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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-10-15 · 20 (15.10.1934) · p. Seite 420

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
20 (15.10.1934)
Date
1934-10-15
Page
Seite 420 (sequence 8)
Language
German
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420 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 20 Alle Artikel des täglichen Bedarfs gut und billig El Ufßlfcldcr CmA$. ülümfym. baStmtM in selbstloser Weise verdient machten. Kurze Worte des würdigen Werbers für dieses in seinen Ausmaßen kaum vorstellbare Werk wiesen voll Eindringlichkeit auf die wichtigsten Aufgabengebiete hin, denen alle Arbeit gilt; neben den Möglichkeiten, die für Auswanderer nach Palästina und allen anderen Ländern zu schaffen sind, kommt es vor allem darauf an, den mindestens 400 000 in Deutschland bleibenden Juden zu helfen, auf dem Boden ihrer Heimat ein Leben in würdiger Umstellung zu erhalten und sie vor geistiger und seelischer Verarmung zu bewahren. Es gilt Opfer, die man früher für undenkbar hielt; und auch die finanzielle Leistung muß in erster Linie von den deutschen Juden selbst gefordert werden. Bis an die Grenze des Möglichen muß jeder einzelne für die Gesamtheit einstehen. Und gerade bei den Juden geht ja die Caritas nicht neben dem Gemeindeleben her, vielmehr ist sie ein Ausfluß des religiösen Gesamtlebens. Dieser Abend, sagte Justizrat Dr. Brodnitz, sei ein Ehrenzeugnis für die rasch gewonnene Erkenntnis der gewaltigen Aufgabe. Aber immer stärker gelte es für die Zukunft zu sorgen — dafür, daß die Kinder das Lachen nicht verlernen und in innerer Kraft gefestigt dem Leben entgegenwachsen. So führten diese Worte hinein in die Stunden des Gelöbnisses, zu denen, wie Dr. Brodnitz sagte, die Aufführung werden mußte. Die Festaufführung des „Jeremias" stand im Zeichen von „Hilfe und Aufbau" — nicht nur, soweit es ihren Zweck betraf, sondern ebenso im Hinblick auf den geistigen Gehalt des gewählten Werkes und seine künstlerische Durchführung. Stefan Zweig schrieb seine Dichtung vor 20 Jahren; nicht nur damals, auch vor zweieinhalb Jahrtausenden und ebenso heute ist dieser Stoff Leben und Gegenwart des jüdischen Volkes und Jeremias sein hoher Prediger im ewigen Auf und Ab seines Geschickes. Hilfe, Aufbau wirken seine Worte am Ende des Dramas den verzweifelnden Brüdern in höchster Not, am Beginn ihres Zuges aus dem zertrümmerten Jerusalem hinaus in eine dunkle, schwere Zukunft. Ein harter Weg ist es, auf den Jeremias von seiner Sendung bis zur letzten Höhe geführt wird. Alle Tiefen des Leides muß er durchmessen, ehe er das Licht greifen kann, um es den anderen zu schenken. Er, der von Gottes Stimme bezwungene, ist der ewig Bekämpfte von dem Volk, das sich verzweifelt wehrt, seinen düsteren Drohungen Glauben zu schenken, das seine Warnungen höhnend in den Wind schlägt, das lieber dem Lügenpropheten Hananja Glauben schenkt, der ihm wohlklingend zu Gefallen redet; Jeremias ist der ewig Heimatlose, der endlos Leidgeübte, der göttlichen Sendung demütig sich Beugende — er ist die jüdische Seele in ihrer weitesten Vollendung. Er, der Sehende, drängt dort zu realen Entscheidungen, wo die Masse, betört und verrannt in einen Gedanken falschen Stolzes, auf Wunder wartet. Frieden, gewonnen durch die Aufnahme des göttlichen Jochs, nichts als Frieden predigt er, er schreit ihn hinaus — aber der Schrei geht unter im Waffengeklirr, das das Volk in unsinniger Kampfesgier selbst beschworen hat. Zedekia, der von Babylon eingesetzte König, schwankt dauernd zwischen dem Trieb zur eigenen Macht, die er seinem Volk scheinbar nur durch das verhängnisvolle Bündnis mit den trügerischen Ägyptern und den Kampf gegen die übermächtigen Chaldäer verleihen kann, und dem Dämon Jeremias, dessen kündende Stimme immer und immer um ihn und über ihm klingt, die noch aus der Kerkernacht peinigend, anklagend ruft. Zu spät schenkt er ihr Gehör; als ihn der Prophet endlich durch die Gewalt seiner Rede bezwungen hat, zieht schon donnernd das letzte, alles vernichtende Unheil heran, in dessen Flammen die heilige Stadt versinkt. Da vollzieht sich, im schrecklich äußeren Umbruch, die glückhafte innere Wendung. Das Volk, auf den Trümmern seiner Häuser, hat nur noch sein eigenes Herz, in das es heimkehren kann. Das ist die große Erleuchtung des Jeremias, die ihm aus einer kurzen Nacht des Haders mit seinem Gott geworden ist, eine Nacht, in die ihn, .den Menschen, das übergroße menschliche Leid gestürzt hatte. Aber er steht auf, leuchtender als je. Er, der Künder bisher nur der Schrecken, der immer Warnende und Drohende, wird zum Bruder und Vater für die Reste des Volkes, er wird zum Tröster und Weiser in die Zukunft. Er ist es, der den Tempel neu aufrichtet in den Herzen, die sich unter seinen Worten wieder mit Licht zu füllen beginnen. Auf die bange Frage des Volkes, ob Jerusalem jemals wieder erschaut werden würde, ist seine Antwort: „Ewig wird inwendig es schauen. / Wes Seele nicht Knecht seiner Knechtschaft ist, / Und mit dem Maß seines Gottvertrauens / Die Tiefe allirdischen Leidens durchmißt. / . . . . Oh, wer vertrauet, dem ist es erbauet, / Wer glaubt, schaut immer Jerusalem!" Und so groß ist das Volk geworden, daß es ausziehend sprechen kann wie ein Sieger: „Wir aber schreiten und schreiten und schreiten / Tiefer hinein in die eigene Kraft, / Die sich aus Erden die Ewigkeiten / Und aus ihrem Leiden den Gott entrafft." Zurück bleiben die Chaldäer, staunend über dieses Volk, dumpf ahnend, daß eine eigene Macht über ihm ist, und erkennend: „Man kann ein Volk bezwingen, doch nie seinen Geist." Eine einzige Hymne, von Schlachtruf und Orgel begleitet, war dieses Stück. Die Sprache des Dichters selbst, die sich oit ins Hymnische erhebt, bestimmte diese Gestaltung, ganz abgesehen von den erhabeneh Themen. Es ist unendlich schwer, einen solchen Stoff, den man sich ebensogut im Rahmen eines Tempels denken kann, auf der Bühne packend und doch würdig zu meistern. Der Regie von Fritz Jessner ist es gelungen. Als ein organischer Fluß von einzelnen Szenen, die sich selbstverständlich zu dem Ganzen einen, bot sich das Drama. Von Das neue Quartal begann am 1. Oktober mit Nr. 19 der Gemeindezeitung Diejenigen unserer Bezieher, welche vierteljährlich zahlen, bitten wir um Erlegung des Abonnementsbetrages von 60 Pf g. an den Zeitungsträger, bezw. durch die Post. VERLAG B. HELLER, MÜNCHEN 25 Plinganserstr. 64, Postscheckk. 3987.

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