Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 7 (1.4.1933)
- Date
- 1933-04-01
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2727810-2727975-2727982--08946-2742197- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 7 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 101 tag-Liturgie. Das jüngste Kind beginnt zu fragen: „Was zeichnet diese Nacht vor allen anderen Nächten'aus?'4 Der Hausvater antwortet. Darauf geht nicht nur das „Haec beata nox" der Karsamstag-Liturgie zurück, sondern, entsprechend dem „In dieser Nacht" der Hagada, auch eine der schönsten Stellen des „Kaufmanns von Venedig", der Dialog zwischen Lorenzo und Jessica zu Beginn des fünften Akts, mit dem siebenmaligen „In such a night". Shakespeare muß, als er den „Kaufmann" schrieb, die Hagada kennen gelernt haben; die Ähnlichkeit ist zu auffällig. Das Echad mi jodea („Wer weiß das Einzige?") 1 — Gott, 2 — Tafeln des Gesetzes, 3 — Stammväter, 4 — Stammesmütter, 5 — Bücher Moses, 6 — Ordnungen der Mischna, 7 — Tage der Woche, ist ins deutsche In dieser Nacht wartete Pharao in seinem Palaste nicht, bis seine Sklaven kamen, ihn zu wecken; ihn erweckte der Schrei der Welt. Und als er sich erhob, allein und ohne Hilfe, im Dunkeln, da strauchelte sein Fuß, seine Hand griff ins Finstere: auf der Porphyrplatte lag tot sein Sohn. Indessen umtoste Tumult den Palast, drang ein durch die hundert Pforten, erfüllte die hundert Höfe, die hallenden Säle; von den Wänden schallte er wider. Es waren all die Mütter, all die Väter, das ganze Volk, das angstvoll und zitternd hereinstürzte und seinem König zuschrie: „Laß sie ziehen, oder wir sind alle des Todes!" Aber er blieb stumm, denn, sagen unsere Weisen, wenn der Sünder, neunmal heimgesucht, sich neunmal weigert Buße zu tun, nimmt Gott das Verlangen nach Buße von ihm. Arme ohne Zahl erhoben sich, Fäuste ohne Zahl 'ballten sich; Peitschen und Stöcke, Lanzen und Schwerter wurden geschwungen und drohten Tod dem stummen Antlitz des Pharao. Da plötzlich hielten inne die emporgehobenen Arme, die geballten Fäuste, die Stöcke und Peitschen, die Schwerter und Lanzen um das stumme Antlitz des Pharao: ein Knistern kam aus der Ferne, in einem grünen Scheine, in der Stille der Nacht. Entlang dem' Fluß und den Gärten, entlang den Sphinxen und Pylonen näherte sich der knisternde Schein; unter dem Schein eine Maske mit gemalten Augen; unter der Maske Binden; und unter den Binden zwei Füße ohne Bewegung, die wandelten. Alle erkannten; gekommen war aus ihrer Pyramide die Mumie Bithias, Pharaos Mutter nach dem Fleische, Moses' Mutter nach dem Geiste. Eine Hand löste sich aus den Binden, sie griff nach der Hand Pharaos, und die Tote, die den Lebenden führte, verschwand mit ihm in die schweigende Nacht% Beide gingen hin zu den Lichtern, beide gingen hin zu den Lobgesängen. Als sie vor einer Tür anlangten, deren Schwelle und Pfosten mit Blut bestrichen waren, klopfte die Tote an; -die Tür tat sich auf. Der Leibende Volkslied übergegangen: „Sag' mir, was ist Eins?" Das Schlußlied vom- Zicklein (Chad gadja, vgl. die gleichnamige Ghettonovelle von Zangwill) ist der Stammvater der sogenannten Kumulativlieder vom Schlage unseres „Der Bauer schickt den Jockel aus", welche sich im volkstümlichen Liederschatze vieler Völker finden. Wie dieses mindestens 3000jährige Ding in die Hagada gekommen ist, weiß kein Mensch. Was es bedeutet, darüber gibt es eine Reihe Vermutungen. Aber der Typus: „Der Ochs, der säuft das Wasser nicht, das Wasser löscht das Feuer nicht, das Feuer frißt den Prügel nicht, der Prügel schlägt den Pudel nicht, der Pudel beißt den Jockel nicht," bis dann zuletzt der Metzger kommt — in der Hagada der Todesengel —, dieser internationale Typus geht bestimmt auf die Hagada zurück. frei sah Hebräer, die sangen, aufrecht stehend um dampfendes Fleisch, den Gurt um die Lenden, die Sandalen an den Füßen, den Stab in der Hand. Da schrie er: „Moses!" Eine Stimme erwiderte: „Du wirst mich nicht mehr sehen." Er schrie wieder: „Ich habe gesündigt, Moses, ich habe gesündigt! Ich kenne ihn, diesen Gott, den ich nicht kannte. Ich bringe dir all meine Kronen für ihn! Ziehet in Frieden und gebet mir Frieden." Und hinter ihm schrien alle Mütter, alle Väter, das ganze Volk: „All unseren Reichtum bringen wir dem Ewigen dar; ziehet in Frieden und gebet uns Frieden." Aber die Stimme sagte wieder: „Ihr werdet mich nicht mehr sehen." Da hauchte die Tote: „Moses, mein Sohn, wirst du nicht aus Liebe zu der, die dich rettete, den Erstgeborenen meines Fleisches retten, du Erstgeborener meiner Seele?" und Moses erwiderte: „Mutter, die du mich gerettet hast, wie gern hätte ich aus Liebe zu dir ganz Ägypten gerettet; warum warst du nicht da, es mit mir zu retten!" und er wandte sein Gesicht Pharao zu und sprach: „Willst du mit lauter Stimme alle Worte wiederholen, die ich sagen werde?" — „Ich werde sie wiederholen." — „So sprich nach: Kinder Israel, seid frei; ihr wäret meine Sklaven; von nun an seid ihr Diener des Ewigen." Pharao sprach nach: alle, die dabei waren, hörten seine Stimme. „Sprich nach zum zweiten Male," sagte Moses. Zum zweiten Male sprach er nach; ganz Ägypten hörte seine Stimme. „Zum dritten Male sprich nach: „Kinder Israel, seid frei; ihr wäret meine Sklaven; von nun an seid ihr Diener des Ewigen." Und die ganze Welt hörte seine Stimme. Da kehrte Bithia wieder in ihr Dunkel zurück, und als ob tausend Sonnen auf einmal leuchteten, so leuchtete der Tag: denn, sagen unsere Rabbinen, die Kinder Israel sollten nicht während der Nacht entfliehen wie Sklaven, sondern ausziehen wie freie Männer im Angesichte des Tages. Väter und Söhne, Mütter und Töchter. Kinder und Greise, mit den Geschenken Ägyptens beladen, so zogen Fortsetzung auf Seite 103 Der Pharao gibt Israel Von Edmond Fleg