Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 12 (15.6.1933)
- Date
- 1933-06-15
- Page
- Seite 182 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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182 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 12 und Technische, an den Geschäfts- und Erwerbsgeist verloren. Aber im engeren Zirkel ist doch auch in London, Berlin, New York jüdisches Leben möglich, ja sogar in verstärktem Maße und in einer vertierteren, konzentrierteren Art pflegbar. Der Hamburger Pastor Ludwig Heitmann hat vor einiger Zeit im „Morgen" (Dezember 1929) ziemlich pessimistisch eine zunehmende Loslösung aller Lebensseiten von jeder Tiefenbindung, ferner eine sich gleichfalls verstärkende äußere Erstarrung aller Lebensfunktionen und eine fortschreitende innere Vereinsamung und Isolierung, „das Angstgefühl des frei im Raum Schwebenden" als Folgeerscheinung der Großstadtentwicklung beschrieben. Es ist die Frage, ob diese großstädtische Versachlichung und Desillusionierung notwendig auch die Disposition für einen erfüllten tätigen Willen zu jüdischem — religiös-jüdischem und jüdisch-kulturellem — Leben und Erkennen schwächt. Es sind Anzeichen vorhanden, wonach diese Frage verneint werden muß. Der Jude in der Großstadt, von einer guten, tapferen jüdischen Presse, die nicht in einer falsch verstandenen Neutralität um die Dinge herumgeht, und von jungen tatkräftigen Führern geleitet, kann gerade auf der Flucht vor einer nüchternen und grausamen Großstadtwirklichkeit, an jüdischen Dingen (von der Wiedererlernung am religiösen Leben oder an den Gemeindeangelegenheiten) wieder Freude g-ewinnen und sich retten vor einem inzwischen grau gewordenen und dunkel verhängten Alltag. . Wichtigste Einführungsliteratur zum jüdischen Großstadtproblem: Friedrich Burgdörfer, Volk ohne Jugend, Berlin- Grunewald 1932 — Jakob Lestschinsky, Das wirtschaftliche Schicksal des deutschen Judentums, Berlin 1933 — Alfred Marcus, Die wirtschaftliche Krise der deutschen Juden, Berlin 1931 — Arthur Ruppin, Soziologie der Juden, 2 Bde., Berlin 1930 — Philipp Schwartz, Das Wirtschaftsleben der deutschen Städte, Landkreise und Landgemeinden (Schmollers Jahrbuch Jg. 55., H. 2, 1931) — Sombart, Der moderne Kapitalismus Hill S. 408 ff. (Die Großstadt) — Stefan Behr, Der Bevölkerungsrückgang der deutschen Juden, Frankfurt a. M. 1932. Nachbemerkung: Eine richtige Bewertung der jüdischen Landflucht ist erst möglich, wenn man sie mit dem allgemeinen Drang zur Großstadt in der ganzen Welt vergleicht. Eine über alle Teile der Erde sich erstreckende Untersuchung hat bis vor kurzem gefehlt; erst in allerjüngster Zeit hat sich die Union internationale des villes das Verdienst erworben, internationale Vergleiche anzustellen, die in der italienischen Zeitschrift La Casa soeben veröffentlicht werden. Der. Geheime Oberbaurat Dr. S t ü b fo e n berichtet darüber auszugsweise in der Kölnischen Zeitung vom 4. Juni 1933: Es wurde die Zahl der Großstädte, d. h. der mehr als 100000 Bewohner zählenden Orte der Erde festgestellt auf 164 im Jahre 1872, 270 im Jahre 1893, 326 im Jahre 1902, 524 im Jahre 1930 und für die Gegenwart, nach neuester Statistik eingeschätzt, auf annähernd 570. Das bedeutet eine zahlenmäßige Vermehrung auf fast das Dreieinhalbfache in sechs Jahrzehnten. Beschränkt man die Betrachtung auf Europa und schaut weiter zurück in die Vergangenheit, so ergibt sich die Zahl der Großstädte auf 7 im Jahre 1500, 13 im Jahre 1600, 14 im Jahre 1700, 21 im Jahre 1800, 42 im Jahre 1850, 70 im Jahre 1870, 95 im Jahre 1880, . 121 im Jahre 1896, 149 im Jahre 1902, 181 im Jahre 1914, und 241 im Jähre 1930. Die stete und in unserer Zeit besonders starke Neigung zur Verstadtlichung des Wohnwesens und zur Großstadtbildung erstreckt sich übrigens auf alle Teile der Erde. Städte und Großstädte entstehen fortwährend, wo bis dahin nur Dörfer und Kleinstädte bestanden. Der Anteil der Großstädte an der Gesamtbevölkerung des Landes beträgt gegenwärtig in Rußland 7 v. H. (in 25 Großstädten), Norwegen 14 (2), Brasilien 16 (18), Japan 17,5 (30), Italien 18 (22), Ungarn 20 (3), Frankreich 20,7 (20), Chile 21 (2), Dänemark 21,4 (l), Kanada-24 (7), Syrien 26 (3), Uruguay 27 (l), Deutschland 30 (53), Vereinigte Staaten 32 (94), Argentinien 36 (8), England 46,5 (45), Australien 50 (5). Staaten ohne Großstadt sind in Europa sechs, nämlich Albanien, Andorra, Liechtenstein, Luxemburg, San Marino und Monako. In Asien gibt es ausgedehnte Landzonen ohne Großstadt, so in Arabien, im britischen und portugiesischen Indien, in der Mongolei, in Persien und Tibet, zusammen etwa 7,75 Millionen oder 0,5 v. H. der Bewohner des asiatischen Festlandes enthaltend. Die weitesten großstadtlosen Flächen aber besitzt Afrika mit im ganzen etwa 73 Millionen Bewohner, d. h. mit etwa 55 v. H. der kontinentalen Gesamtbevölkerung. In Amerika sind die Gegenden ohne Großstadt beschränkt auf Guyana, die Antillen und die kleinen Republiken Mittelamerikas mit insgesamt 7 800 000 Bewohnern oder 3 v. H. der amerikanischen Bevölkerung. In Australien sind etwa 1 200000 Einwohner oder 13 v. H, der Gesamtheit auf großstadtlose Bezirke verteilt. In Summa wird die Bewohnerschaft aller bestehenden Gegenden ohne Großstadt auf etwa 88 Millionen, d.h. auf weniger als 5. v. H. der Gesamtbevölkerung der Erde geschätzt, die gegenwärtig etwa 1970 Millionen betragen soll. . Die am dichtesten mit Großstädten besetzten Bezirke sind in Europa Norddeutschland, Holland, Belgien, Nord-? ostfrankreich, Südengland, Mitteleuropa und Italien; in Asien das nördliche Indien, Japan und die Mitte von China; in Afrika ein Teil des Südens; sodann der Osten von Amerika und der Südwesten von Südamerika mit Teilen von Brasilien und Argentinien. Schließlich ist zu bemerken, daß, während im Altertum höchstens vier Städte der Erde mehr als eine Million Einwohner hatten, nämlich Rom, Babylon, vielleicht auch Ninive und Alexandria, die Zahl dieser sogenannten Weltstädte 11 im Jahre 1910,18 im Jahre 1913 mit 40 Millionen und 32 im Jahre 1930 mit fast 80 Millionen Einwohnern betrug. Europa allein zählte im Jahre 1870 im ganzen 70 große Städte mit rund 20 Millionen Bewohnern, dagegen im Jahre 1896 bereits 121 mit 137 Millionen und im Jahre 1930 sogar 241 mit rund 90 Millionen oder 18,7 v. H. des ganzen Kontinents.