Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1933
- Issue
- 3 (15.3.1933)
- Date
- 1933-03-15
- Page
- Seite 5 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Mitteilungen Des Jüöifften Jeftremereina für flapern Schriftleitung: Max Adler, München _ 1933 München, 15. März _Nr. 3 Pädagogische Ketzereien Schluß von Jakob Blum Ich sehe, wie Sie sich ereifern, lieber Freund. Jetzt kommt der Pferdefuß heraus. Da spricht der Antizionist, der der „jüdischen Sache" eins versetzen will aus irgendwelchen Gründen, trotzdem doch Berlinger selbst ausdrücklich betont: „Wir wollen und können nicht neuhebräischen Sprachunterricht treiben." Wiederum gefehlt. (Wie gerne würde ich ein Jahr in Erez jisrael verbringen, mich mit dem Land und der Sprache vertraut zu machen!) Aber hier hat Berlinger selbst alles gesagt, was gegen die Überbetonung des Sprachunterrichts in unseren Religionsschulen zu-sagen ist. Wir können nicht — weil wir keine Zeit haben und wir dürfen nicht, weil unsere Aufgabe eine andere, heiligere ist, der wir keinen Fußbreit Boden entziehen dürfen. Ich stimme ganz Ihnen zu, innig und begeistert, wenn Sie in der jüdischen Volksschule mit reichlicher Stundenzahl für die Pflege des „Jüdischen" mit Berlinger anfangen (hebräischer Unterricht als Gesamtunterricht) und zu Bayers Sippenwörterbuch fortschreiten in der sich anschließenden hebräischen Sprachschule oder in der Lehrerbildungsanstalt u. dgl. Schulen mehr, so daß Sie von der Sprache zu den Quellen der Religion hinabsteigen, statt von „den Müttern" in einem hilflosen, blinden Herumtappen auf den Krücken einer saft- und kraftlosen toten Systematik heraufzustelzen suchen. Wer s o Hebräisch lernt (oder in einer vernünftigen Kombination beider Systeme), der braucht nicht Chumesch „lernen"; der kann es mit immer neuem, von keiner schalen Erinnerung getrübten Genüsse „lesen"; der braucht nicht so lange Gebete übersetzen, bis der letzte, zarteste Hauch dichterischen Erlebens und Erfühlens endgültig in ihm abgestorben ist und er teilnamslos und kalt vor einem Konglomerat von Phrasen und Vokalen wie vor einem Haufen toter Schlacke und Asche steht; dem wird vielmehr in immer neuen Weihestunden die reife Schönheit der Gebete sich erschließen, die lodernde Glut der Psalmen das eigene Herz entflammen. Aber wehe, wenn wir diesen Weg gehen wollten in all den vielen Religionsschulen, wo uns drei oder gar nur zwei Wochenstunden für die religiöse Unterweisung zur Verfügung stehen! Ich will nicht kleinlich sein und alle Gründe hier aufstöbern, die meine Ansicht unterstützen. Es ist :mir ja nur um das Ganze, um den Geist, um die Idee zu tun, darum, daß nicht tefel zum ikkor, die Form zum Kern werde! Sehen Sie. ein Anfangsunterricht im Hebräischen nach psychologischen Gesetzen, der das jüdische Kind sogar der extremen liberalen Kreise mit Lust und Freude lernen läßt und ihm die Religionsstunde zur „liebsten" Stunde gestaltet, das ist — mit oder ohne Fibel — unsere selbstverständliche Pflicht, ein Stück unserer heiligen Aufgabe. Es ist gut so und anerkennenswert, daß uns fleißige Kollegen ihren Weg zu diesem Ziele zeigen. Aber letzten Endes ist nicht der Weg, nicht die Methode das wichtigste, sondern die verantwortungsbewußte, künstlertische, ideale Lehrerpersönlichkeit. Hüten wir uns, es uns zu leicht zu machen — bitte, verstehen Sie mich recht —, uns hinter die Methode zu verschanzen, uns in Äußerlichkeiten zu verlieren. Wie nahe die Gefahr zu brillieren mit buntschillernden Papageien, die gar prächtig plappern können — ohne Seele, ohne inneres Leben! Heil dem, der die Zeit hat, goldene Äpfel in silbernen Schalen darzubieten. Wir armen Kärner auf steiniger Landstraße müssen uns bescheiden, müssen unablässig Furchen ziehen im verkrusteten Erdreich, unablässig Samen streuen in die aufgerissene Scholle, daß einmal doch, früher oder später, die Saat aufgeht, daß einmal doch — und sei es, wenn wir längst nicht mehr auf Erden' wallen — ein Funke zündend die Seele entflammt an dem Öle, das wir in sie hineingegossen haben. Und nun, meine Herren Methodiker, arbeiten Sie rührig weiter an der Vervollkommnung Ihres Weges, zeigen Sie uns, bitte, nur immer wieder die neuen Wagen, mit denen Sie besser und rascher fahren, die nächsten Stationen, die -Sie erreicht haben. Schenken Sie uns bald das Buch, das wir am dringendsten nun benötigen, das Übergangsbuch von der Fibel — oder auch der fibellosen Erlernung des Hebräisch-Lesens — zum Pentateuch und Gebetbuch; überzeugen Sie alle, die es noch nicht wissen oder nicht glauben wollen, daß wir auf der Unter- und Mittelstufe nur sparsam das Gebetbuch heranziehen dürfen, daß unser Übungsbuch das Chumesch und nicht die Tefillah ist (also doch ein Ketzer!), schreien Sie es hinaus, trommeln Sie, daß man endlich aufhören soll, die Gebete „totzuquetschen" (oder doch die religiösen Gefühle, die sie erzeugen sollen oder aus welchen heraus sie gelernt werden wollen). Ich grüße Sie, als Wegbereiter, aber ich will als Eckart daneben stehen, daß der Wein nicht gar Essig werde, der das ganze Mahl verdirbt, wenn er aus Ihrem Fasse, aus Ihrer verständigen Pflege in andere Krüge gefüllt wird, daß er nicht die klare Besinnung trübe des alltäglichen Mannes, der, wo seine Süße und Würze berauscht, das Maß verliert für das, was ihm gut und erträglich ist. Nicht „pädagogische Ketzereien" - pädagogische und methodische Selbstverständlichkeiten! Es ist immer so gewesen, daß neue Wege und Versuche aut irgendeinem Gebiete menschlichen Arbeitens und geistigen Strebens mit einer gewissen Übertreibung und Einseitigkeit zur Darstellung kommen und von ihren Entdeckern als das Unbedingte und Absolute angepriesen werden.. Daran darf man sich nicht irre machen lassen und man soll den Dingen kritisch nachgehen und die Spreu von dem Genießbaren trennen; dann wird sich schon zeigen, wie es um die Wahrheit bestellt ist. Und dann kann man es erleben, daß in dem Neuen doch ein Fortschritt liegt und oft — Selbstverständliches, das sich lohnt. Es irrt der Mensch bekanntlich, so lange er strebt, aber er strebt und soll es tun und das Bessere ist noch immer der Feind des Guten gewesen. Führwahr — Binsenwahrheiten! Es ist aber merkwürdig, wie man solche Selbstverständlichkeiten gerade auf dem Gebiete der Pädagogik und Methodik, im besonderen innerhalb des jüdischen Unterrichtes, nicht oft genug "wiederholen kann und muß! Wir alle haben uns von jeher eingestanden, daß die Erfolge unseres jüdischen Unterichtes durchaus unbefriedigend sind im Vergleich zu der Mühe und Pflege, die man aufgewendet hat, und im Vergleich zu dem Ziele, das wir uns stecken und stellen müssen. Wir wollen unsere Kinder zu guten Juden erziehen, die einmal die Träger des jüdischen Gedankens und der jüdischen Tradition sein sollen. (Wir sprechen hier natürlich nur vom Ziele des jüdischen Unterrichtes!) Und sie sollen das werden und sein mit freudigem Bewußtsein und tiefster Erkenntnis des Judeseins. Das können wir nur erreichen, wenn wir unsere Jugend von frühester Zeit an zu unseren Quellen führen und sie hier aus dem lebendigen Worte schöpfen lassen; selbst das unmündige Kind soll diesen Weg gehen. Seine ersten Worte seien Worte der Torah, nicht ein paar „Bibelsprüche"; das ist jüdischer Geist. Und das Kind in der Unterklasse soll erst recht damit beginnen: jüdischer Klang und jüdischer Geist sollen Gemüt und Ohr und Mund erfüllen. Gerade diese Zeit ist so aufnahmefähig für Dinge des Gedächtnisses und was hier als „Lernen der Jugend" angeeignet wird, bleibt haften und bildet eine Stütze für weiteren Aufbau. Gewiß erzählen wir diesem Kinde von unserer Welt und ihrem Schöpfer, von unserem Sabbat und den Fasttagen und vom täglichen Leben, wie es jüdisch erfüllt werden muß. Aber Untergrund und Träger sei das jüdische, das hebräische Wort, Lied amd der hebräische Gedanke. Das ist keine Utopie und ist in jeder Schule, auch in der ..Religionsschule" der Stadt, selbst bei einer Wochenstunde in entsprechendem Ausmaße zu erreichen. Unterstützt werden müssen solche Bestrebungen von Anschauungsbildern und -material, wir besitzen heute genug dav»n