Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 19 (1.10.1934)
- Date
- 1934-10-01
- Page
- Seite 402 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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402 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 19 o Oder man vergegenwärtige sich die kultische Vielgestaltigkeit, in der der Seder-Abend verläuft, die schönen Sederschüsseln, die aus Metall, aber auch aus glasiertem Ton gefertigt werden. Das Laubhüttenfest erfordert die Ethrok-Dose, das Purimfest die schönen Purimteller, auf denen man seinen Freunden Geschenke ins Haus schickt, und so gibt es keinen Feiertag, der nicht sein eigenes Gerät beanspruchte. Eine bedeutende Rolle spielen dabei Lampen und Leuchter. Sie geben dem jüdischen Kult jenen Glanz, jene Verklärung, die uns verständlich werden, wenn wir sie als ein Rufen aus Nacht und Not zum Lichte, zur Befreiung, zur Erlösung verstehen. Da ist die große Stand-Menorah, die in den Synagogen steht, von deren Decken einst zahlreiche Kronleuchter herabhingen, deren Spindel schön profiliert, deren Arme reizvoll geschwungen waren. Da ist der neunarmige Chanukka-Leuchter, der entweder freistehend gebildet oder an die Wand gehängt wird und durch die lange Reihe seiner Lichter im Betrachter ein rhythmisches Behagen erzeugt. Da ist ferner der Habdalah- Leuchter, beim Scheiden des Sabbats verwandt! Dazu kommen die Wandblaker, kommt die ewige Lampe; überall, in Synagoge und Haus, hilft das Licht dem Tage Weihe zu geben und das Wort des Jesaias: „Mit Lichtern ehret den Herrn" zu erfüllen. Wenn diese ritualen Gegenstände ihren Schmuck einer meist üppig auftretenden Ornamentik verdanken, die sich des Pflanzen- und Tierreiches bedient, die menschliche Gestalt dagegen nur ganz selten verwendet, so kommt diese zum reichsten Ausdruck in zahlreichen Büchern und Rollen. Freilich, die Thorarolle selbt hat sich jedes Bildschmuckes zu enthalten; hier ist es nur der kostbare Mantel, die Verzierung der Rollen-Enden, das umgehängte Rollenschild, die die Strenge des Gesetzes mit dem weicheren Atem der Kunst umhauchen. Aber in jenen kleineren Rollen, die am Purimfeste die Esther-Geschichte erzählen, hat man nicht die gleiche Askese geübt, sondern diese wundervolle Erzählung von Not und Errettung mit Bildern begleitet. Vor allem aber ist es das Hausbuch, das am Sederabend verlesen wird, ist es die Haggadah, die als ein wahrer Tummelplatz bildlicher Darstellung diente. Da gibt es bescheidene Produkte, die von ungeschickten Händen gefertigt sind, und kost- 'bare Prachtwerke, wie die Haggadah von Serajewo oder jene der Darmstädter Landesbibliothek, deren Miniaturen oder Initialen feinste Koloristik, höchste Erzählergabe verraten. Als dann gegen Ende des Mittelalters das geschriebene Buch dem gedruckten weicht, da werden in Italien, aber auch in nordischen Ländern, sakrale Bücher gedruckt, die zu den schönsten Proben der Buchkunst gehören. Von den alten Synagogen ist ja leider nur sehr wenig erhal-, ten. Diese in voller Öffentlichkeit stehenden Denkmäler sind mit den öffentlichen Schicksalen der Juden stärker verflochten gewesen und haben unter ihren vielfachen Verfolgungen mit zu leiden gehabt. Aber man braucht nur an die Synagoge in Worms zu erinnern, die erst vor kurzem ihr 900jähriges Bestehen feiern konnte, um sich klarzumachen, welch' ehrwürdiges Alter einige dieser Kultbauten besitzen. Italien, in dem die Juden besondere Freiheiten genossen, hat auch manchen seiner Synagogen eine besondere Prachtentfaltung ermöglicht, die sich den Denkmälern ihrer Renaissance- oder Barockkunst würdig zur Seite stellt. Gegenüber so repräsentativen Bauten erscheinen die polnischen Holzsynagogen des 17. und 18. Jahrhunderts oder jene kleinen Fachwerkbauten im Frankenlande als schlichte dörfliche Kunst. Aber das soll kein abschätziges Urteil bedeuten, denn auch in dieser Einfachheit liegt ein köstlicher Reiz, und besonders die polnischen Holzsynagogen haben eine Stimmung, die uns gerade um ihrer Schlichtheit willen ans Herz greift. Das alles macht keinen Anspruch auf Vollständigkeit, und wenn es hier aufgezählt wurde, so ist der Zweck nur dieser, immer wieder darauf hinzuweisen, daß wir Juden ein kostbares Erbe verwalten. Gewiß, die Not ist heute so groß, daß die wirtschaftlichen Gesichtspunkte in den Vordergrund drängen. Aber sie dürfen nicht als die einzigen gelten. Was es heute zu stützen gilt, ist nicht nur der einzelne Jude, es ist das Judentum selbst. Und gerade die künstlerische Leistung hat es in ihrer weiten Sichtbarkeit, ihrer sofortigen Wirkung, ihrer bezwingenden Anschaulichkeit an sich, von der Lebendigkeit und Schöpferkraft dieses Judentums Zeugnis zu geben. Stefan Frenkel, der berühmte Geiger und Komponist, wird am Montag, den 22. Oktober, im Museum ein Konzert im Jüdischen Kulturbund in München geben. Die Münchener Veranstaltungen 1934/35 des Jüdischen Kulturbundes in Bayern 4. 10. Museum: Vortrag Prof. Dr. Landsberger-Berlin: ..Judentum u. moderne Kunst" mit Lichtbildern. 6. 10. Sitzungssaal der Gemeinde: Rezitationsabend Fritz Rosenthal-München. 22. 10. Museum: Violinkonzert Stefan Frenkel-Berlin (am Flügel Alma Weiß-München). 1. 11. Vortrag des Leiters der Herrlinger Schule Hugo Rosenthal: Die Psychologie des jüdischen Kindes. 8. 11. Museum: Bialik-Abend; Vortrag Rabbiner Dr. A. Schlesinger-Buchau; Rezitationen. 21. 11. Hauptsynagoge: Konzert des Synagogenchores; jüdisch-liturgisches Programm; Solist u. a. Oberkantor Israel Alter-Hannover; Dirigent Josef Ziegler. 6. 12. Museum: Rezitationsabend Edith Herrnstadt- Oettingen (Berlin). 20. 12. Hauptsynagoge: Symphoniekonzert des Münchner Kulturbundorchesters; Mendelssohn-Programm; namhafter Solist; Dirigent Erich Erck. Ferner sind vorgesehen: Vortrag Rabbiner Dr. Prinz-Berlin. Liederabend des Baritons Hermann Schey. Vortrag Siegm. Bing über Jakob Wassermann. Konzert Nürnberger jüdischer Künstler. Vortrag Rabbiner Dr. Eschelbacher-Düsseldorf. Konzert des Neuen Streichquartetts Berlin. Rezitationsabend Ludwig Hardt-Berlin. Symphoniekonzert des Münchner Kulturbundorchesters. Konzert Münchner jüdischer Künstler.