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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-06-15 · 12 (15.6.1933) · p. Seite 179

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
12 (15.6.1933)
Date
1933-06-15
Page
Seite 179 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 12 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 179 liehen Arten der Siedelurig und des Erwerbs entfalteten, formt ihr gesamtes Schicksal, der einzelnen und der Gemeinschaft, ihr geistiges und leibliches Los. An die Spitze jeder Tatsachenbeschreibung, die sich auf den Juden in der Großstadt bezieht, ist die Beobachtung zu stellen: Schrittmacher auf dem Weg der Geburtenbeschränkung und Kleinhaltung der Familie ist bis heute die Stadt, besonders die Großstadt. Zur „unfruchtbaren Stadt" schlechthin ist Berlin geworden. Von 1913 bis 1929 ist dort die Geburtenziffer auf weniger als die Hälfte, nämlich von 19,6 auf 9,6 (auf Tausend) abgesunken. Nächst Berlin folgt die zweite Weltstadt des deutschen Sprachgebiets, Wien, mit 10 auf Tausend. Paris hat demgegenüber noch eine Geburtenziffen von annähernd 15 a. T., London sogar 15,8 a. T. Beide Weltstädte, Paris und London, liegen damit auch über dem Durchschnitt der deutschen Großstädte (13 v. T.). In den 4 Jahren 1928 bis 1931 sind in Berlin insgesamt rund 34 000 Menschen mehr gestorben als geboren wurden; das entspricht etwa der Einwohnerzahl von Städten wie Bayreuth oder Gießen oder Paderborn! Der Geburtenrückgang bei den Juden ist noch größer als bei der übrigen Bevölkerung; das ist oft tabellarisch gezeigt worden. Im Zug zur Großstadt hatten sie in immer stärkerem Tempo die Vorhut. In den 45 deutschen Großstädten (über 100 000 Einwohner), die es 1025 gab, .lebten von der nichtjüdischen Bevölkerung 26,4 Prozent, von der jüdischen zweieinhalbmal soviel, nämlich 66,8 Prozent. In den sieben Städten Deutschlands mit über einer halben Million Einwohner (Berlin, Hamburg, Köln, München, Leipzig, Dresden, Breslau) wohnte 1925 ein etwa viermal größerer Anteil aller deutschen Juden als dem Anteil der gesamten nichtjüdischen Bevölkerung entspricht. Lestschinsky gibt über das Wachstum der jüdischen Bevölkerung in den sieben größten Gemeinden Deutschlands folgende Tabelle: 1816 1850 1871 1925 Berlin . . . . 3 373 9 5953 36 015 172 672 Frankfurt a. M. . 4 309 5 200 7 6205 29 385 Breslau . . . 4409 7 384 13 000 23 240 Hamburg . . . 7 000 10000 13 796 19 794 Köln .... 150 1286 3172 16 093 Leipzig . . . 1401 320 2 5516 12 594 München . . 3802 12524 2 903 10068 Zusammen . . . 19 761 35 037 79 057 283 846 % aller Juden 7,7 8,5 16,8 50,3 1 1832, 2 1812, 3 1849, 4 1852, 5 1867, 61875. Diese Tendenzen haben sich in den letzten 8 Jahren merklich verstärkt; die deutsche Volkszählung Juni 1933 wird ein erschütterndes Bild der Verstädterung und gleichzeitig des Geburtenmangels, des Sterbeüberschusses und der Vergreisung der deutschen Judenheit, also des vollständigen Zusammenbruchs der jüdischen Bevölkerungsentwicklung von innen heraus ergeben. Wie sich in diesen Zentren die Erwerbsbetätigung der deutschen Juden in den letzten Jahren und Jahrzehnten abspielt, ist von den schon erwähnten Autoren oft und eindringlich dargestellt worden. Im Handel, Bekleidungsgewerbe, in den freien Berufen und im Gesund- ' heitswesen sind in den Großstädten etwa 80 Prozent aller erwerbstätigen Juden beschäftigt, während die Quote bei der übrigen Bevölkerung nur etwa 37 Prozent beträgt. Auch ohne statistische Tabellen ist uns diese berufliche Gliederung in den letzten Monaten aufs nachdrücklichste eingeschärft worden. Auffallend ist übrigens, daß sich die gleichen Tendenzen der Bevölkerungsbilanz, der Urbanisierung und Berufsgliederung auch schon im Osten geltend machen. Der Jude in der Großstadt hat zunächst einmal gemeinsame Züge mit dem Großstädter überhaupt. Alle die Vorteile und Nachteile der Großstadtentwicklung, an denen die Gesamtbevölkerung teil hat, treffen auch ihn. Wir haben im Jahr 1930 für Deutschland einen sehr instruktiven Bericht des Reichswirtschafts-Enquete-Ausschusses (Ausschuß zur Untersuchung der Erzeugungs- und Absatzbedingungen der deutschen Wirtschaft) über das Wirtschaftsleben der 16 größten deutschen Städte, also der Hauptansammlungsstätten der deutschen Juden, bekommen. Daraus ergeben sich die besonderen Seiten — Vorteile und Nachteile — der Großstadtentwicklung mit vollkommener Deutlichkeit. Die Bedrohung der Volkskraft infolge der Geburtenbeschränkung wurde schon berührt, die biologisch-sozialwissenschaftliche Andersbewertung der Kleinhaltung der Familie soll hier beiseite bleiben; es soll vor allem hier ununtersucht bleiben, ob die 85 Millionen Einwohner, die bei einem unterbrechungslosen Anwachsen der deutschen Reichsbevölkerung im Tempo der Jahrhundertwende heute in Deutschland leben würden, einen höheren Grad der materiellen und geistigen Kultur aufwiesen als die 64 Millionen von heute; und vollends sei hier jedes Nachrechnen darüber ausgeschaltet, was heute das Los einer zwei- oder dreimal so starken Judenheit im deutschen Raum wäre. Die Urbanisierung und Metropolis!erurig, hat die Juden f größtenteils — vor allem in Deutschland1 — um die vielfach wohltätige „Volksnähe" gebracht, wobei für „Volk" der zuletzt von Romano Guardini („Der Mensch und der Glaube" 1933) beschriebene — romantische — Begriff für Volk Verwendung finden mag: danach steht das Volk „in Beziehung zu den Elementen des Daseins"; „es ist mit der Erde verwachsen. Es geht auf der Erde, arbeitet auf ihr und lebt durch sie. Es ist eingewoben in den Zusammenhang der. Natur, in den Gezeiten des Lichtes und Wachstums. Und es fühlt, vielleicht ohne Worte dafür zu haben, das All in seiner Einheit." Demgegenüber steht die Wurzellosigkeit des großstädtischen Volkes, die „Abstraktheit" oder „Verlorenheit" derjenigen Schichten davon, die wie bei den Juden beruflich in den oben erwähnten Zweigen und Positionen zusammengedrängt sind. Statt der Ausbreitung aller auf die größte hierhergehörige Gruppe — 'die „Angestellten" — bezüglichen inneren und äußeren Tatbestände, um die es hier geht, sei auf die Küchenmeister Weinessig für Salate und zum Einmachen. Magister München7

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