Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 6 (15.3.1934)
- Date
- 1934-03-15
- Page
- Seite 107 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 107 Die Schrumpfung der Gemeinde Verkleinerung der Gemeinde durch1 Sterbeüberschuß Überschuß der Austritte AbwanderungsüberschuQ Insgesamt M. Fr. Zus. M. Fr. Zus. M. Fr. Zus. M. Fr. Zus. 1929 56 90 146 65 10 75 75 ♦22 53 196 78 274 1930 62 77 139 73 29 102 340 290 630 475 396 871 1931 80 85 165 76 37 113 260 244 504 416 366 782 1932 99 102 201 52 39 91 228 181 409 379 322 701 1933 116 109 225 16 42 58 771 641 1412 903 792 1695 413 463 876 | 282 157 439 1674 1334 3008 2369 1954 4323 Dieses Bild gibt endlich exakte Zahlen der jüdischen Bevölkerungskatastrophe, die bekanntlich nicht erst durch den politischen Umschwung gekommen ist. Für die Bevölkerungsbilanz der deutschen Juden im allgemeinen sind die Frankfurter Zahlen an Deutlichkeit nicht zu überbieten. Was der Frankfurter Statistiker zum Schluß bemerkt, können wir uns für die gesamte jüdische Bevölkerung in Deutschland, besonders in unseren Großgemeinden zu eigen machen: „Weitere Schlüsse hieraus zu ziehen ist nicht möglich. Die Zukunft ist ungewiß und niemand weiß, ob der Auflösungsprozeß sich fortsetzt, sich rasch oder langsam vollzieht. Neben dem Druck von außen, der die Jugend immer mehr forttreibt, ist die Überalterung der Gemeinde eine Gefahr, die von Jahr zu Jahr wächst. ' Zuwanderungsüberschuß. Sich dies vor Augen zu halten, ist die Grundbedingung der gegenwärtigen und künftigen Sozial-, Kultur- und Finanzpolitik." Von diesem Urteil, das dem objektiven Befund der erreichbaren Zahlen entspricht, stechen die leidenschaftlichen Folgerungen von Felix Theilhaber ab, der schon vor 25 Jahren unter dem Plakattitel „Untergang der Juden" den Geburtenverfall und die Austritte statistisch gezeigt hat. Theilhaber leitet neuerdings namentlich aus dem Sinken der Zahl der geschlechtsreifen Personen eine völlige „Auflösung" des deutschen Judentums ab. Dagegen ist zu sagen: Auch aus einem zusammngeschmolzenen „Rest Israels" können ungeahnte im Kern und in der Anlage vorhandene Kräfte entbunden werden. Auf die große Zahl kommt es nicht an. Außerdem kann kein Mensch das Gleichbleiben der Faktoren, die heute noch ungebrochen wirken und progressiv fortschreiten, über einen verhältnismäßig sehr kurzen Zeitraum hinaus voraussagen. Außer Weltwirtschaft und Politik spielt auch die innere Konsolidierung der Juden eine Rolle. Der äußere Aufstieg der Judenheit in Westeuropa im 19. Jahrhundert hat den inneren Verfall eingeleitet und immer mehr vorangetrieben. Es ist in der Tat so, daß niemand wissen kann, wozu wir und die nächsten Generationen vom Schicksal aufgehoben sind. Es gilt durch die rohen Ziffern von Geburten und Todesfällen, von Aus- und Eintritten, von Steuerkraft und Berufsart hindurch in das innere Gefüge des Judentums Einblick zu bekommen. Sind hier noch entwicklungsfähige, lebensstarke, sich gegen alle Untergangstendenzen machtvoll anstemmende Kräfte der Selbstbehauptung, der Opferbereitschaft und des Glaubens vorhanden? Nur davon hängt das künftige Schicksal des einst so starken, nach innen und außen gefestigten deutschen Judentums ab. F. Die Aufgaben des Jüdischen Kulturbunds in Bayern „Niemand wird kultiviert, sondern jeder hat sich selbst zu kultivieren. Alles bloß leidende Verhalten ist das gerade Gegenteil der Kultur." (Fichte.) Der durch Ministerialerlaß vom 9. Februar 1934 genehmigte „Jüdische Kulturbund in Bayern" stellt eine Arbeitsgemeinschaft dar, welche ihre Hauptaufgaben darin erblickt, jüdische Künstler und Angehörige geistiger Berufe durch religiöse, künstlerische und wissenschaftliche Veranstaltungen zu fördern. Zu diesem wesentlich sozialen Moment tritt noch die Forderung, daß die Veranstaltungen der jüdischen Hörerschaft wertvolle Anregungen bringen, im besonderen daß die Darbietungen sich qualitativ auf achtungsgabietender Höhe bewegen. Zur Verwirklichung dieses Programms sind drei Fachabteilungen gebildet: 1. für Vorträge und Arbeitsgemeinschaften, 2. für Musik und Theater, 3. für bildende Kunst. Träger des jüdischen Kulturbunds in Bayern ist der „Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden", mit den dem Kulturbund angeschlossenen veranstaltenden Gemeinden. Mit Genugtuung können wir feststellen, daß außer München sich nachstehende Gemeinden dem Kulturbund angeschlossen haben: Aschaffenburg, Augsburg, Bad Kissingen, Bamberg, Fürth, Kitzingen, Nürnberg und Würzburg. Der in den Satzungen niedergelegte kulturelle Zweck soll auch dadurch erreicht werden, daß die vorgesehenen Darbietungen in verschiedenen Gemeinden nach einem entsprechenden Plan veranstaltet werden, wobei die kleineren, zahlungsschwächeren Gemeinden Entlastung finden sollen. Der Umstand, daß der Kulturbund erst im Februar dieses Jahres die ministerielle Genehmigung fand, ließ für die Vorbereitung von Münchener Veranstaltungen in der laufenden Saison wenig Möglichkeiten offen, zumal außer der Synagoge ausschließlich der stark bean- Küchenmeister Weinessig für Salate und zum Einmachen. Magister München 7