Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 3 (1.2.1933)
- Date
- 1933-02-01
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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34 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 3 derungswürdiges Riesengedächtnis, das ihm bis zu seinem Lebensende treu blieb, befähigten ihn, sich in dem weitschichtigen babylonischen Talmud und in den angrenzenden Literaturgebieten mit voller Freiheit zu bewegen. Schon seine erste wissenschaftliche Publikation, die Herausgabe der Gutachten des Rabbi Meir ben Baruch aus Rothenburg (XIII. Jahrhundert) bekundete die geschickte Handhabung handschriftlicher Kritik (1860). Im Jahre 1862 kam Rabbinowicz nach München, angezogen durch die an hebräischen und rabbinischen Handschriften besonders reiche Hof- und Staatsbibliothek. Hier reifte in ihm der Plan, unter Zugrundelegung der an der Münchener Bibliothek als Unicum bewahrten, einzigen vollständigen Talmudhandschrift (cod. hebr. 95) den kritischen Apparat für eine neue wissenschaftliche Ausgabe des Talmud vorzubereiten. Ein edelmütiger Mäcen, der vor drei Jahren (4. Juni 1885) dahier verstorbene Numismatiker Abraham Merzbacher, selber im rabbinischen Schrifttum wohl bewandert, stellte ihm zu diesem Zweck fortgesetzt reiche Geldmittel und eine auserlesene Fachbibliothek zur Verfügung. Nachdem Rabbinowicz noch die meisten größeren Bibliotheken Europas zum Zwecke seiner Studien besucht hatte, veröffentlichte er im Jahre 1868 den ersten Band des groß angelegten Werkes „Dikduke Soferim, Variae lectiones in Mischnam et in Talmud babylonicum", nebst einer kulturgeschichtlichen höchst interessanten, 1877 in zweiter bedeutend vermehrter Auflage erschienenen Abhandlung über die Druckgeschichte des Talmud. In rascher Folge erschienen weitere 14 Bände, etwa die Hälfte des gesamten babylonischen Talmud umfassend. Mitten in der Drucklegung des 16. Bandes (über den Traktat Chullin) überraschte ihn der Tod. Durch dieses, auch von christlichen Gelehrten vielfach benutzte, für jeden Forscher auf dem Gebiete der rabbinischen Sprach- und Altertumskunde unentbehrliche Werk hat sich Rabbinowicz ein dauerndes Denkmal gesetzt. Rabbinowiczs zahlreiche Reisen nach Italien, Frankreich, England, Rußland und der Türkei waren auch in einer andern Richtung ergebnisreich für die Wissenschaft. Überall erschlossen sich ihm die Pforten der öffentlichen und Privatbibliotheken. Selbst in der Benützung der sonst spröden Vaticana wurden ihm durch Vermittelung des Kardinals Hohenlohe die größten Erleichterungen gewährt, und sein scharfes Auge entdeckte nicht wenige ungehobene literarische Schätze: seltene Inkunabeln und Handschriften, auf welche er befreundete Gelehrte aufmerksam machte, und von denen er manche wertvolle der von ihm verwalteten Merzbacherschen Bibliothek und den großen öffentlichen Bibliotheken zuführte. Auch die Münchener Hof- und Staatsbibliothek, zu deren treuesten Besuchern er gehörte, verdankt seiner Vermittelung manche wesentliche Bereicherung ihrerhebräischen Abteilung, beispielsweise die kostbare, unter den Cimelien aufbewahrte Bibelhandschrift (cod. hebr. Katalog von Steinschneider, 2. Aufl. 1895, Nr. 392). Rabbinowicz war eine echte Gelehrtennatur, von unermüdlichem Fleiß und scheinbar unversieglicher Arbeitskraft, dem Streben nach Ehre und äußerer Anerkennung abhold, den Lebensgenüssen entsagend und seine einzige Freude im Studium findend. Seine durch die Erziehung in den östlichen Ländern genährte Einseitigkeit kam seinen Leistungen, auf welche er, ungehemmt durch Ausblicke in andere wissenschaftliche Gebiete, seine ganze reiche Begabung konzentrieren konnte, in gewissem Sinne zugute. Zahlreichen Gelehrten des In- und Auslandes, die sich jahraus jahrein mit wissenschaftlichen Anfragen an ihn wandten, war er ein stets gefälliger Berater und Helfer. Vor kurzer Zeit erst hatte ei* das Münchener Bürgerrecht erworben, um bald darauf in seiner alten russischen Heimat ein Grab zu finden." Aus einer ganz anderen Welt stammte mein Vater Joseph Perles, 1871—1894 Rabbiner der israelitischen Kultulgemeinde München,2 und entsprechend vielseitiger und weitreichender waren auch seine Bemühungen um die wissenschaftliche Erforschung der in München bewahrten Handschriften und Bücherschätze. Seine früheste Veröffentlichung aus Münchener Handschriften wair, die 'für die igarize;;Midriaschf orschung! aufschhißreiche Abhandlung „Thron und Circus des Königs Salomo3 Auf Grund des cod. hebr. 222 fol. 50a—56b teilt er nicht nur den Text des schon früher, wenn auch nur unvollkommen bekannten Midrasch mit, sondern beleuchtet ihn auch nach der kulturgeschichtlichen Seite. Noch im gleichen Jahrgang der eben genannten Zeitschritt, in welcher er bis zu seinem Tode fast alle seine kleineren Arbeiten veröffentlichte, erschien seine Feststellung der bisher unerkannten (und vorher für den „Midrasch Schemoth Rabba" gehaltenen) Münchener Mechiltahandschrift.4 Dieser in seiner jetzigen Gestalt im 3. nachchristlichen Jahrhundert abgeschlossene, doch nach seinem Material meist ältere Midrasch zum 2. Buche Moses war auf Grund anderer Textzeugen schon wiederholt veröffentlicht worden. Doch mein Vater selbst trug in der ihm eigenen fast ängstlichen Bescheidenheit die wichtige Entdeckung der neuen Handschrift nicht mit dem nötigen Nachdruck vor, sondern vergrub sie förmlich in einer Anmerkung. Am bekanntesten von seinen mit der Münchener Bibliothek zusammenhängenden Arbeiten wurde wohl die Abhandlung: „ÜbQr die in einer Münchener Handschrift aufgefundene erste lateinische Ubersetzung des Maimonidischen Führers".5 Die Bedeutung dieser Abhandlung faßt am besten David Kaufmann zusammen, wenn er in seinem Aufsatz „Uber den Führer Maimunis in der Weltliteratur"6 schreibt: „......Wenn wir so auf die Frage, woher der lateinische Führer der Scholastiker gekommen sei. eigentlich ohne Antwort bleiben müssen, so würde es uns bei der zweiten dringenderen Frage, wohin diese Ubersetzung geraten sei, nicht besser ergangen sein, hätte nicht eine glückliche Entdeckung des der Wissenschaft zu früh entrissenen Rabbiners von München, Dr. Joseph Perles, uns in den Stand gesetzt, den Verbleib und die spätere Geschichte dieses Buches in hellstem Lichte zu zeigen. In einem PeTgamentkodex des ehemaligen Klosters Kaisheim, einem Folianten von 124 Blättern, der jetzt in den Besitz der K. Hof- und Staats-) bibliothek in München übergegangen ist, erkannte Perles den lange gesuchten und fast verloren geglaubten Führer in dem lateinischen Gewände, in dem ihn seit den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts die christliche Welt kennengelernt hatte. Bei näherer Erforschung ergab sich aber noch ein weiterer und noch wichtigerer Fund durch die Wahrnehmung, daß diese handschriftliche alte Überlief erung seit mehr denn 350 Jahren gedruckt 2 Vgl. über ihn David Kaufmann „Beilage zur Münchener Allgemeinen Zeitung" 1894 Nr. 64 vom 17. März. Wiederabgedruckt in „Gesammelte Schriften" von D. K. I. (Frankfurt a. M. 1908) S. 307—312; Wilhelm Bacher Jewish Quarterly Review VII (London 1894—1895) S. 1—23. 3 „Monatsschrift f. Gesch. u. Wiss. des Judentums" 1872, 122ff„ daraus separat Breslau 1872, 20 S. 4 Am Anfang der „Miszellen zur rabbinischen Sprach- und Altertumskunde" 1872, 1 ff. S. A. unter dem Titel „Zur rabbinischen Sprach- und Sagenkunde" (Breslau 1872. 1 ff. Arnim. 1). 5 Ebd. 1875, 9 ff. (S. A. Breslau 1875, 52 S.). 6 „Archiv für Geschichte der Philosophie" XI (1898) 335—374 „Gesammelte Schrften II" (1910) S. 152 spez. 172.