Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 19 (1.10.1934)
- Date
- 1934-10-01
- Page
- Seite 399 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2727810-2728000-2728019--09708-2742991- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 19 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 399 JikL Kultiirliiiiul in Itay^1'11 Judentum und bildende Kunst Von Professor Franz Landsberger (Berlin). Am Donnerstag, den 4. Oktober, abends 8.15 Uhr, wird der Kunsthistoriker Prof. Dr. Franz Landsberger, bis 1933 Professor für Kunstgeschichte an der Universität Breslau, im „Museum" über „Judentum und moderne Kunst", mit Lichtbildern, sprechen. Der Redner hat seine Vorträge im Berliner Kulturbund vor mehr als tausend Hörern gehalten. Vor kurzem folgte er einer Einladung der Londoner Universität und hielt dort Vorträge über die Kunst der Goethe-Zeit. Er hat darüber ein Grundwerk geschrieben, das im Goethe- Jahr 1932 im Insel-Verlag erschienen ist. Sein bekanntestes Buch (bei Klinkhardt u. Biermann) handelt über „Impressionismus und Expressionismus" und ist in mehr als 30 000 Exemplaren verbreitet. Mit seinen Spezialwerken, u. a. über den Folchert- Psalter (eine karolingische Miniaturen-Handschrift), über Wilhelm Tischbein, über „Die künstlerischen Probleme der Renaissance" hat sich der Verfasser in die ersten Reihen der deutschen Kunsthistoriker gestellt. Der Vortrag Prof. Landsbergers in München beginnt bei Josef Israels und führt bis in unsere Tage. Das Judentum blickt auf eine Jahrtausende alte künstlerische Tradition zurück, die ihm hohe Verpflichtungen auferlegt. Das Wort „Du sollst dir kein Bildnis machen" hat auf die Aufmerksamkeit, die man der jüdischen Kunst zu schenken pflegt, lange Zeit einen lähmenden Einfluß geübt. Man scheute sich offenbar, was man an kultischen Bauten oder Gegenständen sah, als Kunst anzusprechen und suggerierte sich die Meinung, das Judentum — wenigstens das Judentum vor der Emanzipation — habe aus seiner geistig-religiösen Einstellung heraus dem Kunstgedanken fremd, ja ablehnend gegenüberstanden. So bedurfte es erst eines gewissen Anstoßes, der übrigens merkwürdigerweise von einem christlichen Forscher, dem Düsseldorfer Direktor Heinrich Frauberger, ausging, um diese Hemmung zu beseitigen und den Juden die Augen dafür zu öffnen, daß auch sie zu den künstlerisch schaffenden Völkern gehören. Gewiß ist ihr schöpferischer Reichtum nicht mit denen der Griechen, Italiener, Deutschen oder Franzosen zu vergleichen. Aber es steht andererseits doch nicht so, daß das biblische Verbot die Kunst wirklich zum Schweigen gebracht hat. Nein, sie hat sich, wenn auch in gewissen Fesseln, kräftig zu rühren gewußt, und wenn man heute, wo das Interesse an ihr voll erwacht ist, eines der zahlreichen neu entstandenen Jüdischen Museen durchwandert, so ist man überrascht davon, in wie vielfacher Weise dieses Kunstgefühl sich geäußert hat. Fast alle diese Kunst ist mit dem Kultus verknüpft, und es fehlt das eigentlich weltliche Gebiet, auf dem das Geschichts¬ und Sittenbild, das Porträt und die Landschaft gedeihen. Aber da gerade der jüdische Kultus tief in die Sphäre des Lebens hinabreicht, so ist damit doch eine Fülle von Themen verbürgt, die uns von repräsentativer Gestaltung zu privater Kleinkunst geleiten. Wenn man vom Ablauf des menschlichen Daseins ausgeht, so beginnt es schon mit der Beschneidung des kaum geborenen Knaben, um in den dazu notwendigen Geräten Gegenstände zu schaffen, die über den praktischen Zweck hinauswachsen und sich mit schmückendem Zusatz bedecken. Wurde dann der erstgeborene Knabe 31 Tage nach der Geburt seinen Eltern als Geschenk Gottes durch den Priester zurückgegeben, so geschah das auf einer eigenen Schüssel, die aus Messing geformt und mit Ornamenten besetzt ist. Prof. Landsberger der am 4. Oktober im Kulturbund einen Vortrag über „Judentum und bildende Kunst" hält. Die Barmizwoh ließ eigene, als Geschenk verwandte, Gläser erscheinen; die Ehe kostbare Baldachine und das Geschenk des Bräutigams an die Braut: silberne Gürtel und Ringe. Und der Tod endlich ließ edelgeformte Krüge entstehen, die für die Waschung des Leichnams gebraucht wurden. Zu diesem von der Kunst begleiteten Rhythmus des Lebens kommt dann als zweiter Rhythmus der Ablauf der Feiertage. Hier gehört es zum Charakteristikum jüdischer Religiosität, nicht nur den Geist im Gebet zu Gott zu lenken, sondern zugleich eine Anzahl symbolischer Handlungen zu begehen, welche die Anfertigung gewisser Geräte erfordern. Wären die Juden wirklich so kunstlos gewesen, wie man sie lange Zeit ansah, ja, wie sie sich selber betrachteten, so hätten sich auch diese Gegenstände mit dem ritualen Zwecke begnügt und wären zu dem Gebiet des Handwerks, aber nicht der Kunst zu zählen. Aber gerade das Gegenteil ist der Fall. Uberall ist eine formende Hand dem Geräte zu Hilfe gekommen, hat die Phantasie einen Traum genährt und ihn mit dem Objekte vermählt. Am meisten bekannt und vielfach gesammelt sind jene Bessomim-Büchsen, die, mit wohlriechenden Gewürzen gefüllt, zur Feier des Sabbats dienen und in ihrer filigranartigen Zartheit, ihrem schlanken, turmartigen Aufbau unser Auge entzücken. Fortsetzung Seite 402 foageu Sie die pie Batk-HUiduuf HlumltPH Sikdßuawt Stt&ßi ffninWiiP »wwwwwyw ^ww^^jpw