Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 17 (1.9.1934)
- Date
- 1934-09-01
- Page
- Seite 346 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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346 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 17 erscheint. In nichts bekundet sich mehr menschliche Aktivität und Kraft der Persönlichkeit als in der Erkenntnis und dem Aufgeben des falschen Weges. Das Gefühlsleben des heutigen Menschen könnte gerade durch eine solche Auffassung von der Teschuwohden Weg zur Religiosität zurückfinden. Das Sündenbewußtsein, das im religiösen Leben von früher beherrschend war. ist dem Menschen von heute nicht mehr in dem Maße gegenwärtig. Es scheint das Selbstgefühl des Menschen zu verletzen und wird vielfach als Schwäche angesehen, wenn man sich in so starkem Maße der Sünde unterworfen fühlen soll. Da ist es der Gedanke der Teschuwoh, der das Selbstgefühl wieder herzustellen geeignet ist. ..Heil dem, der Buße tut als ein Mann." Es gibt kein Heldentum, das größer ist als das im Kampfe mit sich selbst, und kein Heroismus übertrifft den ..Tapferen, der sich selbst bezwang". Sind solche Gedanken heute zeitgemäß? Wird hier nicht der Einzelpersönlichkeit eine zu hohe Bedeutung beigemessen, während doch die Gruppe, die Masse, nach heutiger Auffassung den Ausschlag gibt? Aber auch wer in der Gruppe, im Volke einen höheren Wert erblickt als im Individuum, wird zugeben müssen: Gerade damit die Masse sich erhebe und an Wert gewinne, ist Persönlichkeitsbildung notwendig, müssen die Individuen, aus denen die Masse sich zusammensetzt, ganze Menschen sein. Von welcher Seite sollte das wohl stärker hervorgehoben werden als von uns? Gerade wir haben dem geistigen Leben der Gegenwart diesen Beitrag zu leisten, wir, die wir in unserem Schrifttum zum ersten Male in der Geistesgeschichte der Menschheit den unendlichen Wert der Menschenseele betont sehen. Es mag sein, daß die Welt heute diese Botschaft von uns nicht hören will; umso eindringlicher müssen wir uns selbst ihrer erinnern und die Mahnung zur Teschuwoh vernehmen, die die Umkehr zu Gott und zum eigenen besseren Selbst fordert. Zu solcher Umkehr lädt jeder Tag uns ein, vornehmlich aber die ernste Zeit der hohen Tage. Bedarf sie langer Erklärung? Jeder weiß, wo er gefehlt hat. Das Bewußtsein unserer Sünde, ob wir es gern in uns tragen oder nicht, ist doch eines der elementarsten Gefühle im Menschen, und nicht umsonst beginnt das Menschentum des ersten Menschen in der Bibel mit der Erkenntnis der Sünde. Lassen auch wir unser besseres Selbst durch das Sündenbewußtsein rein und unverbildet sprechen, dann ist der Weg zur Erfüllung einer Grundforderung des Judentums frei. Wer hätte nicht im letzten Jahre den Wunsch empfunden, bewußter und^intensiver Jude zu sein, und wie oft ist nicht die Frage, leise oder laut, gestellt worden, wie fange ich es an? Auch hier lautet die erste Antwort: Teschuwoh. Wir dürfen diese Forderung zunächst verstehen als Umkehr im rein menschlichen Sinn. Ohne stete Verbesserung unserer menschlichen Eigenschaften können wir unseren jüdischen Wert nicht erhöhen. Aber auch von den Forderungen des jüdischen Lebens ist so viel vorhanden, daß eine Mahnung zur Teschuwoh hier einen außerordentlich vielgestaltigen Sinn erhält. Zuerst sei genannt die Umkehr zu den einfachen Lebensgewohnheiten, zu Schlichtheit, Einfachheit und Nüchternheit, die wirklich jüdisch sind. Ihnen zu folgen ist heute ebenso sehr ein Gebot des Taktes, wie der Klugheit, aber auch geradezu des Lebens. Denn den schweren Lebenskampf, der heute zu kämpfen ist. werden diejenigen am besten bestehen, die die Kräfte des Lebens in Natürlichkeit und Schlichtheit sich erhalten und nicht durch Übermaß und Unnatur zerstören. Nötig ist ferner: Umkehr zu jüdischen Lebensformen: wenn nicht im Ganzen, so im Einzelnen; wenn nicht in der Heiligung der Woche, so in der Heiligung des Sabbats. Und wer diesen Schritt nicht ganz und auf einmal machen kann, der kehre um zur Feier des Freitagabends nach der Weise der Väter und er warte nicht erst darauf, daß seine Kinder ihn dazu und zu anderer Betätigung jüdischen Lebens im Hause drängen. Schließlich: Umkehr zu jüdischem Geistesgut. Die Gelegenheiten, sich mit den geistigen Werten des Judentums zu befassen, werden in immer stärker werdendem Maße dargeboten, und überall wartet man derer, die mitarbeiten. Ohne ein geringes Maß von Arbeit geht es allerdings nicht. Die jüdische Bildung kommt so wenig wie irgend eine andere von selbst; auch hier erfordert die Umkehr die ausgesprochene Aktivität des Menschen. Umkehr tut auch not im wirtschaftlichen Leben, in dem heute größere Verpflichtungen bestehen, als jemals. Jeder Konsument, jeder Arbeitgeber muß daran denken, wie schwer heute der Wirtschaftskampf sich gestaltet. Wie oft muß hier Gedankenlosigkeit festgestellt werden, die sich an vielen wirtschaftlich schwachen Existenzen aufs Verhängnisvollste bemerkbar macht, aber auch an der Gemeinde und ihren Finanzen: die Steuerkräfte sinken, die Wohlfahrtslasten steigen. Wesentlicher allerdings als das rein materielle Moment ist die seelische Not vieler Arbeitsloser, deren Verzweiflung oft gemindert werden könnte bei stärkerer Ausnützung aller uns gebotenen Möglichkeiten. Ein Wort zur Umkehr sei auch denen gesagt, die die jüdische Gemeinschaft verlassen haben und für welche die Pflicht der Teschuwoh in besonderer Weise besteht. Manche haben gerade in letzter Zeit sich ihrer Herkunft besonnen und einen Schritt rückgängig gemacht, den sie vielleicht einmal im Unverstand oder jugendlichem Übermut, unter politischen oder religiösen Voraussetzungen getan, deren Hinfälligkeit sie jetzt erkannt haben. Mancher mag noch schwer mit dem gleichen Entschlüsse ringen, aber jeder, der noch vor der Tür steht und mit dem Eintritt zögert, sollte daran denken, daß es ehrenvoller ist, einen begangenen Irrtum einzugestehen, als in ihm zu verharren. Jedem wird der Weg zurück so leicht wie möglich gemacht: auch dem noch Schwankenden wird jeder Rabbiner mit freundschaftlichem Rat entgegenkommen. „Wer umkehren will, dem wird geholfen." Dieses Wort zielt zwar ursprünglich auf die verzeihende Gnade des Allerbarmers; aber so weit es dem Menschen gegeben ist. in den Wegen Gottes, zu wandeln, wird er im Sinne