Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 11 (1.6.1934)
- Date
- 1934-06-01
- Page
- Seite 222 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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222 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 11 Palästina in der Spannung entgegengesetzter Kräfte Dem großen jüdischen Palästina-Problem ist in diesen Blättern ununterbrochen — jenseits der innerdeutschen jüdischen Richtungen — die größte Aufmerksamkeit geschenkt worden. In einer Reihe unvoreingenommener selbständiger Aufsätze ist die innere und äußere Situation des Landes geschildert worden; den Ansiedelungsmöglichkeiten der deutschen Juden galt dabei das größte Interesse. Unsere Informationen dürfen sich nicht auf die rein jüdische Berichterstattung beschränken. Gerade die fremde Beurteilung der palästinensischen Situation ist von Wichtigkeit. Die nichtjüdischen Berichte, namentlich an die deutsche Presse, werden allerdings unserem, dem jüdischen Problem, meistens nicht gerecht. Nur zu oft mischen sich in die Schilderungen von dieser Seite die spezifisch antisemitischen, eindeutig judenfeindlichen Stimmungen des Tages, die einer unbefangenen Kenntnisnahme der wahren Lage nicht förderlich sein können. Eine rühmliche Ausnahme macht der nachstehende Bericht vom 6. Mai in der von Dr. Fritz Klein, dem früheren Schriftleiter der Deutschen Allg. Ztg., herausgegebenen „Deutschen Zukunft" über die „Gegensätze in Palästina". So klein das Land Palästina, so groß die 'Gegensätze, die äußeren und die inneren. Die äußeren: Wüste im Süden und Sumpf im Norden, fruchtbare Ebene im Westen und baumloses Gebirge im Osten. Am Toten Meer und Jordantal herrscht tropische Hitze, an der Küste die gleichmäßig feuchte Wärme des Mittelmeers, in Jerusalem, das 800 Meter hoch liegt, Gebirgsklima mit starken Gegensätzen zwischen mittäglicher Glut und abendlicher Kühle. Die inneren sind von tieferer Bedeutung: in diesem Land finden sich die Anhänger aller tölaubensfarmen zusammen, die im Laufe der Jahrtausende als die Lava fester Dogmen und Kirchen aus dem gewaltigen religiösen Erdbeben zurückblieben. Nicht nur Katholiken und Protestanten, Griechisch-Orthodoxe und Kopten, Mohammedaner und Juden verehren hier ihre heiligen Stätten, daneben gibt es zahllose Splitter ehemals mächtiger Glaubensbewegungen: Karäer und Samaritaner, Abessinier und gregorianische Armenier — allein die Zahl der verschiedenen christlichen Bekenntnisse beträgt einige zwanzig. Jeder Glauben bringt die Sprache seiner Anhänger ins Land; so spricht man denn neben den drei offiziellen Landessprachen — englisch, hebräisch und arabisch — griechisch und italienisch, armenisch und deutsch, jiddisch und türkisch, persisch, russisch, ungarisch, kaukasisch, spagniolisch, französisch —, es dürfte wenige Dialekte zwischen Helsingfors und Kairo, Stambul und Lissabon geben, in denen sich hier nicht einige hundert Familien untereinander verständigen. Daß der Beamte am Bank- oder Postschalter ohne Stocken sich mit dem ersten Kunden auf englisch, dem nächsten hebräisch, dann deutsch oder arabisch, jiddisch oder französisch unterhält, wundert hier keinen. Aber noch verblüffender und für die politische und wirtschaftliche Lage des Landes bedeutsamer ist der Gegensatz der Rassen und das mit ihm sich verbindende Nebeneinander zweier Kulturen. Durch die Straßen Tel Avivs mit ihren neuen Häusern im ornamentslosen Zement^Würfelstil ziehen Kamelkarawanen, auf den vorzüglich asphaltierten Autostraßen scheuchen die Autobusse beturbante Araber zur Seite, die auf ihren Eseln ins nächste Dorf reiten, genau wie vor 2000 Jahnen. Unter Hochspannungsmasten lagern nomadisierende Beduinen mit ihren primitiven Zelten — vier Stecken) in der Erde, darüber Decken oder Felle, und, wenn der Besitzer Sinn für Komfort hat, Seitenwände aus Blechplatten, die aus alten Petroleumbehältern der Shell-AiG. zusammengeschlagen sind. Das 20. Jahrhundert dringt mit Macht in ein Land, in dem noch vor wenigen Jahrzehnten unbestritten die geschichtslose Welt des ackerbauenden Fellachen und des ruhelosen Beduinen herrschte. Die Statik eines Lebens, dessen Tempo und Sitten der Lebensweise der Erzväter nähersteht als der unseren, wird verdrängt von der herrischen Dynamik der technischen Zivilisation. Zwischen beiden fehlen, wie stets in kolonialen Ländern, alle Übergänge. Während in Europa Generation um Generation in stetig formender Arbeit die Steine aufeinandersetzte, aus denen das Gebäude der modernen Zivilisation besteht, stellt sich hier im Orient das Endstadium unmittelbar neben den Beginn der Geschichte. Zwischen ihnen beiden kommt es nicht einmal zur ernsthaften Auseinandersetzung; denn sie haben nebeneinander nicht Raum. Die europäische Zivilisation ist gewiß nicht besser als die Kulturen, die sie verdrängt, aber sie ist lockender und schlagkräftiger. Wo sie hinkommt, hat sie gesiegt, und die Frage ist nur, wie lange sich d i ie alten Gebräuche und Gesetze in geschützten Winkeln, bei den alten Leuten und auf dem Lande ein Scheinleben bewahren. Auf die Dauer ist ihr Tod nicht aufzuhalten; sie werden vergiftet durch den Explosionsmotor und die Hygiene. Gottlos aber, wie die moderne Technik ist, verweltlicht sie den Charakter des Landes, dessen Bestimmung es einstmals war, nicht Grapefruits oder Kali, sondern Religionen zu erzeugen. Seltsam, wie der alte fromme Klang dissoniert mit der Monotonie der Maschine: durch JÜDISCHER KUIiTURBUX» I- BT BAYERN 6. Juni Museum: Münchner Jüdisches Vokalquartett VERANSTALTUNG DES HECHALUZ am Mittwoch, den 13. Juni 1934 20 Uhr, spricht im Museumssaa Dr. Enzo Sereni über „Palästina und wir"