentum und ungläubiges Allesbesserwissen, in einer Erzählung von Schalom Asch das Gott-Erleben eines primitiven Menschen. Den Höhepunkt bildete die Wiedergabe zweier Kapitel aus dem wundervollen Roman „Hiob" von Josef Roth. Erschütternd wirkte das Sichauflehnen Mendel Singers gegen Gott, ergreifend seine Begegnung mit seinem längst verloren geglaubten Sohne Menuchim. M. K.

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