Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 10 (15.5.1934)
- Date
- 1934-05-15
- Page
- Seite 202 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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202 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 10 gegen unterirdische Wühlereien aus Zelotismus oder Habgier, seinem Einfluß viel zu verdanken hatten. Isaak gab mit vollen Händen — Geld so gut wie Rat und Belehrung. Er war vor aller Welt der Beschützer der Juden und der Förderer aller jüdischen Angelegenheiten weltlicher und geistlicher Art. Als z. B. Alfonso V. nach Eroberung der afrikanischen Hafenstädte Arzilla und Tanger auch viele jüdische Gefangene heimbrachte, deren Los nach damaligem Kriegsrecht die Sklaverei war, stellte er sich an die Spitze einer Hilfsaktion, um diese Armen — es handelte sich um mehr als 400 Männer, Frauen und Kinder — nicht nur loszukaufen, sondern sie auch zu bekleiden und zu verköstigen und ihnen neue Lebensmöglichkeiten in Portugal zu verschaffen. Alle einheimischen Gemeinden halfen und gaben, vor allem die reiche Lissaboner Gemeinde und vorweg Isaak selbst. Aber die Mittel reichten nicht hin. Er schrieb daher an den reichen Jechiel in Pisa, den damaligen Beherrscher des toskanischen Geldmarktes, um Hilfe. Mit diesem stand er in freundschaftlichen und wohl auch geschäftlichen Beziehungen. Jechiel leitete eine Sammlung unter den italienischen Juden ein. So saß Isaak Abarbanel in seinem Palast zu Lissabon, im Mittelpunkt von Geschäften, eines glanzvollen gesellschaftlichen Verkehrs und eifriger biblischer Studien. Ein vom Glück sichtbarlich bevorzugter Mann, zugleich ein Weltmann und Gelehrter. Besonders freundschaftlich verkehrte er mit den nächsten Verwandten des Königshauses, der herzoglichen Familie Braganza, die tebenso reich und mächtig war wie die königliche Linie. Von allen stand ihm der Herzog Ferdinand von Braganza am nächsten, ein gebildeter, sanftmütiger und menschenfreundlicher Ritter und Grande. Nach dem Tod Alfonsos sollte aber gerade diese Freundschaft dem Abarbanel zum Verhängnis werden. Der König Juan (Joäo) II. war darauf aus, die ihm lästige Macht der Braganzas zu brechen, beschuldigte sie grundlos einer Verschwörung gegen ihn, ließ Ferdinand hinrichten, verbannte die übrigen Mitglieder des Hauses und zog — worauf es ihm eigentlich ankam — ihr Vermögen ein. Schon war auch Abarbanel zum König befohlen, schon wollte er im Gefühl seiner Unschuld dem Befehl folgten, da wurde er gewarnt und mit dem Schicksal, das seiner harrte, vertraut gemacht. Unter Hinterlassung seines ganzen Reichtums, auch seiner Bücher und Manuskripte, floh er mit seinler Frau und den drei Söhnen nach Toledo. Der König sandte zwar Verfolger hinter ihm her und denunzierte ihn sogar beim spanischen Hof, aber Abarbanel war ihm endgültig entkommen. Stein Vermögen wurde eingezogen, sein Haus geplündert, seine Bücher verbrannt. Das war im Jahre 1483. Abarbanels Wunsch war es, sich nun ganz seinen Studien hinzugeben, aber sein Ruf als Staats- und Finanzmann muß wohl zu groß gewesen sein, als daß man ihn in Ruhe und in der Abgeschiedenheit des Gelehrten gelassen hätte. Binnen kurzem berief ihn Ferdinand an seinen Hof, gab ihm gewisse Steuern in Pacht, übertrug ihm Lieferungen für die Armee und reihte ihn unter seine Ratgeber ein. So traf dieses seltene Glückskind das große Unglück der Vertreibung aller Juden aus den spanischen Königreichen. Um die Abwendung dieses in der 'Geschichte der zivilisierten Menschheit beispiellosen Gewaltaktes muß ein erbitterter Kampf zwischen Abarbanel und dem Großinquisitor Torquemada geführt worden sein. Abarbanel wußte, daß es dem König Ferdinand weniger um den Ruhm der Christlichkeit als um die ungeheuren Besitztümer der Ausgewiesenen zu tun war, und er bot ihm eine Riesensumme für den Fall an, daß das Ausweisungsdelikt nicht ausgeführt werde. Es ist einle höchst dramatische Szene überliefert, in der Abarbanel durch das Geldangebot, aber auch durch seine würdige und von tiefstem Gefühl für die alte spanische Heimat bewegte Beredsamkeit die beiden Majestäten umzustimmen vermocht habe — da sei Torquemada ins Kabinett gestürzt, habe ein Kruzifix über seinem Haupt geschwungen und den Majestäten zugerufen: „Judas hat sednien Herrn für dreißig Silberlinge verkauft, Eure Hoheiten wollen ihn jetzt für dreirmnderttausend Goldstücke verkaufen! Da ist er — nehmt ihn hin und verkauft ihn." Dieser Auftritt habe, wird überliefert, die fromme Königin Isahella so beeindruckt, daß damit die Sache der Juden verloren war. Abarbanel wanderte mit seinen Söhnen —er war nun wohl schon Witwer — ins Königreich Neapel aus, zum zweitenmal ein Bettler geworden. Kein Zweifel, daß er seinen Leidensgenossen, soweit er konnte, noch beigestanden, klein Zweifel, daß er sich auch als Führer im Unglück, als Ratgeber und Beschützer der Auswanderer betätigt hat. In Neapel aber wurde er alsbald wieder von dem König Ferdinand an den Hof gezogen, mit wichtigen Aufgaben betraut und zu hohem Ansehen gebracht. Aber schon drei Jahre später endigte auch dieses Glück, auch diese Ruhe: Neapel wurde von den Franzosen erobert und geplündert, der Herrscher vertrieben. Ihm folgte Abarbanel nach Mlessina. Ferdinand ging hier in ein Kloster und starb. Der jüdische Wanderer Abarbanel aber siedelte nach Korfu über, von da kehrte er nach Italien zurück, wo seine Söhne es inzwischen zu Ansehen und Ämtern gebracht hatten. Er starb im Jahre 1509, also im Alter von 72 Jahren, zu Venedig und wurde in Padua beerdigt. Aber auch in Venedig, dessen Signoria den Juden nie besonders hold war, weil sie in ihnen die schärfsten Konkurrenten für Venedig im internationalen Handel sah, nahm man seine staatsmännischen Fähigkeiten noch in Anspruch, denn es wird berichtet, daß er einen Handelsvertrag zwischen der Republik und dem Königreich Portugal zustande gebracht habe. Seine Söhne, besonders Juda Leon, ein bedeutender Arzt und Dichter, haben seinen Namen weitergetragen und fortgepflanzt. Im 16. Jahrhundert findet man Abarbanels in Italien, Holland und der Türkei, immer wieder in mächtigen staatlichen, gelehrten und kommerziellen Stellungen. Sie haben dem sephardischen Geist Ehre gemacht. Der Ruhm Isaak Abarbanels als Bibelgelehrter ist nicht unbestritten, insbesondere fanden und finden seine philosophischen und apologetischen Schriften, welch letztere sich insbesondere mit dem Messianismus