Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 21 (1.11.1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- Seite 450 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2727810-2728000-2728021--09761-2743046- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
450 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 21 Er stammte aus einem kleinen, sehr ländlichen Dorfe Rady in Wolhynien. Am 10. Teweth 1873 kam er zur Welt, 1879 siedelte die Familie nach Schitomir über, 1884 kam er ins Beth hamidrasch, zum Lernen, der Vater war schon tot, und der Großvater betreute ihn. 1891 erscheint das erste Gedicht und erregt Aufsehen, 1892 heiratet Bialik, 1897 geht er auf zwei Jahre als hebräischer Lehrer nach Sosnowice. 1902 gibt er seine erste Gedichtsammlung „Schirim" in zwei Bänden heraus, 1903 besucht er Kishinew nach dem Pogrom und schreibt seine grandiosen Pogromverse. 1905 gründet er in Odessa den Verlag Moriah, gibt mit J. Ch. Rawnitzky das „Sefer hagadah" und einige Anthologien heraus, schreibt auch Erzählungen und betätigt sich als Verleger und Pädagoge. 1909 ist er zum ersten Male in Palästina. 1913 bringt ihm die erste jiddische und 1914 die russische Ausgabe seiner Gedichte großen Erfolg. 1921 siedelt Bialik nach Berlin über, wo er eine reiche Verlagstätigkeit entwickelt, 1924 geht er nach Palästina. Er gründet den Verlag Dwir, veranstaltet eine Monumentalausgabe von Salomo ibn Gabirols Gedichten u. a., übersetzt Shakespeares „Julius Cäsar" und Schillers „Wilhelm Teil". 1931 besucht er wieder einmal Europa, und der sechzigste Geburtstag — man widmet ihm das „Sefer Bialik" — findet ihn auf der Höhe seines Ruhmes. Stefan Frenicel und Alma Weilj im Münchener Kulturbund Wer bei der Bewältigung eines so vielseitigen Programms von Reger über Schubert zu Paganini sich vom Blendreiz überragender Technik nicht beirren läßt, um auch den Weg zu schlichter Innerlichkeit zu finden, darf wohl mit Recht sich Künstler heißen. Stefan Frenkel besitzt solches Spitzengefühl für Stilwahrung wie nur wenige Zeitgenossen. Er brachte Regers „Suite im alten Stil", welche ihr strenges Fprmgewand mit modernen Harmonien tauscht, mit vornehmer Zurückhaltung und tiefer Verinnerlichung im Largo, um dann mit großangelegter Schlußfuge dieses köstliche Kleinod zu krönen. In Schuberts „Rondo brillant" ließ er sich nicht dazu verleiten, naheliegende sentimentale oder agogische Konzessionen des Effektes halber einzuräumen. Der kammermusikalische Rahmen ward durchwegs gewahrt; man durfte eine Leistung von harmonischer Plastik bewundern. Der zweite Teil des Abends stand vorwiegend im Zeichen des Virtuosen, wobei der eminente Geiger im Paganini-D-dur- Konzert Gelegenheit fand, alle Register seiner verblüffenden Technik zu ziehen. Auch Frenkels Sonate für Solovioline — Opus 1 des damals erst siebzehnjährigen Künstlers — welche, vom pathetischen Präludium abgesehen, stark zum Bravourösen hinneigt, fand eine eindrucksvolle Wiedergabe, wenn auch die Schwächen dieses Frühwerkes nicht verborgen bleiben konnten. Außerordentlich interessierten die Arbeiten zweier weiterer jüdischer Komponisten, nämlich Dobrowen's „Hebräische Melodie" und Ernest Bloch's „Baal schem". Beide Autoren können nicht verleugnen, daß sie sich unter den Fittichen westeuropäischer Kultur entwickelt haben. So macht sich bei diesen an sich stark fesselnden Arbeiten — wie meist bei Bearbeitungen jüdischer Weisen — ein gewisser stilistischer Widerspruch bemerkbar, indem dem schlichten jüdischen Melodiengehalt der Mantel einer allzusehr zivilisatorischen Musiktechnik übergestülpt wird. Aus dem Werke Dubrowens klingen östliche Rhythmen an, während die Chassidische Stimmung der „Improvisation" von Ernest Bloch das Virtuosentum eines modernen Geigensatzes nicht verleugnen kann. A1 m a W e i ß am Flügel erwies sich als eine ausgezeichnete Pianistin, welche ihre überzeugenden Eigenschaften besonders in der vortrefflichen Wiedergabe der Werke von Reger und Schubert zu entfalten vermochte. Als Solistin brachte sie Chopin's F-moll Phantasie äußerst temperamentvoll in gedanklicher und technischer Überlegenheit. Man hätte ihrem ausdrucksvollen Spiel nur ein besseres, im Diskant weniger sprödes Instrument gewünscht. Der vollbesetzte Saal quittierte den durchschlagenden Erfolg des Abends mit begeistertem Beifall. B. Münchener Kulturbundchor Die Proben werden wieder aufgenommen] und finden jeden Montag Abend im Bibliotheksaal der Gemeinde, Herzog-Max- Straße 7/1, statt; zunächst getrennt für Damen von 8 bis 9 Uhr, für Herren von 9% bis 10^ Uhr. Regelmäßiges und pünktliches Erscheinen ist Voraussetzung für die Teilnahme. Die erste Probe ist Montag, den 12. November 1934. Stimmbegabte Damen und Herren können noch Aufnahme finden. Zuschriften sind erbeten an den Chorleiter, Herrn Kapellmeister Erich Erck, München 13, Adelheidstraße 33. Judentum und bildende Kunst Zum Vortrag von Prof. Landsberger am 4. Oktober. Am 4. Oktober 1934 hielt Professor Dr. Franz Landsberger, Berlin, einen Vortrag über „Judentum und moderne Kunst". Bedauerlicherweise war diese ungemein anregende Veranstaltung des Jüdischen Kulturbundes in Bayern nur schwach besucht, und es ist dringend zu hoffen, daß das weitere große Programm bei der Münchener jüdischen Öffentlichkeit stärkerer Anteilnahme begegnet. Nach einem kurzen Hinweis auf die keineswegs geringe künstlerische Betätigung der Juden im Altertum und Mittelalter beschäftigte sich der Vortragende eingehender mit dem jüdischen Anteil an der europäischen Kunst seit der Emanzipation. An zweckmäßig ausgewählten Lichtbildern charakterisierte er knapp und einprägsam die kunstgeschichtliche Stelle und Bedeutung der drei großen jüdischen Meister des Naturalismus: Israels, Pissaro und Liebermann und verfolgte die große Reihe bedeutender jüdischer Künstlerpersönlichkeiten bis in die jüngste Zeit. Die wichtige Rolle, welche jüdische Künstler innerhalb des Impressionismus und Expressionismus sowie bei der Entstehung der modernen sachlichen Baukunst spielen, wurde deutlich. Der stark expressive Charakter tritt häufig als Eigenart der von Juden geschaffenen Kunst hervor und bestimmt zumeist auch die Behandlung jüdischer Stoffe. Zusammenfassend stellt Professor Landsberger in vorsichtiger Formulierung einige bei den behandelten Künstlern oft wiederkehrende Eigenschaften fest — besonders die subjektive Note, welche den starken Anteil an der Kunst des Impressionismus erklärt —, die als Wesenszüge jüdischer Künstler dieser Zeit bezeichnet werden dürfen. Der Vortrag hatte eine lebendige Anschauung und ein in sich abgerundetes Bild einer Epoche jüdischen Kunstschaffens vermittelt, für das alle Hörer Professor Landsberger Dank wissen werden. Noch vor Ablauf dieser behandelten Epoche beginnt eine neue; eine junge Generation jüdischer Künstler, meist aus dem Osten stammend, müht sich — bewußt oder unbewußt — jüdischem Erleben: der religiösen Ergriffenheit, dem Erlebnis der blutvollen Tradition des Ostjudentums oder des neuen Menschentums und der fremdartig-verwandten Landschaft Palästinas Gestalt zu geben, nicht mehr didaktischanekdotisch, sondern die Resonanz im Tiefsten der eigenen Seele ausdrückend. Diese Ansätze einer eigenartigen jüdischen Kunst herauszuarbeiten (wie es in den Jahrgängen der Kunstzeitschrift „Menorah" und in dem sonst vielfach nicht unbedenklichen Buch von Karl Schwarz „Die Juden in der Kunst" versucht wurde), wäre ein schönes Thema für einen besonderen Vortrag. Unter diesem Blickpunkt betrachtet würde die Bedeutung von Künstlern, die auch der Vortragende erwähnte, weniger in ihrer Rolle innerhalb einer bestimmten Stilrichtung zu suchen sein als in der Gestaltung des jüdischen Erlebnisgehaltes in ihrem Schaffen; nur so vielleicht sind z. B. Chagalls jüngste Werke in ihrem Wesentlichen zu begreifen und einem jüdischen Publikum nahezubringen. Gewiß ist es nicht möglich, Platz und Rang dieser Künstler mit wissenschaftlich befriedigender Sicherheit zu bestimmen, aber schon der Versuch, die in der bildenden Kunst sich regenden Kräfte eines lebendigen und lebenswilligen Judentums zu zeigen, wäre — gerade von unserer heutigen Situation aus gesehen — ebenso fesselnd wie der Rückblick auf die reiche Zahl von Talenten, die das Judentum zur Kunstentwicklung des letzten Jahrhunderts beigetragen hat. Dr. R. E.