Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 1 (1.1.1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr.l LUDWIO GRUBER Odeonsplat* 17 J>as QeSChäft des Qualitätsraucliers! Völkerringens im israelitischen Hospital zu Fürth Pflege und Heilung, wofür ihm nach Kriegsende und Auflösung des Lazaretts 1919 Dank und Anerkennung der Behörden ausgesprochen wurde. Vor fünf Jahren, 1928, fand eine durchgreifende Erneuerung des Hauses statt. So wurde Dampfheizung eingebaut, die Operationssäle wurden nach letztlichen wissenschaftlichen Grundsätzen ausgestattet, neueste Apparate angeschafft, so daß die gesamten Einrichtungen heute voll und ganz auf der Höhe der Zeit stehen und sich mit jedem modernen Krankenhaus messen können. Die Krankenzimmer sind hell und freundlich, die Verpflegung wird als vorzüglich gerühmt, die gewissenhafte Pflege ist allseits anerkannt. Es muß als große Wohltat betrachtet werden, daß in heutiger Zeit unsere Glaubensgenossen Nordbayerns im israelitischen Hospital zu Fürth eine mit letztlichen hygienischen Errungenschaften ausgestattete Heilstätte bereit wissen, in der sich im Krankheitsfall jeder wohl geborgen und gerne gesehen weiß und wo ihn ein Arzt nach freier Wahl behandeln darf. H. Sorgen um jü< Eine der schwierigsten Aufgaben unserer Zeit ist die berufliche Eingliederung der jetzt schulentlassenen 14—17jährigen jungen Menschen. Wohl in jeder jüdischen Familie in Deutschland, die Jugendliche dieser Altersstufen hat, steht die Sorge um das berufliche Schicksal dieser Jugend im Vordergrund des Interesses. Die Schulentlassung erfolgte meist früher, als beabsichtigt war, und die Eitern der jungen Menschen stehen nun vor der Frage, wie sie ihre Kinder am besten versorgen können. Allgemein durchgesetzt hat sich die Überzeugung, daß der Versuch, auf den bisherigen Wegen fortzukommen, nicht mehr gemacht werden kann. Man weiß, in der Zukunft wird der jüdische Junge und das jüdische Mädchen aus Deutschland nicht mehr Akademiker, kaum auch kaufmännischer Angestellter sein. Es müssen neue Wege gefunden werden, und daß es nicht ein einziger Weg sein kann, der für alle gleich gangbar wäre, ist allen Beteiligten klar. Ein Teil der jungen Menschen wird sich produktiven Berufen in Deutschland zuwenden, ein anderer Teil wird versuchen, landwirtschaftliche, gärtnerische oder handwerkliche Lehrstellen im Auslande zu finden. Einer dritten Gruppe kann die Möglichkeit gegeben werden, durch frühzeitige Eingliederung in das palästinensische Leben sich neue Zukunftsaussichten zu erarbeiten. Die Aufgabe, jüdische junge Menschen im Alter von 14 bis 17 Jahren nach Palästina zu überführen und sie dort einer handwerklichen oder landwirtschaftlichen Lehre zuzuführen, ist von der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugend-Alijah in Berlin-Charlottenburg 2, Kantstraße 158, übernommen worden. Noch in diesem Jahre sollen die ersten 500 Jugendlichen nach Palästina kommen. Heime, landwirtschaftliche Schulen und die landwirtschaftlichen Siedlungen haben sich bereit erklärt, gegen relativ niedrige Pflegesätze deutsche Jugendliche bei sich aufzunehmen, auszubilden und so lange zu behalten, bis sie sich ihren Lebensunterhalt selbständig verdienen können. Während der Lehrjahre soll ausreichende Zeit bleiben, um die hebräische Sprache zu erlernen und in jüdischen Kulturgütern, Palästinakunde und jüdischer Geschichte unterrichtet zu werden. Die Arbeit in Palästina wird überwacht von den neutralen jüdischen Stellen, der Jewish Agency for Palestine, die ein besonderes Ressort für die Kinderaufsicht eingeführt hat. Dieses Ressort der Jewish Agency trägt auch die Verantwortung Bs freut sich jeder Herr mit KleMlmiij von „Kit" Das Fachgeschäft mit der eigenen Großschneiderei Bayerstraße 5 Jische Jugend dafür, daß die jungen Menschen im Lande zweckentsprechend untergebracht, ernährt und ausgebildet werden. In Deutschland beschäftigen sich drei Organisationen mit der Auswahl geeigneter Kinder: die Jüdische Jugendhilfe, e.V., Berlin, die fortlaufend Kindergruppen — im ersten Jahre 270 Jugendliche — in Arbeitersiedlungen unterbringt; die Jüdische Waisenhilfe, e.V., Berlin, die Trägerin des Jugenddorfes Ben-Schemen in Palästina; das Kinderheim Ahawah, Berlin, das eine Stadtrandsiedlung in der Haifa-Bai durchführt. Die Juden aller Länder haben sich diesem Hilfswerk in großzügiger Weise zur Verfügung gestellt. Auch das deutsche Judentum ist aufgerufen, möglichst vielen Kindern den Weg nach Palästina zu ebnen. Der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugend-Alijah ist ein Fördererkreis angegliedert, der die gute Sache in Deutschland vertritt. Die Auswanderung junger Menschen ohne ihre Eltern nach Palästina ist bisher in größerem Umfange noch nicht versucht worden. Es ergeben sich eine Reihe pädagogischer Probleme, die sorgfältigst beachtet werden müssen, soll das Werk gelingen. Für die Auswanderung kommen nur körperlich kräftige und geistig in jeder Richtung gesunde junge Menschen in Frage. Ein schwieriges Menschenkind, das mit seiner Umwelt hier in Deutschland schon nicht fertig wird, vermag die Belastungsprobe, welche die Eingliederung in ein neues Land darstellt, wohl kaum zu bestehen. Es muß ferner eine innere Vorbereitung auf Palästina und das neue Leben, das das Leben eines einfachen Arbeiters oder Handwerkers sein wird, geschaffen werden. Nur das Kind wird sich in den Arbeitersiedlungen wohlfühlen, das diese innere Bereitschaft zur Umstellung auf ein einfaches Leben mitbringt. Dem Kinde oder jungen Menschen ferner, der durch Schule und bündische Gemeinschaftserziehung eine gewisse Selbständigkeit erlangt hat, wird die Trennung vom Elternhaus leichter fallen als einem solchen, das noch niemals in einer Kinder- oder Jugendgemeinschaft wirklich gelebt hat. Die Kenntnis der hebräischen Sprache, mindestens in ihren Anfangsgründen, erleichtert dem neu ankommenden Jungen oder Mädchen die Eingliederung ins palästinensische Leben. Das Gefühl der Hilflosigkeit und der Verlassenheit kann sehr schnell bei einem jungen Menschen entstehen, der sich nicht verstanden weiß, und der die Umwelt nur unzureichend versteht. Die klimatischen und sonstigen körperlichen Schwierigkeiten sollen hier nur erwähnt werden. Es ist bemerkenswert, daß diese Schwierigkeiten bei Kindern und Jugendlichen kleiner zu sein pflegen als bei Erwachsenen. Die Kinder- und Jugend-Alija ist ein Weg zur Behebung der Berufs- und Lebensnot unserer jungen Menschen. Er wird erfolgreich zu gestalten sein, wenn nur die Geeignetsten diesen schweren aber schönen Weg gehen, und wenn die Judenheit der ganzen Welt, insbesondere aber die deutsche Judenheit daran mithilft, daß dieser Weg für möglichst viele junge jüdische Menschen aus Deutschland gangbar wird.