Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 13 (1.7.1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- Seite 266 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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266 Bayerische Israelitische Gemeiridezeitung Nr. 13 Die industrielle Entwicklung Palästinas Von Dr. Alfred Marcus (Haifa). Die industrielle Entwicklung Palästinas ist zur Zeit derart in Fluß, daß es nicht ganz leicht ist, einen Schnitt durch sie zu legen. Immerhin bestehen aber einige Grundtatsachen, die für die industrielle Situation des Landes charakteristisch sind und deren Aufzeigung auch ein Bild davon vermittelt, was bisher im Lande auf industriellem Gebiet geschehen ist und welche Zukunftsmöglichkeiten nach menschlichem Ermessen verbleiben. Wesentlich ist in dieser Hinsicht vor allem eine Tatsache: Auch noch im Jahre 1933, in welchem durch eine relativ starke Investition der industrielle Sektor der palästinensischen Wirtschaft eine erhebliche Erweiterung erfuhr, war unser Import an industriellen Fertigwaren, Halbzeugen und Rohmaterialien größer als unsere industrielle Produktion. Das heißt, daß sich das Land von diesem Standpunkt aus betrachtet auch noch 1933 in einem halbkolonialen Zustande befand. Ich will mit dem Hinweis auf diese Verhältnisse sagen, daß die palästinensische Industrie noch sehr weit davon entfernt ist, auch nur annähernd den Bedarf des inneren Marktes zu decken; selbst in solchen Erzeugnissen ist sie nicht mit dem steigenden Verbrauch mitgekommen, in denen sie früher bereits einmal den Bedarf gedeckt hat, zum Beispiel in der Zementproduktion. Diese Feststellung bedeutet aber, daß trotz aller Fortschritte im Verlauf der letzten Zeit die Industriealisierung Palästinas sich noch in ihrem Anfangsstadium befindet. Auch dann wird man dies zugeben müssen, wenn man — nach meiner Meinung mit Recht — Pläne ablehnt, die bewußt autarkische Tendenzen in sich tragen. Wie in allen Ländern haben wir auch in Palästina zu unterscheiden zwischen Konsumgüterindustrien und Produktionsmittelindustrien. Es liegt in der Natur der Dinge, daß die Konsumgüterindustrien bei uns zur Zeit weit stärker entwickelt sind — auch relativ betrachtet — als die Produktionsmittelindustrien. Denn zur Entwicklung der letzteren gehört vor allem eine bedeutende Metallindustrie; für die Schaffung einer solchen als Urproduktion fehlen aber entscheidende Grundlagen, Palästina hat weder Kohle noch Erze und kann daher auch Metallindustrien als UrProduktionen nicht entwickeln. Wohl aber kann es in der Verarbeitung von eingeführten Vor fabrikaten, Halbzeugen und Rohmetallen sich eine gewisse Grundlage für die Entwicklung von Produktionsmittelindustrien schaffen. Es muß festgestellt werden, daß in dieser Hinsicht vielversprechende Ansätze vorhanden sind. Nach dem Census der Agency per 31. Juli 1933 waren an diesem Tage in jüdischem Besitz 613 Betriebe der Metallindustrie vorhanden mit 2766 Arbeitern, einer jährlichen Produktion von 604 000 £ und mit einem investierten Kapital von 317 000 £. Nun ist freilich der größte Teil dieser Betriebe weniger in die Rubrik „Metallverarbeitung" als vielmehr in die „Metallbearbeitung" einzureihen, das heißt es handelt sich vielfach um solche Anlagen, die einfache Reparaturen ausführen und nur zu einem geringen Teile selbständig, neue Werkstücke herstellen. Aber nur auf dieser Basis kann sich bei uns eine wirkliche Metallverarbeitung entwickeln, die auch die Grundlage für eine Produktionsmittelindustrie abgeben würde. Immerhin verfügen wir bereits über einige kleine Anlagen, die sich mit der Herstellung von Gußstücken aus Eisen und aus Nichteisenmetallen befassen. Eine für die Landesverhältnisse relativ große Eisengießerei ist in Haifa im Entstehen. Auch sie wird zunächst im wesentlichen Konsumgüter liefern (Badewannen, Gußrohre, Wasserkästen). Aber die Tätigkeit solcher Betriebe kann verhältnismäßig leicht auch auf die Herstellung einfacherer Maschinenteile ausgedehnt werden. (Die Errichtung einer weiteren Gießerei wird durch eine polnische Gruppe geplant.) Da daneben die Verarbeitung von Metallen durch Drehen, Ziehen, Pressen, Stanzen usw. ebenfalls — wenn auch zur Zeit im wesentlichen handwerksmäßig — in Gang kommt, so kann man heute ruhig davon sprechen, daß die verhältnismäßig schwache Entwicklung der palästinensichen Produktionsmittelindustrie in letzter Zeit einen gewissen Auftrieb erhalten hat, und daß wenigstens die Grundlagen für eine schnellere Entwicklung dieses wichtigen Sektors der Gesamtwirtschaft des Jischuw sich bilden. Wichtig ist die Entwicklung in dieser Richtung deshalb, weil keine Industrie auf die Dauer existieren kann, wenn sie nicht wenigstens die primitivsten Teile ihrer Produktionsmittel selbst herzustellen und im Bedarfsfalle zu ersetzen vermag. Deshalb kann die Einfuhr von Maschinen aller Art dennoch weitergehen. Ich glaube sogar, daß diese gerade dann steigen wird, wenn wir — wie es den Anschein hat — auch zur Entwicklung einer den Landesverhältnissen entsprechenden Produktionsmittelindustrie gelangen. Heute ist aber die metallindustrielle Entwicklung des Landes noch wesentlich bedingt durch die verkehrstechnische und bauwirtschaftliche Entwicklung, und nur als Nebenprodukt sozusagen beginnt sie Produktionsmittel zu erzeugen. In noch engeren» Zusammenhang mit dem bauwirtischaftlächen Sektor als die Metallindustrie steht die Industrie der Steine und Erden. Diese umfaßt am 31. Juli 1933 136 Betriebe mit 3010 Arbeitern, einer Jahresproduktion von 972 000 £ und einem investierten Kapital von 775 000 £. Beherrschend auf diesem Gebiet ist bekanntlich die Zementfabrik Nesher; ich habe aber eingangs bereits erwähnt, daß dieses Werk 1933 den Landesbedarf an Zement nicht decken konnte, deshalb haben wir 40 000 t hiervon importieren müssen. Jetzt befindet sich die Anlage in einer wesentlichen Erweiterung, so daß den gewachsenen Ansprüchen an Zement sehr bald wird Rechnung getragen werden können. Neben diesem wichtigsten Werk der erwähnten Industriegruppe steht die oben erwähnte Anzahl von Betrieben, welche in der Hauptsache Ziegel aller Art, Wandplatten, Bodenplatten, Keramiken usw. herstellen. Auch das Schleifen von Marmor aus den Brüchen an der syrischen Grenze beginnt sich erfolgreich zu entwickeln. Sehen wir von diesen „schwerindustriellen" Betrieben ab, so verbleibt eine Anzahl von rund 2500 Betrieben' mit einem Personal von ca. 13 000 Arbeitern,. einer Jahresproduktion im Werte von rund 3 400 000 £ und einem investierten Kapital von rund 4 100 000 £ für die große Gruppe der „Leichtindustrien", also vor allem der Konsumgüterindustrie wie Lebensmittel-, Textil-, Bekleidungs-, Leder-, Holz-, Papier-, chemischer Industrie und schließlich der nicht ganz in diese Gruppe gehörenden Elektroindustrie. Eine Analyse der Situation dieser einzelnen Industriegruppen kann in diesem Rahmen leider nicht gegeben werden. Es sei nur darauf hingewiesen, daß von wichtigsten Konsumgütern heute im Lande bereits hergestellt werden: Fabrikmäßig hergestellte Lebensmittel aller Art (zum Beispiel Makkaroni), Schokolade, Süssigkeiten, kunstgewerbliche Keramik, Leder und Lederwaren, Kartonagen, Marmeladen und Fruchtgelees, Möbel aus Holz und Eisen, Spirituosen, Seife, Gepäck- und Handkoffer, Textilwaren und Bekleidungsstücke. Zigarren und Zigaretten, Kanister und Konservenbüchsen aus Weißblech, Radioteile, Heiz- und Kochanlagen, Besen und Bürsten, künstliche Zähne, Regenschirme, Nägel und Drahtgeflechte, Spiegel, photorgaphische Filme, Zelluloidwaren, Korken und Kapseln, Batterien und Akkumulatoren, eiserne Geldschränke, Desinfektionsmittel und Insektenbekämpfunsgmittel, Kerzen, Silberwaren, Kämme, optische Artikel, Wassermesser, Parfümerien, Briefumschläge, Sicherheitsrasierklingen, Schuhputzmittel, Badeöfen, Syphonapparate, Streichhölzer, Leim, Salz, Kalisalze und Brom, Pottasche, Metallampen, Hefe und Spiritus, Zahnpasten, Metallputzmittel, Olivenöl, Schrauben, Leitungshähne, Kinderwagen, Gummischwämme, Ölfarben, Ätznatron, Schreibmaschinenfarbbänder und Kohlepapier usw. usw. (Uber allgemein bekannte Großbetriebe wie Schemen, Palestine Potash, Rotschild-Mühlen und Rutenberg soll hier nicht gesprochen werden.) Vollständig ist diese Liste keineswegs. Sie soll auch nur zeigen, daß die vorhandenen industriellen Entwicklungsansätze bereits recht mannigfach sind. Aber es muß darauf hingewiesen werden, daß bei einer Reihe von Artikeln, die im Lande erzeugt werden, der Import nicht nur unverändert groß geblieben ist, sondern sogar noch wächst. Das bedeutet, daß bei vielen Erzeugnissen der Verbrauch noch weit größer geworden ist, als ihn der frühere Import + Eigenerzeugung zusammen zu dekken hatten. Das bedeutet aber auch, daß man bei der Errichtung von Betrieben nicht mehr von der früher vielleicht mit Recht als .grundsätzlich bet/aohteten, Frage ausgehen darf:, Ist e,in