Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 13 (1.7.1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- Seite 265 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 265 diesen Fragen verändert hat: Noch vor zehn Jahren Svurde dieser Aufsatz Über „Die'Zugehörigkeit zur Gemeinde" in Cohens gesammelten „Jüdischen Schriften" abermals Iieausgegebeh und vermutlich -— und sicher mit Recht — 1924 als aktuell empfunden. Ein Studium dieses Sammelwerkes zeigt heute überhaupt den Wandel unserer Anschauungen in den beiden letzten Jahrzehnten und so verdient dieses Werk vielleicht heute unsere eingehendste Aufmerksamkeit gerade in den Punkten, wo wir nicht mehr zuzustimmen vermögen. Denn wir dürfen nicht vergessen, daß Cohen von den Häuptern der neukantischen Schule unserem Denken insofern am nächsten stehen sollte, als er von seinem eigenen System ja schon abwich, wo sein jüdisches Empfinden das nötig machte (so darf man die „Jüdischen Schriften" nie ohne „Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums" betrachten). Für uns heute kann kein Zweifel mehr bestehen, daß jeder Jude zu seiner Gemeinde gehört. Aber gefragt wird heute von den Jüngeren — nicht von den ganz jungen Menschen! — nach ihrer Autorität. Man braucht nur einmal einen Blick in die jüdischen Zeitschriften der letzten Monate zu werfen, man braucht nur in ein ernstes Gespräch mit unseren jungen Werktätigen oder Studenten zu kommen, und immer wieder wird man auf die Frage stoßen, wie der Mensch des 20. Jahrhunderts, an dem die Aufklärung gleich der Renaissance ihre Spuren hinterlassen liat, sich einer so autoritativen Gemeinschaft einfügen kann, wie es das Judentum ist. Es muß jedoch fraglich erscheinen, ob die Lösungen, welche die Einzelpersönlichkeit in den Mittelpunkt stellen und von ihr aus die Stellung zur Gemeinschaft zu klären versuchen, überhaupt der Frage in der Gegenwart gerecht zu werden vermögen. Denn für die jetzige junge Generation steht unbedingt im Mittelpunkt die Gemeinschaft und zwar nicht mehr der kleine Bund, die bestimmte Gruppe der Altersgenossen, sondern die große Gemeinschaft, in der die Ortsgemeinde wie die örtlich begrenzte Religionsgemeinde nur Glieder und Bausteine sind. Darin unterscheidet sich ja überhaupt die Jugendbewegung der letzten Jahrzehnte von der alten deutschen Jugendbewegung, die viel zu sehr mit sich, dem einzelnen Jugendlichen und dem Bund, beschäftigt war, als daß sie auf Staat oder Kirche ihr Hauptaugenmerk hätte richten können. Für unsere junge Generation kann es keine Frage geben, daß das Judentum an die Juden — direkt und durch die Einzelgemeinde — Forderungen stellen darf und daß diese großen Forderungen den Vorrang vor persönlichen Wünschen und den Anschauungen des Einzelnen haben. Es wird diese Autorität der Gemeinschaft (Kehal) wohl noch nicht gleich sein mit der alten Autorität der jüdischen Gemeinde (Kehilla), die im Mittelalter der tragende Pfeiler alles jüdischen Lebens war und erst recht nicht mit der Autorität der Tora. Aber auf jeden Fall steht sie ihr viel näher als jeder AutoritätsbegrifF des vorigen Jahrhunderts. Wir sind ja im Judentum in der glücklichen Lage, daß die erstgegebene historisch vorliegende Autorität die höchste (göttliche) Autorität darstellt, wie wir sie überall da in der Stelhing der Tora vorfinden; wo jüdisches Leben von jüdischem GeisL gelenkt ist. Wehn heute trotzdem noch gewisse Schwierigkeiten'in der Einordnung unter die Autorität bestehen, so liegt das zum Teil begründet in den Traditionen, die in einzelnen Kreisen der jüdischen Jugendbewegung durch ältere Führer und ihre Schüler noch fortwirken, während die Jugend selbst den Auforitätsbegriir schon ganz anders und unseres Erachtens richtiger zu erfassen beginnt. Dazu kommt freilich noch die Verwischung aller grundsätzlichen Begriffe in einem der Autorität feindlichen, der Religion fremden halben Jahrhundert, die noch heute nachwirkt. Das Bestreben äußere Einheit um jeden Preis zu erringen, leistet dieser Verwischung neuerdings oft Vorschub. Man darf sich andererseits nicht durch formale Übereinstimmungen täuschen lassen: Manche Kreise, die den Autöritätsgedanken betonen, verstehen unter Autorität etwas in der Wurzel von allem Jüdischen Verschiedenes. Jüdischer Autorität wird sich der fügen, der sich mit jüdischem Werden und jüdischem Sein verbunden weiß und aus jüdischer Geschichte und jüdischem Schrifttum Demut gelernt hat. Er wird der Versuchung widerstehen können, nur vom Ich her Autorität ableiten zu wollen, ihren Anspruch vom Ich her zu kritisieren. Jüdische Autorität kann jedoch nur beanspruchen, wer Träger des Judentums ist. Die mittelalterliche Gemeinde war es, die Gemeinde des vorigen Jahrhunderts hätte es als Religionsgemeinde sehr wohl seih können, wäre sie nicht der Versuchung erlegen, von der Religion nur Synagoge und Kultus zu sehen. Eine reine Volksgemeinde wird nicht Trägerin der jüdischen Autorität sein können, es sei denn, daß sie sich vor allem als treue Hüterin des ewigen Judentums, nicht als Zusammenfassung der Juden fühlt. So ist die Voraussetzung dafür, daß wir zur richtigen Wertung jüdischer Autorität kommen in gleicher Weise im Individuum wie in der Gemeinschaft gelegen, im Einzelnen« der dazu den Geist jüdischer Begriffe und jüdischer Verpflichtung erleben muß, in der Gemeinde, die diesen Geist in ihrer Arbeit und in ihren Organen zu verkörpern hat. Es kann für den Fortbestand eines Judentums, das sich selbst treu ist, von wesentlicher Bedeutung werden, ob sich hier eine Klärung der Begriffe in positivem Sinne vollzieht, ob was unter dem Eindruck äußerer Ereignisse in einzelnen Ländern hervorgetreten ist, in geläuterter Form dauerndes Besitztum der Gesamtheit wird. In der Heimat und in der Zerstreuung wird die deutsche Judenheit den Beweis zu erbringen haben, daß sie die Bedeutung der Gemeinde und der jüdischen Autorität, die hinter ihr stehen muß, wirklich erfaßt hat. Vielleicht ist auch das ein Teil der jüdischen Aufgabe, die die deutschen Juden zu erfüllen haben, die in dem Lande zwischen Ost und West wohnen, wie die aus dem Lande zwischen Ost und West kommen. Küchenmeister weinessiD I für Salate und zum Einmachen. Magister Mönchen7 ■