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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-10-15 · 20 (15.10.1934) · p. Seite 421

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
20 (15.10.1934)
Date
1934-10-15
Page
Seite 421 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 20 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 421 gleicher Stärke waren die Massenszenen mit ihren überwältigenden Eindrücken wie jene Bilder, deren zwingende Macht aus dem aufs äußerste konzentrierten Zusammenspiel von Wenigen kam. Einige Momente aus dem Stück mögen in den Herzen der Zuhörer haften geblieben sein wie Worte, die man einmal aus tiefster Seele sprach: so etwa das Schreien des empört aus seiner Verblendung erwachenden Volkes nach Brot vor den leeren Speichern — der nächtliche erbitterte Wortkampf zwischen Zedekia und Jeremias, zu dessen Ende sich beide brüderlich einen —, die äußerste Hingabe des Jeremias an seinen Gott, dem er sich beugt, den er bezeugt zur Zeit der letzten Not und unter den Wutschreien des Volkes, das in ihm einen vom Feinde Gekauften sieht — und schließlich das Bild des Tröstung Spendenden, der auf einsamer Höhe, auf den Trümmern des Tempels, leuchtend steht, ein Wächter und Führer dem Volk, ein Turm in aller Zeit. Dies ist nur Weniges, aus dem Vielen herausgegriffen. Ungeheuer war die Leistung von Fritz Wisten, der der Gestalt des Jeremias höchste Weihe zugleich mit menschlicher Nähe verlieh. Ben Spanier gab den König Zedekia unter Aufbietung all seiner großen Kunst und steigerte sich zur größten Leistung am Ende seiner Rolle, als der König, geblendet, im tiefen Dunkel zu seinem Volk zurückkehrt. Lilly Kann war erschütternd als fluchende und segnende und schließlich am endlosen Leid zerbrechende Mutter des Propheten. Jede Rolle, auch die kleinste, bot höchste Kunst der Darstellung. Besonders erwähnenswert ist' die straffe Führung der Massenszenen, ein einziger Reigen, dessen Linie im Taumel des Schmerzes wie des Jubels wundervoll gehalten war. Nicht ganz geglückt ist die Lösung der Schlußchöre; hier hätte man, dem Gedanken des Dichters gemäß, das Volk hinausziehen lassen sollen „in die Zeiten", anstatt es in starrer Aufstellung hinter dem fallenden Vorhang zu belassen. Aber wozu das wenige Ungelöste heranziehen, wo so unendlich viel glückhafte Wirklichkeit geworden ist? Eine würdige, den hohen Gedanken gemäße Untermalung und Umrahmung schufen Arno Nadeis zutiefst jüdisch empfundene Musik und Heinz Condells.Bühnenbilder, der mit Hilfe der Projektionsapparate herrliche Wirkungen erzielte. Der Abend war ein gesellschaftliches Ereignis; nicht nur, weil ungefähr alle führenden Persönlichkeiten des jüdischen Wirtschafts- und Geisteslebens im Publikum vertreten waren, das Ereignis war ein gesellschaftliches in der reinsten Bedeutung des Wortes „sozial": aufgerichtet an der Darstellung des ewigen jüdischen Erlebens von Leid und Tröstung wandten sich alle Herzen dem Werk zu, für das man an diesem Abend mit verteilten Broschüren, mit Reden und mit dem Drama selbst geworben hatte: dem großen Werk aller deutschen Juden für Hilfe und Aufbau in unserer schweren Ze;t. Hilde Marx. Aus dem Reiche Tagung des Chaluz1 Vom 2S. September bis zum 1. Oktober fand eine Versammlung des Deutschen Landesverbandes des „Hechaluz" statt. Zum ersten Male seit der entscheidenden Wendung in dem Organisationsleben des „Hechaluz" im Jahre 1933 hatten sich über 200 Abgesandte aus den einzelnen Teilen der deutschen Länder in Berlin versammelt, um die verschiedenen Referate über die Arbeit des „Hechaluz" entgegenzunehmen und Richtlinien für die künftige Arbeit festzulegen. Auf der Tagung wurden Berichte über die Kulturarbeit und über den Stand des Haschara-Werks gegeben. Am Samstag, den 29. September, begrüßte Rabbiner Dr. Leo Bäeck im Namen der Reichsvertretung der deutschen Juden die Tagung des „Hechaluz". Der „Hechaluz", so führte er aus, sei die Kraft der Jugend, die den Menschen ins Leben 1 „C h a 1 u z" und „Hachschara" sind seit Anfang 1933 auch in den Wortschatz des nicht-zionistischen deutschen Juden übergegangen: „Chaluz" (die Vorsilbe „he" ist der Artikel vor dem Gutturallaut) ist ein klassisches biblisches Wort und am besten zu übersetzen „Der Pionier" (wörtlich „Der Gerüstete"). „Hachschara" (Vorbereitung, Zurichtung) ist eine nachtalmudische, neuhebräische Wortbildung. IDer freundliche Herr empfiehlt sich! Sie werden bei ihm eine zuvorkommende, freundliche Bedienung, eine zuverlässige, gewissenhafte Beratung finden! BAMBERGER & HERTZ Die zuverlässigen K I e i d e r f a c h I e u t e hinausführt, und die an einem jungen Werke, am Aufbau eines Landes arbeitet. Dipl.-Ing. Bruno Woyda wünschte im Namen der Jüdischen Gemeinde Berlin der Tagung einen guten. Verlauf. Sympathie für den „Hechaluz" vereinigt die ganze deutsche Judenheit ohne Unterschied der Weltanschauung. Im Mittelpunkt der Kundgebung stand der groß angelegte Vortrag Martin Bubers über die „Welt des Chaluz — Volk, Land, Arbeit". Er wolle, so führte er einleitend aus, über den Chaluz als neuen Menschen, über seine Größe und Problematik sprechen. Voraussetzung für das Werden eines neuen Menschen seien eine objektive Situation innerhalb der Volksgeschichte und eine freie Wesenshaltung zu dieser Lage. Es kommt darauf an, ob die Antwort eines Geschlechts auf seine Lage nur ideologisch, programmatisch-politisch gegeben wird, oder ob sie eine lebensmäßige ist. Soziologisch betrachtet war die Situation des jüdischen Volkes sozial-pathologisch. Als Antworttendenzen auf diese Situation haben sich der Nationalismus, der Zionismus und der Chaluz gebildet. Der ursprüngliche Chaluz, so fuhr Martin Buber fort, ist der Mensch der aktiven Gleichsetzung von Volksbefreiung und Selbstbefreiung. Zum ersten Male wird mit einer persönlichen Lebenshaltung einer Generation geantwortet. Der Chaluz ist die Synthese von Volk, Land und Arbeit. Diese soziale Snythese im Chaluz ruht auf einer lebendigen Gesellschaitsidee. Nicht er hat sie geschaffen, sie ist eine lebendige Tatidee, der jede Formulierung unrecht tut. Sie ist die gegenwärtige, gegenwartsgerechte Ausprägung der urjüdischen Tendenz zur Verwirklichung im ganzen Menschen. Die praktische Bedeutung des neuen Typus des Chaluz hat eine Kundgebungswirkung, und sie ermöglicht gleichzeitig das Werk. Der Chaluz ist der Mensch, der mehr arbeitet als er muß. Der Ursprung dieses Menschen ist nichts Gegenwärtiges. Urjüdische Realisierungstendenz hat hier typuserzeugend gewirkt. Die Verbundenheit mit den Urmächten, ohne daß die Glaubensverbindung mit ihnen bewußt besteht, sei kennzeichnend für diese. Menschen. Die Problematik des Chaluz ist seine Ausgesetztheit. Der neue Menschentyp ist nichts Gesichertes; ihm sind Volk und Land einfach Tatsachen. Wenn ein Zustrom von Genossen stattfindet, die wohl den Situationsantrieb gemeinsam haben, aber nich mehr die echte Wesenshaltung, so muß der Sinn der Bewegung verloren gehen. Es genügt nicht, Gemeinschaftstendenz zu verwirklichen. Wenn man eine Wahrheit nur durchsetzt und nicht zugleich verwirklicht, dann wird sie zur Fiktion. Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, daß in Palästina ein Primat der Politik sich hervorgekehrt hat, ein Primat der Gesellschaft, der Aktion dem Leben gegenüber. Mit dieser Entwicklung büßt der neue Menschentyp aber an Kernsubstanz ein. Zum Schluß bekannte sich Martin Buber wiederum zum Chaluz. Doch gehe es ihm um die Annahme jeder Urentscheidung und gläubigen Arbeit in ihrer Verwirklichung. Er habe den Glauben, daß dem ungläubigen, irreligiösen Chaluz noch eine große Mitwirkung an der religiösen Erneuerung bevorsteht. In der Aussprache über das Kulturreferat von Seew Orbach nahmen ebenfalls Prof. Martin Buber und Dr. Ernst Simon das Wort. Sie warnten beide vor der Gefahr einer Verweltlichung. Demgegenüber wurde von anderer Seite mehrmals betont, daß die deutschen Chaluzim Menschen einer modernen humani-

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