Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 23 (1.12.1933)
- Date
- 1933-12-01
- Page
- Seite 374 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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374 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 23 Wolters (Stefan George und die Blätter für die Kunst, 1930) — beide Verfasser aus dem George-Kreis sind inzwischen gestorben — vermittelten eine breit angelegte Kenntnis - von der geschichtlichen Aufgabe des Dichters, die er in der Wiedergeburt der deutschen Sprache und des wahren Dichtertums erblickte, und weiter von den Mächten und Menschen des Zeitalters, unter denen das Schaffen Georges entstand. Wir werden uns nach Lektüre dieser Werke hüten, literaturwissenschaftliche Formeln für dieses große Menschenwerk zu prägen oder ein kritisches Urteil zu fällen. Georges tiefe nicht nach Gewicht und Zahl meßbare Wirkung geht von der prophetischen und herrscherlichen Geste aus, mit der er die Epoche, in der er lebt, verwarft. Kein Nein eines großen Menschen war je so positiv, keine Kritik so aufbauend wie der abweisende Hochmut, der aus diesen schwer zu verstehenden Strophen dringt. Ihr Sänger empfindet die Epoche als würdelos und ohne Segen. Die drei großen Neinsager, Schopenhauer, Nietzsche, George, haben am schärfsten und schmerzlichsten den Unwert der modernen Kultur, ihre Verfalls- und Zerrüttungserscheinungen empfunden. Aus dem Verfall und der Entweihung flüchtet George in die Dichtung. Der Widerspruch bleibt bestehen, daß nach des Dichters eigenem Willen nur die wenigen hohen Menschen — „die den ehrwürdigen Gesetzestafeln und den ewigen Denkbildern Verpflichteten" — eigentlich in das Verständnis seines Werkes vordringen sollen, daß aber dieses vor Unberufenen zu behütende Werk gedruckt und verbreitet und noch dazu von autorisierten Erklärern wie von den Verfassern der beiden hier angezeig-! Gegr. 1869 Bayerische Vereinsbank Kredit- und Hypothekenbank Niederlassungen an allen größeren Plätzen Bayerns r. d. Rh. Sorgfältige und entgegenkommende Erledigung von Bankgeschäften aller Art Sparverkehr Verkauf von Gold-Pfandbriefen ten Schriften einer unbekannten anonymen Menge zugänglich gemacht und ihr näher gebracht wird. Wir freuen uns darüber; denn dieser Unlogik verdanken wir zwei so vorzügliche Kommentare, jeder von besonderem Eigenwert, jeder die Tiefen und Eigenheiten des Georgeschen Werkes mit seltener Wortkunst gläubig erschließend. — Für das herrliche und ergreifende Kunstwerk Georges haben Menschen von jüdischem Stamm von Anfang an das tiefste Verständnis gezeigt, worüber man in dem orthodoxen Werk von Wolters das Wissenswerte erfährt. Die Namen Hofmannsthal, Gundolf und Wolfskehl sind jedermann geläufig. Hofmannsthal, „dieser offenbare Spätling und frühreife Mischling aus katholischen und jüdischen Familien der Kaiserstadt", wie ihn Wolters charakterisiert, fiel später ab, Wolfskehl und Gundolf blieben bis zuletzt seine treuesten Herolde. Gundolf schließt seine Homilien zu George mit dem „Stern des Bundes" aus dem Jahr 1914. Dieses klingende und klagende Buch setzt sich aus dem aus neun Gedichten bestehenden Eingang und drei Teilen von je dreißig Gedichten mit einem Schlußchor zusammen. Jedes zehnte Gedicht ist als Abschluß einer inneren Teilung gereimt, die übrigen sind reimlos. Die Gliederung in Strophen fehlt, die Verszahl beträgt mindestens sieben, höchstens vierzehn Zeilen. Der Dichter hält Abrechnung mit dem Volk, dem seine Sendung gilt. Der heuchlerisch sich frei dünkenden Zeit, die sich überheblich über die früheren wild und dunkel genannten Jahrhunderte erhaben glaubt, wird ein fürchterliches Gericht vorausgesagt. In dem „Stern des Bundes" aus dem Jahr 1914 steht mit großen Lettern die jetzt wieder so verkannte Weisheit, daß gerade gottfremde Zeiten am meisten von der Bedeutung der Götter zu reden lieben. „Der Stern des Bundes" enthält das Sollen des Seins, das sich in den früheren Büchern als Lebens- Gesicht, im Siebenten Ring als Welt-Gesicht darstellt. Wie die Mußgesetze der Natur nur erscheinen an wirklichen Naturdingen und Vorgängen, so auch die Sollgesetze des Menschen nur an menschlichem Tun und Gebaren. Daneben behält die „neutrale" freischwebende Lehre als Bewußtseinsmotor und Kontrolle ihr dauerndes Recht. Von höchster Bedeutung ist für George menschliche Gestalt und Haltung, die scheinbar so äußerliche Körpergestalt: Schiller sagt einmal, es sei beinahe leichter, die Seele umzuändern als die Bildung des Körpers, und es heißt bei Nietzsche: „Es ist mehr Vernunft in deinem Leibe als in deiner besten Weisheit." Denk nicht daß dort nichts ist wo du nichts siehst. Als ich am andren abend bei dir saß Merkt ich wie durch dein erstes durch: das zweite Das gottesantlitz langsam dir erwächst. Im Stern des Bundes, wo einer „entstellten und erkalteten Menschheit" die bittere Wahrheit in nie gehörter Weise gesagt wird, kommt der Dichter auch (im letzten Teil des ersten Buches) auf die Verwandtschaft der Germanen und Juden zu sprechen (darüber Morwitz Seite 138): Die Germanen des winterlichen Nordens und die Juden, Kinder der sommerheißen Wüste, sind durch die Schattenhaftigkeit ihrer Götter miteinander ver-