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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-12-01 · 23 (1.12.1933) · p. Seite 375

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
23 (1.12.1933)
Date
1933-12-01
Page
Seite 375 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 23 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 375 wandt. Beide leben gleich weit entfernt von jenen gemäßigten Länderstrichen, in denen das Leben, sich schön und frei vollendet. Germanen und Semiten befehden und suchen sich ewig aus gleicher innerer Not, beide stürmen rastlos durch das Leben, bald getrieben von der Sehnsucht, einmal ganz erfüllt zu werden, bald gejagt von der Angst, zuviel gegeben, sich selbst verloren zu haben: BLOÜD ODER SCHWARZ DEMSELBEN SCHOOS ENTSPRUNGNE VERKANNTE BRÜDER SUCHEND EUCH UND HASSEND IHR IMMER SCHWEIFEND UND DRUM NIE ERFÜLLT! Italiens Haltung zu den Juden i. Beihilfe der italienischen Regierung zur Errichtung einer Lehrkanzel für romanische Sprachen an der Universität Jerusalem Der Kanzler der Hebräischen Universität Jerusalem Dr. J. L. Magnes teilt mit, daß die italienische Regierung der Universität Jerusalem einen Beitrag zur Errichtung einer Lehrkanzel für romanische Sprachen und Literatur mit besonderer Berücksichtigung des Italienischen zur Verfügung gestellt halt. Der Entschluß der italienischen Regierung, sich an der Errichtung der neuen Lehrkanzel materiell zu beteiligen, ist auf die Intervention des italienischen Generalkonsuls in Jerusalem Commendatore Mario de Angelis zurückzuführen. Die Vorlesungen über romanische Sprachen und Literatur werden von dem bisherigen Dozenten für Sprachen und Literaturen des Mittelalters Dr. Heinz Pflaum gehalten werden. Ein Vorbereitungskurs für italienische Sprache wird von Dr. A. Vardi geleitet. II. Judentum und Faschismus Auf der Londoner jüdischen Welthilfskonferenz hat sich der Qberra'bbdner von Rom, Dr. A. Sacerdoti, zu der Frage Judentum und Faschismus in einer Ansprache geäußert. Wir sind lebende Zeugen dafür, sagte er, daß bei der Wiederholung der zuerst durch den italienischen Faschismus igelehrten Grundsätze und Methoden sein Geist in Deutschland verkannt wird. Unsere Anwesenheit hier ist der klarste Beweis dafür, daß das Bekenntnis zum Antisemitismus in keinem Lande eine notwendige Voraussetzung für nationale Erneuerung bildet. Der italienische Faschismus hat, wie .aus zahlreichen Erklärungen seines Schöpfers, Exzellenz Benito Mussolini, hervorgeht, niemals auch nur im mindesten antisemitische Tendenzen gezeigt. Der italienische Faschismus strebt nach Zusammenfassung aller Bürger im Staate, nicht nach ihrer Spaltung. Der italienische Faschismus wünscht das Zusammenwirken aller bei der Arbeit, das Vaterland groß zu machen, nicht Uneinigkeit. Er erstrebt harmonische Zusammenarbeit aller Glieder des Staates, nicht inneren Zwiespalt. Der Faschismus, erklärte Dr. Sacerdoti zum Schluß, hat erst durch die Wiederherstellung der geistigen und religiösen Werte uns italienischen Juden die Möglichkeit zur Erneuerung und Stärkung unseres Judentums durch' großzügigen Neuaufbau unseres Gemeindelebens gegeben. III. Baron Evola und der arisch-gibellinische Gedanke im heutigen Italien In unserem Bericht über die gegenwärtige — weder positive noch negative — Haltung des faschistischen Italiens zu den Juden des Landes und zur Judenfrage im fallgemeinen wurde schon von dem Mailänder Juden Ludwig Bato (Gemeinde-Ztg. v. 15. 10. 33) hervorgehoben, daß das Wort vom „lateinischen Blut" und vom „lateinischen Ahnherrn'1 im heutigen Italien immer vernehmbarer wird. Die Haltung der italienischen Regierung ist zionistenfreundlich; dabei 'bleibt die völlige staatsbürgerliche Gleichberechtigung der italienischen Juden eine selbstverständliche Staatsmaxime. Die neu auftauchenden Rasseideen sind von den unsrigen grundverschieden. Als Vorkämpfer des arischen Rassegedankens tritt seit einiger Zeit mehr wie bisher der einer Patrizierfamilie nordisch-normannischen Ursprungs entstammende Römer Baron Evola (Evola, abgeleitet von Hevelar) hervor. Sein Hauptwerk ist unter dem Titel „Heidnischer Imperialismus" soeben auch deutsch (im Armannen-Verlag in Leipzig) erschienen. Wie Hermann Wirth (beeinflußt von Nietzsche, Bachofen und Frobenius) tritt er für Rückkehr zur nordisch-heidnischen Tradition ein, für Wiederkehr „der Macht eines neuen Mittelalters und eines Aufstands von barbarischer Reinheit". Dieser gegen den Semitismus, die Kirche und das Christentum gerichtete „gibellinische Extremismus" im Rahmen der faschistischen Bewegung spielt heute noch eine geringe Rolle in Italien; aber ihn zu ignorieren, wie man es 'bei uns mit diesen Ideen früher gemacht halt, wäre wieder Vogel-Strauß-Politik. Bei der deutschitalienischen Verständigung wird diese Abart des italienischen Faschismus zweifellos noch eine Rolle spielen. Die deutschen Juden sollten der hier sich zeigenden Richtung nicht ahnungslos, wie früher der deutsch-völkischen, gegenüberstehen. Wir haben das Evola'sche System des „solaren" Herrentums und der „(göttlichen Herrscher" nicht zu kritisieren; seinen „magischen Idealismus", seinen „Mythos von den beiden Adlern" (gemeint ist die gegen Semitismus — in Verhüllungen jeder Art — gerichtete, geeinte römisoh«germanische Welt) vom hohen Posifcament herunterzunehmen, steht uns nicht zu. Aber einen eindringlichen Hinweis auf diese Geistesrichtung dürfen wir uns nicht ersparen, um uns vor Illusionen zu bewahren. Nur folgerichtig ist der Ausfall Evolas gegen das Luthertum: „Die Reformation ist der große Sturz der nordischen Menschheit----das Sichübersohlagen ins Negative und Semitische jener Kraft, die den Kampf des Kaisertums gegen das römische Joch beseelt hat."

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