Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 24 (15.12.1934)
- Date
- 1934-12-15
- Page
- Seite 526 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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526 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 24 Erfahrungen und Vorschläge zur Sabbat-Gesfallung für die jüdische Jugend Von Bezirksrabbiner Dr. Ernst Jacob, Augsburg Die Reichsvertretung der deutschen Juden hat jüngst folgenden Appell au die jüdische Öffentlichkeit gerichtet: Unserer jüdischen Schuljugend ist jetzt eine Möglichkeit gegeben, die Stunden des Schabbats zu eigen zu gewinnen. Die jüdischen Schüler können auf Antrag der Erziehungsberechtigten am Sonnabend vom Schulbesuch befreit werden. Der Unterricht am Sonnabend ist durch die Einführung des Siaatsjugendtages neu geregelt. An diesem Tage findet für das 5. bis 8. Schuljahr wissenschaftlicher Unterricht nicht mehr statt. Anregungen, die die Reichsvertretung den Gemeinden übermittelt, wollen aufzeigen, wie der Schabbat für unsere Jugend gestaltet werden kann, damit sie es wieder lerne, den Schabbat zu halten. Für ein Werk seelischen Ausbaus, für die innerliche Autrichtung soll eine Grundlage bereitet werden. Ein feierlicher und festlicher Schabbat soll die Freude am Judentum und damit die Freude am Leben stärken. Wir rechnen darauf, daß unsere jüdischen Eltern sich dieser großen Möglichkeit eröffnen und dieser bedeutungsvollen Aufgabe Verständnis entgegenbringen. In meiner Gemeinde Augsburg veranstalte ich schon seit drei Jahren Schabbatstunden für die Jugend. Der übliche Jugendgottesdienst war unbefriedigend, weil er alle Schüler und Schülerinnen von 6 Jahren aufwärts bis zu 19 Jahren zusammenfassen sollte. Es wurde in jedem Monat der Reihe nach ein Jugendgottesdienst für alle Kinder, eine Schabbatstunde für die Kinder von 6 bis 11 Jahren, eine Schabbatstunde für die älteren Kinder gehalten. Ein sehr stimmungsvoller Raum, der Trausaal unserer Synagoge, stand zur Verfügung. Dort wurde ein Tisch weiß gedeckt, auf dem zwei Leuchter mit Kerzen brannten. Die Stunde selbst wurde mit Singen und Vorlesen verbracht. Gelegentlich führten kleinere Kinder eine biblische Geschichte auf und größere Kinder deklamierten. Gesungen wurde zu Beginn stets das „Schir hama'alos" des Tischgebetes, ferner .,En kelohenu", „Schema jisroel" und ähnliche Stücke aus dem Gottesdienst. Vorgelesen wurden Gedichte, Legenden, Jugenderzählungen. gelegentlich etwas aus der Bibel. Meistens hielt ich eine kleine Ansprache, die auf die Bibelvorlesung des Schabbats oder auf ein aktuelles Ereignis oder auf den Gegenstand der Vorlesung Bezug nahm. Hier sei gleich bemerkt, daß das Material, das sich zum Vorlesen eignet, höchst spärlich und dürftig ist und daß wir eigentlich so gut wie nichts wirklich für die Jugend Geeignetes und dabei doch Gehaltvolles besitzen, abgesehen von den Gleichnissen und Legenden der talmudischen Literatur, von denen aber nur ein Teil für Kinder geeignet ist. Hier ist ein großes und wertvolles Arbeitsfeld, auf dem sich freilich nur wirkliche Dichter betätigen dürfen. Mit diesem Herbste haben meine Schabbatstunden durch die Einrichtung des Staatsjugendtages ein vollkommen anderes Gesicht bekommen. Es ist mir gelungen, zu erreichen, daß alle Kinder der ersten bis vierten Klasse der höheren Schulen (hier in Bayern Mittelschulen genannt) und darüber hinaus eine ganze Anzahl Kinder anderer Klassen für den ganzen Samstag von ihren Eltern aus der Schule genommen wurden und rest- S. Levinger Zigarren rühmlichst bekannt durch feine Qualität das passende Festgeschenk für den Herrn jetzt wieder Bayerstrasse 21 im Neubau Hotel Rheinhof / Gegründet 1886 / Fernsprecher 54897 los den Schabbathmorgengottesdienst besuchen. Dadurch, dürfen wir das endlich zu erreichen hoffen, was durch das Surrogat des Jugendgottesdienstes vergeblich erstrebt wurde, nämlich daß unsere Jugend tatsächlich an den Gottesdienst der Gemeinde gewöhnt und mit ihm vertraut wird. Dieser umfaßt zwar alle Altersklassen aber als eine Einheit organischen Lebens und nicht bloß die isolierte „Jugend", die im Gottesdienst für sich zu nehmen unnatürlich ist. Jetzt kommen oft die Eltern mit ihren Kindern in den Gottesdienst und diese wachsen an der Seite von Vater und Mutter in die Gemeinde hinein. Sie werden unbewußt mitgerissen von dem Gefühl der Gemeinschaft aller Geschlechter. Wir haben unseren Gottesdienst dem neuen Besucherkreis angepaßt: einige Knaben werden aufgerufen und ich gebe regelmäßig eine Inhaltsangabe der Thoravorlesung und eine ganz kurze Schrifterklärung, abgesehen von den Schabbaten, an denen eine Predigt gehalten wird. Der Jugendgottesdienst ist überflüssig geworden. Die Schabbatstunden habe ich aber beibehalten, ja sie finden jetzt jeden Schabbat im Anschluß an den Gottesdienst für die in diesem anwesenden Kinder statt, außerdem einmal im Monat für diejenigen Kinder, die auch jetzt noch am Schabbat die Schule besuchen, also vor allem die Kinder der ersten bis vierten Volksschulklasse. Die Schabbatstunden, die sich nun an den Morgengottesdienst anschließen, haben jetzt eine vollkommen andere Aufgabe. Sie sollen unseren Kindern zeigen, daß Schabbat und Judentum keineswegs nur im Gottesdienst- und Synagogenbesuch bestehen, sie sollen eine Stunde des Frohsinns, der Unterhaltung, der dem Kinde unbewußten jüdischen Belehrung sein, vor allem aber unseren Kindern ein Gegengewicht zu geben versuchen gegenüber den mannigfachen Zurücksetzungen, die sie im Alltag und in der Schule hinnehmen müssen. Ich erstrebe dabei auch, die Kinder mit den religiösen Bräuchen des jüdischen Hauses vertraut zu machen. Die eigentliche Stunde verwende ich fast gar nicht mehr zu Vorlesungen. Ein eelegentlicher Einfall hat mich zunächst einmal für unabsehbare Zeit mit einem Stoff versehen, von dem von vornherein feststeht, daß er die Kinder interessiert. Ich habe nämlich die Kinder aufgefordert, Fragen, und zwar schriftlich, aber anonym, in meinen Briefkasten zu werfen und ich bin seitdem mit Fragen geradezu überschüttet worden. Dieses Fragen sind durchweg verständig. Viele eignen sich zu längeren Ausführungen, so daß höchstens zwei oder drei in einer Schabbatstunde behandelt werden können. Ich führe eine Anzahl Fragen an. die bisher behandelt wurden, und zwar mit den Worten, in die die Kinder selbst sie gekleidet haben: Was ist eine sephardische Judengemeinde? Hat es einen besonderen Grund, daß der erste jüdische Monat im Nissan ist und das jüdische Jahr im Tischri angeht? Wieso kommt es, daß so viel Juden Städtenamen oder Tiernamen! haben? Warum wird die Thora während des Kaddisch nach der Vorlesung mit dem Mäntelchen bedeckt? Warum tragen die Juden bei gottesdienstlichen Handlungen eine Kopfbedeckung? Warum bezeichnet man die Juden als eine fremde Rasse? Warum spricht man in Palästina nicht althebräisch, sondern neuhebräisch? usw. Zuweilen schmuggle ich selbst eine Frage ein, um die Kinder auf neue Fragengebiete hinzuweisen. Gelegentlich behandle ich ein aktuelles Thema von mir aus. So hielten wir am Sukkoth unsere Schabbatstunde in unserer schönen Gemeindelaubhütte, deren Schmuck ich dabei den Kindern erklärte, oder ich zeigte den Kindern, wie eine Rose von Jericho, die man mir aus Erez Israel mitgebracht hatte, sich im Wasser entfaltete, oder ich erklärte ihnen die Reliefkarte von Palästina, die der Keren Hajessod herausgegeben hat. Nächstens will ich ihnen einmal Sprichwörter und Redensarten deutsch-jüdischer Vorzeit nach Tendlau erklären. In der Schabbatstunde soll Humor sein. Deshalb erzähle ich jedesmal 1—2 Schwänke und Witze, und zwar nach den „Rosinkes und Mandeln" von Olswanger („Jüdische Schwänke" R, Löwit Verlag. Wien und Leipzig.) Einen großen Raum nimmt in unserer Schabbatstunde das „Singen" ein. Zur Zeit singen wir aus dem Makkabi-Liederbuch z. B. „im en ani Ii" oder „aschrenu ma tow chelkenu". Aber ich möchte auch die alten Schabbat- und Freitagabendlieder