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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-06-15 · 12 (15.6.1933) · p. Seite 180

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
12 (15.6.1933)
Date
1933-06-15
Page
Seite 180 (sequence 4)
Language
German
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180 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 12 beiden bedeutenden Monographien von Kracauer („Die Angestellten" Frankfurt a. M. 1930)- und von Dreyfuß („Beruf und Ideologie der Angestellten" München 1933) verwiesen. Noch spielt bei dem Thema „Der Jude in der Großstadt" das eigentliche Proletariat, die großstädtische Industriearbeiterschaft mit und ohne Beschäftigung nicht annähernd die Rolle wie bei der nicht-jüdischen Bevölkerung. Dagegen wird auch bei den Juden derjenige Anteil unter ihnen von Jahr zu Jahr größer, die von vorneherein^ keinen Zugang in das geregelte Erwerbsleben gefunden haben: „Betrogene' Jugend", eine zusehends anschwellende Masse von Jugendlichen und jungen Leuten, die den viel geschilderten Schicksalen auf der Landstraße, in den -Herbergen, Arbeitslagern und politischen Formationen ausgesetzt sind. Die jüngeren Altersklassen der großstädtischen Juden entziehen sich heute noch der genaueren Erfassung ihrer sozialen Lage, von den inneren Tatsachen der Religiosität, des politischen und allgemeinen Welt- und Wunschbildes in diesen Köpfen ganz zu schweigen. Die gegenwärtige Massen- und Dauerarbeitslosigkeit hat bis vor kurzem den großstädtischen deutschen Juden naturgemäß nicht so sehrgetroffen und verwandelt wie die großstädtische Gesamtbevölkerung mit ihren breiten Arbeiterschichten, bis ihn in jüngster Zeit das Schicksal mit verdoppelter Wucht im Gefolge der politischen Umwälzung schockartig traf. Die Folgen sind heute noch nicht zu übersehen. Bis jetzt war es die großartige spezifisch großstädtische Wirtschafts- und Kultürentfaltüng, die für die bewegliche jüdische Art eine bis in die neueste Zeit nicht unterbrochene magische Anziehungskraft hatte. Namentlich der moderne Jude vermißte auf dem Land und in der Provinz außer der beruflichen Entfaltungsmöglichkeit, besonders im Handel und in den freien Berufen, die „Anregung" im guten, aber auch im schlimmen Sinn dieses schillernden Wortes. Er wollte für seine Kinder die besten und modernsten Ausbildungsmög-lichkeiten und Schularten; Auto und Radio ersetzten ihm nicht die Nähe von Theater, Konzerten, Vorträgen, von Gesellschaft und •sonstiger Abwechslung. Er fühlte sich jedenfalls auf dem Land einsamer, ausgesetzter, mehr als er zu ertragen meinte, sich selbst überlassen als in der Großstadt, deren Luft ihm besser zusagt. Es waren von jeher die Erregungsmomente der Großstadt, zu denen er sich vor sich selbst flüchtete. Börne äußerte sich vor 100 Jahren in seinem Tagebuch (22. Mai 1830) über das Leben in kleinen und großen Städten. Man werde in kleinen Städten leicht zum Menschenfeind, zum Lästerer Gottes und seiner weisen Ordnungen, weil hier die Laster'der Menschen einzeln hervorträten und verachtungswürdig erschienen. Große Verbrechen geschehen so selten, daß man im einzelnen Falle die Täter schonungslos , schuldig verdammte. In großen Städten dagegen, besonders in der Weltstadt Paris, erschienen die Schwächen der Menschen als Schwächen der Menschheit und Verbrechen und Mißgeschicke als heilsame Krankheiten, die. die Übel des ganzen Körpers, diesen zu erhalten, auf einzelne Glieder würfen. Die Häufigkeit der Verbrechen überzeuge von ihrer Notwendigkeit und gewähre damit einen Trost. : Sören Kierkegaard setzt sich in seinen „Stadien auf dem Lebensweg"- mit dieser Äußerung Börnes auseinander. Kierkegaard sieht darin eine Flucht vor der Wirklichkeit der menschlichen Existenz, eine Flucht in die „Sicherungen" und in die Tröstungen der „tabellarischen Ubersicht". „Eine so zart besaitete Natur wie Börne merkt es sofort, wenn das Leben ihr zu nahe tritt; aber solange man selbst kein Unglück hat, findet man in seiner Behaglichkeit Mittel, sich das Peinliche vom Leib zu halten. Dem Armen kann man seine Tür verschließen; und sollte jemand vor Hunger umkommen, so sieht man in seiner Tabelle nach, wie viele jährlich Hungers sterben .... und man ist beruhigter." Durch die betäubende Unruhe der Großstadt hält-sich der Jude vielfach die innere Unruhe und Fragwürdigkeit seiner Existenz vom Leibe. Aber auch der verinnerlichte und religiöse Jude fand in der Großstadt die ihm am Herzen liegenden Einrichtungen, Persönlichkeiten, Lern- und Schulungsmöglichkeiten in reicherer Auswahl und meist auch auf höherem Niveau als in der Provinz oder im Dorf. In Frankfurt, Berlin, Breslau, Hamburg, München, Köln kann auch der streng traditionell gerichtete Jude in jeder Lebenslage nach seiner Form unter den bestmöglichen Bedingungen leben, lehren, lernen und seinem Beruf ungestört nachgehen.. Seit vielen Jahrzehnten ist das jüdische Kleinstadtleben "in unaufhaltsamem Rückgang; In der Großstadt sind, für das spezifisch jüdische Leben — in und außerhalb der Gemeinde, in und außerhalb der Synagoge im weitesten Sinne — die Gefahren zwar bedeutend erhöht, aber auch die Möglichkeiten und Aussichten einer Erneuerung viel reicher. Der Jude geht als jüdischer Mensch in der Großstadt leicht verloren. Gewiß: der gewaltige, noch andauernde Blutverlust des Judentums in den letzten hundert Jahren ist auf die Landflucht unmittelbar zurückzuführen. Der Anschluß geht häufig verloren; das Verfallensein an jede Art des großstädtischen „modernen Heidentums" ist häufiges Schicksal. Auf der anderen Seite können echte, gute, im Tiefsten jüdische Anlagen in der Großstadt unendlich sorgsamer und fachgemäßer gepflegt und fortgebildet werden. Ehe in einer abschließenden Betrachtung der Einfluß der Großstadt auf das jüdische Leben näher besprochen wird, müssen wir uns kurz außer-deutschen jüdischen Sachverhalten in den Massensiedlungen der modernen Großstadt zuwenden. Die Stadt als berufliches Zentrum ist bei den Juden der Diaspora eine "allgemeine dauernde Erscheinung, die nicht an einzelne Länder gebunden ist. Für den Osten sind die erreichbaren Zahlen im ersten Band von Arthur Ruppins „Soziologie der Juden" zu finden;, dort (Band I, S. Ulf.) ist auch die Verteilung der Juden auf Stadt und Land für die ganze Welt aus den verschiedensten Quellen, meist allerdings aus Vermittlungsliteratur, näher beschrieben. Die Bedeutung der Großstadt für die Juden der Welt ist danach einzigartig. Die sechs europäischen Städte mit der zahlreichsten jüdischen Einwohnerschaft sind Warschau, Budapest, Wien, Odessa, Berlin und Lodz. Die größte Zusammenballung von Juden in einer Stadt ist in New York (1927: 1765 000 Juden); heute lebt etwa ein Achtel aller Juden der Welt in dieser Stadt. Wichtig ist die Ghettobildung innerhalb

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