Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 12 (15.6.1934)
- Date
- 1934-06-15
- Page
- Seite 245 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 245 Max Brod Zum 50. Geburtstag des Dichters Im Jahre 1918 bekennt sich Max Brod, jüdischer Dichter deutscher Zunge, dessen Bücher „Tycho de Brahe" und „Reubeni" deutsche historische Romane sind — böhmische Landschaft, Präger Atmosphäre finden darin ihren Niederschlag —, Verfasser der Erzählung „Ein tschechisches Dienstmädchen" und des Romans „Stefan Rott oder das Jahr der Entscheidung", Entdecker Janaceks und Haseks, womit er dem tschechischen Kulturkreis verhaftet ist, zu einem Primat des Judentums: Sprache, Erziehung, Lektüre, Kultur hätten ihn zu einem dankbaren Freunde des deutschen Volkes gemacht, nicht zum Deutschen. Seine Autorschaft in einem Lande mit zweisprachigem Schrifttum mag diese Entscheidung begünstigt haben. Aber 1932 bannte ihn doch der Konflikt, an dem Wassermann starb. In seinem letzten, hier bereits besprochenen Roman „Die Frau, die nicht enttäuscht"1 stellt er den Deutschen, der vor tragischem Entweder—Oder halt mache, und den Juden, der nach einer Synthese des Scheinbar-Unvereinbaren suche, gegenüber. Vielleicht hat das Judentum zuviele Tragödien gelebt, als daß es sie dichten könnte. Der deutsche Jude "Wassermann starb an dem deutschen Entweder—Oder. Der Nur-Jude Brod, konzilianter und gefestigter, findet in jüdischer Philosophie ein Ventil. Max Brod schließt wie seinen letzten so auch seinen Roman „Zauberreich der Liebe"2 und sein Bekenntnisbuch „Heidentum, Christentum. Judentum"8 mit dem Ausblick auf Zion. Er verspricht sich vom zionistischen Aufbau, daß er der Welt ein Vorbild gäbe für ein neues Zusammenleben von Mensch und Mensch, Volk und Volk, für einen ethischen Sozialismus, für einen Sozialismus, in dem das Gefühl der Gemeinschaft den Einzelnen beherrscht. Bei aller Sympathie für den Zionismus bekennt er, daß der Zionismus nicht die einzige Lösung sein kann, er macht selbst darauf aufmerksam, daß Palästina nur den achten Teil der Judenheit der Erde aufnehmen kann. Seine Apologie des Judentums weist darum auch andere Wege der Erneuerung, ja, sie gilt sogar nur einem erneuerten Judentum. Ein verkümmertes Judentum kann seine Sendung in der Welt nicht erfüllen. Brod verwahrt sich «egen jene Folgen der Emanzipation und Assimilation, die zu einem Pietätsjudentum führten, das nicht um seine religiöse und ethische Berechtigung gegenüber dem Christentum weiß. Sein Bekenntnisbuch behandelt diese Grenzsetzung nicht allein mit dem Takt, mit dem man andere Religiosität achten muß, er anerkennt auch die Werte, die aus ihren geschichtlichen Gewordenheiten hervorgingen. Für gefährlich hält er nur christlich-heidnische Amalgambildungen, gegen deren Weltherrschaft die Idee des Judentums aufgerichtet sei und ihr letztes Wort noch nicht gesprochen habe. Für ein lebendiges Judentum erachtet Brod Kenntnis des Talmuds als unerläßlich, selbst ein Lernender auf diesem Gebiet rettet er das Buch vor den verzerrten Darstellungen über seine Beschaffenheit. Im Talmud entdeckt er das spezifisch jüdische Element, wie es sich in den Gleichnissen und Aussprüchen des jüdischen Propheten Jesus offenbarte. Bro€ kennzeichnet auch die ausgesprochen jüdischen Züge im Wesen des Paulus, der seinen Weg zur Gnade, sein besonderes Gotterlebnis, das über Christus führte, einer Allgemeinheit als den einzigen lehrte. Er stellt hinreißend dar, wie das Judentum sich in der damaligen gschichtlichen Stunde gegen Entnationalisierungstendenzen wehren mußte, wie des Paulus Martyrium unter Nero — inmitten von Juden — und die Zerstörung des Tempels zeitlich nur kurz auseinanderliegen. Man denkt unwillkürlich an Mommsens Feststellung der räumlichen Nachbarschaft der indogermanischen und aramäischen Kulturstämme in der Euphratgegend. Der Entnationalisierung des Judentums durch Paulus entspricht die Gründung des Lehrhauses in Jabne durch Jochanan ben Sakai, nachdem Jerusalem gefallen war. Der Sinn der jüdischen Lehre ist in ihrer Haltung zum Diesseits begründet. Nach Brod ist im Ausspruch des Rabbi Simon bar Jochai: „Uns ist ein Wunder geschehen, daher will ich eine 1 Erschienen bei E. P. Tal & Co., Wien — "-' bei Paul Zsolnay, Wien — 3 bei Kurt Wolff, Berlin. gute Einrichtung treffen" das Wesen des Judentums in einem einzigen Satze zusammengefaßt- Er bezeichnet die Polarität zwischen Gnade und Freiheit, die wie Brods Unterscheidung zwischen „edlem" und „unedlem Unglück" eine Grenzsetzung gegen den christlichen Begriff der „Erbsünde" ist. Edles Unglück: unsere Unzulänglichkeit gegenüber dem Absoluten — welcher Weg von Brods „Schloß Nornepygge". diesem als Ausgangspunkt und als Muster einer Geist-Epik wichtigen „Roman des Indifferenten" bis zu dieser Erkenntnis —, das Gefühl unserer Endlichkeit gegenüber dem Ewigen. Ausnahme-Augenblicke der Ekstase mögen es aufheben, aber edles Unglück ist unabwendbar. Unedles Unglück: Unzulänglichkeiten in den Beziehungen von Mensch zu Mensch, Mängel im Getriebe der Welt. Dieses Unglück ist abwendbar, diesem Unglück abzuhelfen ist sittliche Pflicht. (Brods Roman „Die Frau, die nicht enttäuscht" führt an den Schnittpunkt edlen und unedlen Unglücks.) In seinen Liebesromanen („Jüdinnen", „Das große Wagnis", „Leben mit einer Göttin", „Franzi oder eine Liebe zweiten Ranges", „Die Frau, nach der man sich sehnt" ua.) variiert er sein Lieblingsthema vom „Diesseitswunder der Liebe", indem er die jüdische Auffassung des „Diesseitswunders" der christlichen der Diesseitsverneinung und der heidnischen der Diesseitsbejahung entgegenstellt. Das höchste der Diesseitswunder, das heißt: eine der Gnaden, durch die sich das Göttliche dem Menschen offenbart, ist die Liebe. Als Kronzeugen einer Liebe, die zu Gott führt, nennt Brod den katholischen Dante, den protestantischen Kirkegaard —■ das muß erwähnt werden, einmal, um vor einer allzubequemen Auslegung des Begriffes „Liebe" zu warnen, zum andern um darzutun, was Brod unter der schöpferischen Idee „Judentum" versteht: es gibt nicht nur einen Mittler zu Gott, nämlich Christus, sondern für jeden Menschen kann die Welt den seinen bereit haben: für Dante und Kierkegaard hießen sie Beatrice Portinari und Regine Olsen: „Tycho Brahes Weg zu Gott" führt — in Brods berühmtesten Roman — über die Begegnung mit seinem größeren Schüler Kepler und die Überwindung aller weltlichen Eitelkeit. (Dem Geschehen schickt der Dichter das Bibelwort: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn" als Motto voraus.) Brod ist einer der subtilsten Schilderer des „Beiwerks der Liebe", beredter Künder des Menschenherzens, kennerischer Darsteller eines neuen Frauengeschlechts. Da diese Vorzüge sich mitunter selbständig machen, ergeht es dem Dichter zuweilen wie Malern des Barock: wie bei diesen die Renaissance- Sinnlichkeit gelegentlich den religiösen Gehalt verdeckte, so Brods Roman-Weltlichkeit den theologische?: Traktat, der hinter seiner Epik steckt. Brods Liebesromane handeln davon, wie das Liebeswunder verwirkt wird, wenn einem seiner Träger die Unbedingtheit des Gefühls abgeht, zeigen, wie die Welt aussieht, in der seine Helden sich bewähren müssen, um nach jüdischer Auffassung göttlicher Gnade teilhaftig zu werden. In seinem letzten Buch, das die Position des Judentums zum Deutschtum festsetzt wie sein Bekenntnisbuch zum Christentum, verschmelzen die beiden Melodien seines Grundthemas zu einem, wachsen die Themen Liebe—Gott, Jude—Welt zu einem zusammen. Brods Schaffen ist Dienst am Judentum, ist Dienst an der Liebe: das Lied der Lieder ist ihm Beispiel, wie beide Dienste sich in höchstem Sinne vereinen. Darum kann er von seinem bestechenden Rekonstruktionsversuch des Hohen Liedes, den er in „Heidentum, Christentum, Judentum" mitteilt, sagen: „Wäre ich zur Welt gekommen, nur um das Geheimnis des Liedes der Lieder ahnungsvoll zu erschauen, — es wäre genug gewesen!" Dr. Lutz Weltmann. Küchenmeister Weinessig I für Salate und zum Einmachen. Magister München 7 H