Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 22 (15.11.1934)
- Date
- 1934-11-15
- Page
- Seite 478 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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478 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 22 einen großen nachhaltigen Eindruck hinterließ. Besonders die Analyse des rein dichterischen Schaffens des verstorbenen hebräischen Dichters ging eigene Wege und verriet außer einem seltenen Sinn- und Sachverständnis ein mitfühlendes, nicht müdes und nicht resigniertes Judenherz. Kurz, wir fanden diesen Abend als die bisher gelungenste Veranstaltung des Kulturbundes, der uns in der kurzen Zeit seiner Existenz doch gewiß viel Schönes und Nachhaltiges geboten hat. Mit voller Hingabe trugen an dem Gelingen die Herren Schainermann und Renka, die Bialiksche Gedichte hebräisch und deutsch sinnvoll vortrugen, und die Herrn Erck und Mosbacher durch ihr großes musikalisches Können bei. Margarethe Susmann Ein Dank zu ihrem 60. Geburtstage Wer jemals das scharf geschnittene, wie von einer Gemme stammende Profil dieser Frau gesehen hat — die verwegene Nase, den bohrenden Blick des Auges unter langer Wimper hervor, den schmerzlich geschwungenen Mund — der weiß: hier steht eine ungewöhnliche Frau vor uns. Nur der Geist konnte sich solche Züge bauen. — Margarethe Susmann hat in ihrem sechzigjährigen Leben manche Wandlung erlebt; immer deutlicher traten Schaffen und Erkennen, die beiden Pole ihres Lebenswerkes, aus einer Flut von Hoffnungen und Entwürfen hervor — wie Felsen sich aus dem Meer erheben. Sie begann als Lyrikerin. Drei Gedichtsammlungen erschienen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts; auch in dramatischer Dichtung hat sie sich versucht. Daneben aber zeigte schon 1910 ihr bemerkenswertes Buch über „Das Wesen der modernen deutschen Lyrik", wie sich die Dichterin über die Zusammenhänge von Lyrik und Philosophie, von Religion und Mythos klar zu werden strebte. Lyrik wird ihr zur Botin des Religiösen; ihre Aufgabe soll es sein, die versinkenden, fremd gewordenen Heiligtümer zu verwalten. Als ein Denkmal und Abschluß steht am Ausgang dieser ersten Schaffensepoche in Margarethe Susmanns Entwicklung das edelschöne Buch „Vom Sinn der Liebe" (1912), — Eine neue Diotima sucht hier in beseelten Rhythmen vor einem ratlosen Geschlecht den tiefsten Sinn des Strebens nach Vereinigung aufzudecken — im Leben des Einzelnen wie im Leben der Gemeinschaft. Welches aber ist diese Gemeinschaft? — Es verrät viel vom heimatlosen Suchen der Dichterin selbst, wenn sie hier im Namen einer Schar von Einsamen spricht, deren Sprachen untereinander verwirrt sind, denen jeder Glaube an ein gemeinsames Bild des Unendlichen verloren gegangen ist. Sie sind es, die erst lernen sollen, einander wieder als Gemeinde zu begreifen. In jenen Jahren finden wir das Bild dieser Frau bei fast allen den großen Suchern der Zeit. In Landauers Briefen tritt uns ihr Name bedeutungsvoll entgegen; mit Martin Buber wird sie früh bekannt. Vor allem wird Franz Rosenzweigs von der zwiefachen Krone des Denkens und des Leidens gekröntes Antlitz ihr zum Wegweiser auf dem Pfade von der entseelenden Vereinzelung zur ewigen Gemeinschaft. Sein großes Buch, den „Stern der Erlösung" hat sie tief erkannt; den Sinn seines Sterbens, das in den sieben Jahren seiner Krankheit zu erhöhtem Leben wurde, hat sie vielleicht als die einzige in jenem trauervollen Chor der Freunde damals im Eigentlichen begriffen. In jenen Jahren beginnen auch ihre überraschend hellsichtigen und feinfühlenden Deutungen jüdischer Gestalten und religiöser Probleme, so etwa „S a u 1 und David, zwei ewige Gestalten" — „Das Hiob-Problem bei Franz Kafka" — „Die messianische Idee als F r i e d e n s i d e e" u. a. Aus den gleichen Jahren aber stammt ein wertvoller Beitrag zur deutschen Geistesgeschichte, ihre weithin beachteten „Frauen der Romantik" (Diederichs, 1929). Auch wer mit den scharf profilierten Federzeichnungen dieses Buches nicht durchweg einverstanden ist — so ist etwa das Bild Moses Mendelssohns, das im Hintergrunde auftaucht, entschieden verzeichnet — der wird aus ihren packenden Formulierungen und tiefen Einsichten viel dankbar in sich aufnehmen können und den biegsamen, niemals allzu wortreichen Stil bewundern, der sich den Bildern ihrer Heldinnen anpaßt wie ein Gewand aus Byssus. Bei aller Bewunderung aber scheint mir dies romantische Buch heute schon ein wenig zu verblassen gegenüber den oben genannten Deutungen biblischer Gestalten — und, so können wir nun hinzufügen, jüdischer Gestalten im großen Schatzhause der Weltliteratur: Wenn sie sich zu Stifters Abdias oder zu Shakespeares Juden von Venedig wendet, dann wird alles Alte neu — weil ein wirklicher Mensch es mit neuen Augen anschaut. Hier wird denn auch der Weg recht deutlich, den diese unbekümmerte Wahrheitssucherin geschritten ist: von der Gemeinde der Einsamen zur Gemeinschaft ihres Volkes. Es wäre ein Ziel, aufs Innigste zu wünschen, daß Margarethe Susmann diese biblischen Deutungen, die manchem unter uns erst den Weg zur Bibel wieder gezeigt haben, einmal in einem Buche vereinen könnte. Noch mehr: daß sie das große Werk aus der Geistesgeschichte des deutschen Juden vollenden und veröffentlichen könnte, an dem sie, wie man hörte, seit langer Zeit arbeitet. Bertha Badt-Strauss. Wo bist Du? Von Chaim Nach m'a n n B i a 1 i k Vom Orte, wo Du heimlich weilest, Einzige, Du meiner Sehnsucht Gottheit, O zeige Dich und komme bald, ja komme, Zu mir, ins Dunkel. Dieweil mir's noch Erlösung gibt, erlös mich, Sei meines Schicksals Königin! Geraubter Jugend gib mir einen Tag zurück Und töte mich in meinem Lenze. Mein Funke mag erlöschen unter Deinen Lippen, Am Busen Dir will ich verscheiden Gleichwie des Abends unter duft'gen Blumen Ein Schmetterling. Wo bist Du. .? Ich kenn Dich nicht; ich weiß nicht, wer noch was Du bist — Und stammle Deinen Namen. Des Nachts, wie Feuerbrand, auf meinem Lager Glüht Dir mein Herz, Zerbeiß ich, schlaflos, weinend, meine Kissen, Verzehr mich, Dein gedenkend. Des Tags, inmitten der Gemara Zeilen, Im Lichtstrahl wie in heller Wolke, Im lautersten Gebet, in meinem reinsten Denken, In heiterm Sinnen wie in tiefstem Schmerze — Sucht meine Seele einzig Dein Erscheinen, Nur Dich, nur Dich, nur Dich . . . Übertragen von A.Schlesinger.