Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- Würzburger Nachrichtenblatt Nr. 2 (1.10.1933)
- Date
- 1933-10-01
- Page
- Seite 5 (sequence 1)
- Language
- German
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JBucjbucgcc HDd)ciri)tcnblntt JHürjburgcc ^luegabc &ti $ayerijtf|tn 3fcncli!ifcf)^n (Bsmrinöcjritung Erscheint am 1. u. 15. jeden Monats. — Verlag: B. Heller, München, Geschäftsstelle: Würzburg, Sieboldstraße 3X>, Telephon 46 45. 1933 Zum Laubhüttenfest Bilder, Zeichen und Symbole sagen mehr als Worte. Sie tragen Sinn und Bedeutung in sich, sind eine stumme Forderung, nicht jedem auf den ersten Blick erkennbar. Wir müssen uns in sie hineinversenken, dann sprechen sie laut und deutlich zu uns. Das Judentum birgt eine große Zahl solcher Zeichen in sich. Auch sie sind Sprache ohne Worte und offenbaren uns ihre belebende, aufrichtende Kraft nur dann, wenn wir uns ihnen ganz hingeben. Gar manches Zeichen scheint vertrocknet und bedeutungslos. Da wenden sich die Zeiten, der Himmel überzieht sich mit Wolken^ und mit einem Male gewinnt das vergessene Zeichen seltsame Bedeutung. Ein solches Zeichen ist auch die Vorschrift des Sukkausfestes. „In Hütten sollt ihr sieben Tage wohnen, jeder Einheimische in Israel soll in Hütten wohnen." Die Sukkoh, die schwache, jedem Sturm ausgesetzte Hütte, will uns Gottvertrauen lehren. In solchen Hütten wohnte einst Israel, als es aus Ägypten zog, bei seinem von Gefahren umdrohten Zug durch die Wüste, und in diesen Hütten wurde es von Gott beschützt. Zur Erinnerung an diesen Schutz Gottes soll Israel alljährlich, wenn die Herbststürme über die Dächer fegen, sein schützendes Haus verlassen und hinter schwankenden Brettern Wohnung nehmen; ein ewig wiederkehrendes Zeichen jüdischen Gottvertrauens. Und diese Hütte sollen w i r uns e r bauen einfach und bescheiden, daß sie uns zu einem vorübergehenden Heim werde, in dem wir wie in einem ständigen Heim wohnen sollen. Ist uns die Satzung der Hütte mit all ihren einzelnen Vorschriften klar geworden? Bisher hatten wir sie nicht erkannt, doch in diesem Jahr sagt uns der Anblick einer Sukkoh, welch tiefer Sinn ihrer Satzung innewohnt. Sie sagt uns, daß wir überall auf Gottes Schutz vertrauen können, daß Er uns aus der Wohnung in die Hütte schickt, damit wir wieder zu Gott finden, nachdem wir Ihn im Glück vergessen hatten. Doch nur eine vorübergehende Wohnung ist die Hütte, die Bedrängnis wird wieder schwinden, wenn wir in der Hütte gewohnt haben, wie im Hause. Doch die Hütte kehrt alljährlich wieder, wird uns alljährlich zur vorübergehenden Heimat, um uns als weitere Lehre das Vergängliche all unseres Seins und Besitzes zu zeigen. So zeigt sie uns in zwiefacher Weise das Judenschicksal, wandern zu müssen, vom Glück ins Leid und — vom Leid ins Glück, und weist uns darauf hin, daß das Schicksal des Wanderns und Leidens uns nicht verderben wird, denn Gott wird uns schützen. Und schließlich weckt die Sukkoh in uns die Hoffnung auf Ruhe und auf einen Abschluß des Wanderns. Am Ende eines vierzigjährigen Aufenthalts in Hütten kam Israel In das Land, in dem es Ruhe fand und sich am Ziel seiner Sehnsucht sah. Dies Ereignis ist uns Trost, weil wir hoffen dürfen, daß auch wir einst am Ende unseres Hüttenaufenthaltes, am Ende unseres schicksalhaften Wanderns sein werden. Aus dem, was andere verschmähen, bauen wir die Hütte, damit das einzigartige Sein und den eigenartigen Verlauf unseres Lebens andeutend. Für uns hat das Leben auch dann noch Sinn und Wert, wenn manch anderer glaubt, so nicht mehr leben zu können. Wir wissen, daß ein Leben nicht nur für seinen Träger, sondern auch für dessen Umgebung gelebt wird, um dieser zum Guten wie zum Bösen als Lehre zu dienen. Darum ist für den Aufbau unseres Lebens auch das von Bedeutung, was andere verachten. Das Ruhmlose erhält bei uns genau so seinen Platz wie das Kraftvolle und Heroische. Weil wir das Leben unserer Gemeinschaft als überzeitlich auffassen, können wir bei seiner Gestaltung auf vieles verzichten, was nur für kurze Zeit Bedeutung hat, für die Dauer aber bedeutungslos ist. Bezugspreis für die Würzburger Ausgabe der Genieindezeitung RM. 6.— für das ganze Jahr, RM. 1.50 für das Vierteljahr. Nummer 2 Aber unser Leben müssen wir selbst bauen. Es wird uns nicht vollendet hingestellt. Jahr für Jahr wird die Hütte aufs Neue erbaut; erst die Wände, dann das. Dach. Und so muß auch jede Generation sich ihr Leben neu gestalten, kann nicht Überkommenes einfach erwerben. Die selbsterbaute Hütte steht um so fester, das selbstgezimmerte Leben läßt sich um so leichter durchführen, weil uns die Gestaltung der göttlichen Grundprinzipien frei überlassen ist. Nach eigenen Maßen haben wir uns das Leben erbaut, wir können sie vergrößern oder verkleinern. Nur eines brauchen wir dazu: Gottes Schutz. Daß dieser Schutz uns wird, soll uns die zu bauende Sukkoh lehren. Dr. S. Auerbach. Aus der Haftarah am Versöhnungstag (Jes. 57, 14/15) Macht frei die Bahn! Macht frei die Bahn! Die Straße räumet — Auf Meines Volkes Weg laßt keinen straucheln. Denn so spricht Er, der Hocherhabene — Der ewig Thronende, der Heilige ist Sein Name — Hoch und heilig wohne Ich Und bei dem Zermürbten und Niedergebeugten weile Ich. Ich stähle den Mut der Gebeugten. Ich belebe das Herz der Zermürbten. B. Gemeinde-Sukkoh Die Kultusverwaltung läßt wie in früheren Jahren so auch in diesem Jahre auf Kosten der Kultuskasse im Synagogenhof eine Sukkoh aufstellen. Es ist zu wünschen, daß dieselbe recht oft seitens der Mitglieder der Gemeinde benützt wird. Herr Oberlehrer und Schulleiter Hellmann hat in dankenswerter Weise für die Ausschmückung der Sukkoh Sorge getragen, dem hiefür an dieser Stelle ganz besonders gedankt wird. Der Schlüssel zur Sukkoh kann jederzeit bei Fräulein Blum, in deren Abwesenheit bei Herrn Hausmeister Beyerlein, in Empfang genommen werden. Simchas torah: Der Gottesdienst am Vorabend des Simchasthauroh-Festes — Donnerstag, den 12. Oktober — ist zugleich als Jugendgottesdienst gedacht Die Jugend hat hiebei nach altem Herkommen Anspruch auf bevorzugte Plätze. Die Eigentümer und Mieter von Synagogenplätzen in den vordersten Reihen der Männer- und Frauenabteilung der Hauptsynagoge werden demgemäß gebeten, in Würdigung dieses Herkommens ihre Plätze am genannten Abend für kurze Zeit der Jugend zu überlassen.; Eruw Tawschilin: Nachdem der Gemeindekalender in der Luachabteilung und auch unter Gebetszeiten der folgenden Woche hiervon nicht spricht, wird ausdrücklich an dieser Stelle darauf verwiesen, daß Eruw Tawschilin zu machen ist sowohl am Mittwoch, den 4. Oktober 1933 (Erew Sukkos), als auch am Mittwoch, den 11. Oktober 1933 (Hoschano rabbo). Um allen Zweifeln vorzubeugen, die namentlich in letzter Woche aufgetaucht sind, wird darauf hingewiesen, daß dann am Freitagabend „bameh madlikin" nicht gesagt wird, wenn vor Eingang des vorangegangenen Feiertags Eruw Tawschilin zu machen ist. Dies trifft sowohl am kommenden Schabbos chol hamoed als auch Schabbos b'reischis zu. Der Gemeindekalender 5694 ist in seiner bisherigen Aufmachung erschienen und gelangt im Gemeindesekretariat vormittags von 9—12 Uhr kostenlos zur Ausgabe. Er erlangt gerade in diesem Jahr seine ganz besondere Bedeutung dadurch, weil die Gebetszeiten nur durch den Kalender und durch Anschlag im Synagogenhof, aber nicht mehr durch die Tageszeitungen, bekanntgegeben werden. Würzburg, 1. Oktober 1933