Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 13 (1.7.1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- Seite 272 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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272 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 13 Alle Artikel des täglichen Bedarfs gut und billig UßUildcr CmJt£ Itiündfn. hn$lonnk& Prüfung bedeuten, außerhalb der jüdischen Reihen zu suchen. Wohl hat das deutsche Judentum in Krieg und Frieden dem deutschen Vaterland in tiefer Verbundenheit gedient; es hat durch Männer wie den Schöpfer der Hapag, Albert Ballin. und den Gründer der A.E.G.. Emil Rathenau, zur Entwicklung der deutschen Wirtschaft, durch zahlreiche hervorragende Vertreter der Wissenschaft und der Kunst zur Bereicherung des deutschen Geisteslebens und durch große Leistungen auf dem Gebiet der sozialen Wohlfahrt zur Linderung allgemeiner Not in großem Maße beigetragen und kann mit Stolz auf seine freudige Bereitschaft hinweisen, das Vaterland, wenn es ruft, auch mit dem Einsatz des Lebens zu schützen, wofür die 12 000 Gefallenen des deutschen Heeres Blutzeugen sind; es weiß sein Gewissen rein, was die Pflichterfüllung dem Vateiland gegenüber betrifft. Aber es kann sich nicht von der Schuld freisprechen, jüdisches Wesen und jüdisches Wissen im Zusammenhang mit der Entwicklung der letzten Jahrzehnte nicht in demselben Maße gepflegt zu haben wie die Güter der deutschen Kultur. Hier tue echte Ein- und Rückkehr not. Besonders müsse auch innere Zerrissenheit und Zwietracht im Bewußtsein geschichtlicher Verantwortung überwunden werden und die unerläßliche Einigkeit und Einheit müsse ihren Rückhalt finden an der Erstarkung der Autorität, auf die jüdisches Leben von jeher gegründet war, der Autorität des göttlichen Wortes, der Autorität der Rabbiner und der Eltern. Die Reichsvertretung verkennt nicht, daß es aus mancherlei Ursachen vielen deutschen Juden nicht möglich ist. innerhalb des deutschen Vaterlandes ihre künftige Existenz zu finden. In Zusammenarbeit mit dem Palästina-Amt der Jewish Agency und dem Hilfsverein der deutschen Juden wirkt sie an der Erschließung neuer Lebensmöglichkeiten in Palästina und anderen Ländern mit. Ihre Hauptarbeit aber gilt der Erhaltung deutschen Judentums auf deutscher Erde. Einen Überblick über die Tätigkeit der Reichsvertretung in den ersten neun Monaten ihres Bestehens, über ihre Arbeitsgebiete und die für die Durchführung ihrer Aufgaben maßgebenden Methoden gab der Vorsitzende des geschäftsführenden Ausschusses, Ministerialrat i. R. Dr. Otto Hirsch. Die Aufgabe der Reichsvertretung sei eine doppelte: Zusammenfassung aller Kräfte im Innern und Vertretung nach außen gegenüber den staatlichen Stellen. Beides setze Stärkung des Gemeinschaftswillens voraus. Eines der wichtigsten Mittel hierfür sei die Erziehung der Jugend, die Erziehung zum Juden. Die jüdische Schule habe aufgehört, Streitobjekt zu sein. Von der Reichsvertretung geht die Anregung zur Gründung neuer jüdischer Schulen aus, sie hat durch eine besondere Kommission von Sachverständigen Richtlinien für den Lehrplan solcher Schulen ausarbeiten lassen, wobei die Bedürfnisse und Anschauungen aller Richtungen Berücksichtigung fanden. Mehr als ein Viertel der jüdischen Jugend ist heute bereits in jüdischen Schulen vereinigt. Daneben gibt es Hunderte und Aberhunderte von Erwachsenen, die zu den ihnen verloren gegangenen Wurzeln ihres Judentums hindrängen, und so ist das Problem jüdischer Erwachsenenbildung mit in den Vordergrund getreten. Zur Lösung dieses Problems soll die von der Reichsvertretung ins Leben gerufene Mittelstelle für Erwachsenenbildung beitragen. Bei allen diesen Bestrebungen wird darauf Bedacht genommen, daß mehr noch als die Vermittlung von Kenntnissen ein Wiedereinfühlen in jüdisches Wesen nottut. Die Beschäftigung mit dem Erziehungswesen leitet über zu der Frage, was mit der Jugend geschehen soll, die durch diese Schule hindurchgegangen ist, und wie man den Erwachsenen helfen kann, die Erwerb und Betätigung suchen. Hier setzt die Arbeit des der Reichsvertretung angegliederten Zentralausschusses der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau ein, der seine Tätigkeit schon vor der Gründung der Reichsvertretung aufgenommen hat. Jugendausbildung und Berufsumschichtung gehören mit zu seinen Hauptaufgaben. Man dürfe, erklärte Dr. Hirsch, stolz auf die Jugend sein, die unter Verzicht auf bürgerliches Behagen den Übergang zur Handarbeit sucht, sowohl auf die Jugend, die entschlossen ist, in Deutschland zu bleiben, wie auf diejenige, die danach strebt, durch ihre Arbeit in einem neuen Land ihrem Judentum Ehre zu machen. In diesem Zusammenhang wies Dr. Hirsch auf die besondere Bedeutung Palästinas hin, des einzigen Landes, in das jüdische Einwanderung in größerer Zahl möglich ist, und das, abgesehen von dieser praktischen Bedeutung, eine der großen Hoffnungen und eine der großen Kraftquellen auch des deutschen Judentums - darstellt. Zur Besprechung anderer Aufgaben und Arbeitsgebiete der Reichsvertretung übergehend besprach Dr. Hirsch die Wohlfahrtsarbeit im engeren Sinn, für die die jetzt in den Zentralausschuß für Hilfe und Aufbau eingegliederte Zentralwohlfahrtsstelle zuständig ist. Offene und geschlossene Wohlfahrtspflege werden von ihr geleitet. Der von der Reichsvertretung eingesetzte Anstaltsausschuß sorgt durch Erzielung der durch die Zeit gebotenen Einsparungen, durch Reorganisationsmaßnahmen und Zusammenlegungen für die Sicherung wichtiger Einrichtungen der jüdischen Allgemeinheit. Die Hilfe für Kleingemeinden, zu der die großen Geineinden, in erster Reihe die jüdische Gemeinde zu Berlin, selbstlos beitragen, bildet ebenfalls eine der wesentlichen Aufgaben der Reichsvertretung. Steht so die Arbeit nach innen unter dem Gebot der Gemeinschaft, so wird sie nach außen von dem Gebot der Würde beherrscht. Viel schwerer als unter der durch wirtschaftliche Änderungen und Verschiebungen bedingte Unsicherheit der materiellen Existenz leiden die deutschen Juden unter den Vorwürfen, die gegen sie wegen ihres Glaubens und ihrer Abstammung, ihrer Religion und ihrer Rasse gerichtet werden. Der Redner wies auf die im Zusammenhang mit solchen Erscheinungen unternommenen Schritte der Reichsvertretung hin und erklärte, diese werde es auch in Zukunft als ihre Aufgabe betrachten, jeder Diffamierung der jüdischen Gemeinschaft entgegenzutreten, weil diese Gemeinschaft sich nicht minderwertig fühlt und nicht minderwertig schelten lassen kann. Wenn sich schließlich die Reichsvertretung um die Sicherung der wirtschaftlichen Grundlagen der deutschen Judenheit bekümmere, so unterstütze sie damit die von maßgebender Regierungsstelle erhobene Forderung, daß der Arierparagraph in der Wirtschaft keine Geltung haben soll. Im Hinblick auf die innige Verflechtung der im Wirtschaftsleben stehenden Juden mit der Gesamtwirtschaft werde durch diese Tätigkeit weit über die Wahrung von Einzelinteressen hinaus Gemeinschaftsarbeit in vaterländischem Sinn geleistet. All diese Arbeit, fuhr der Redner fort, kann natürlich von der Reichsvertretung nicht unmittelbar geleistet werden. Sie befolgt vielmehr die Methode, mit der Durchführung der Einzelaufgaben die Körperschaften zu betrauen, die für die Bewältigung der einzelnen Arbeitsgebiete auf Grund ihrer Erfahrung zuständig sind, und die sich an der Bildung der Reichsvertretung beteiligt haben, wie die Gemeinden, die Landesverbände, der Frauenbund, der Centraiverein, die Zionistische Vereinigung, der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, die Zentralstelle für Wirtschaftshilfe, die Zentralwohlfahrtsstelle usw. Der Geist, in dem die Gesamtarbeit geleitet wird, sei, wie schon Dr. Seligsohn hervorgehoben habe, der der Einigkeit und der Autorität. Diesen beiden Merkmalen möchte der Redner noch das der Würde hinzufügen. Würde sei geboten im Auftreten des einzelnen und der Gesamtheit. Unliebsame Erscheinungen, die diese Würde beeinträchtigen könnten, zu beseitigen und womöglich zu verhüten, sei von der Reichsvertretung die Schlichtungsstelle geschaffen worden.