Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 23 (1.12.1932)
- Date
- 1932-12-01
- Page
- Seite 365 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 23 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 365 hohen Wert des Werkes nicht gerecht. Es könnte vielleicht auf fallen, daß in keinem der drei Hauptteile („Der personale Geist“ — „Der objektive Geist“ — „Der objektivierte Geist“) den religiösen Phänomenen Raum gegeben ist. Die folgende Antwort ist auf diesen Einwand wohl richtig: Die völlige Freiheit sich in allen Situationen so oder so, für oder gegen Werte zu entscheiden und auf jedes Sich-abnehmen- Lassen des Selbstdenkens und der freigewählten Entscheidung zu verzichten, jeder dogmatischen Krücke, jeder Resignation des Nicht-wissen-Könnens zu entraten, diese Freiheit macht das Pathos und den unschätzbaren Wert der Philosophie des Geistes von Nicolai Hartmann aus. Nur in langer andauernder Bemühung läßt sich sein ungewöhnliches Werk ausschöpfen, das jeden denkenden, nicht in den Tag lebenden oder von Berufsroutine auf gezehrten Menschen unmittelbar angeht. F. Wanderer in Ketten. Der Roman meines Elternhauses. Erinnerungen von Alexander Tolstoi. 388 Seiten. Leinenband 5.80. Berlin, Furche-Verlag, 1932. Im November 1910 ist Tolstoi auf seiner „Flucht“ in Astapowo 82jährig gestorben. Seine Gedanken, seine Forderungen an die Menschen sind lebendiger als je. Nietzsches Grundgedanken vom Kern der jüdisch-christlichen Lehre — das Nichwiderstreben gegen das Übel — ist in wörtlicher Anlehnung aus Tolstoi übernommen. Tolstois exemplarisches Ringen um die Wahrheit bis zum letzten Lebenshauch, sein Roman-, und Gedankenwerk ist brennend aktuell. Seine Bücher gehöreiT'su den ganz wenigen, die wie die Bibel oder Goethes Faust allen Lebensaltern immer wieder Neues sagen; mit ihnen müßte die heranwachsende Generation viel mehr vertraut gemacht werden als dies jetzt geschieht. Es ist schwer zu entscheiden, ob die Romane, die Tagebücher, die Volkserzählungen oder seine radikalen Traktate, die der menschlichen Gesellschaft die Augen öffnen und ihr Gewissen schärfen sollen, uns mächtiger bewegen. — 22 Jahre nach Tolstois Tod — Ende 1932 — werden wir durch ein neues Tolstoi-Buch überrascht, das wie kein anderes den Ehrfurcht gebietenden russischen Dichter und Kämpfer unserem tieferen Verständnis erschließt: In der Tat ein unerwartetes Geschenk, diser Lebensroman Leo Tolstois, geschrieben von seiner Lieblingstochter Alexandra. So einfach und schlicht und gleichzeitig so unbedingt authentisch ist der zermürbende Kampf auf Jassnaja Poljana bis jetzt noch nicht erzählt worden. In diesen Berichten — ohne Sentimentalität oder sonstige Verzerrung — rundet sich auf einmal der größte Roman Tolstois, sein eigenes Leben, sein einzigartiges erschütterndes Schicksal. Der tiefe Konflikt, an dem dieser Gläubige der Bergpredigt krankt, der schreckliche Widerspruch zwischen Lehre und Leben, treibt ihn zuletzt von seinem Herrensitz in Flucht und Tod. Im Hintergrund das große Schicksal Rußlands und die blutigen Vorzeichen der Revolution! Dieses Buch veraltet nicht, weil es nicht sensationell ist. Jede Zeile darin fesselt und ergreift uns. „Die Menschen, mit denen Mama befreundet war, waren immer lustig, anständig gekleidet und zufrieden und sprachen nie von irgendwelchen Unannehmlichkeiten; alles schien für sie einfach und klar zu sein. — Diejenigen, die den Vater umgaben, waren vom Leiden gezeichnet, sie schienen sich immer zu quälen und etwas zu suchen, und das Leben erschien bei ihrem Anblick furchtbar.“ — Tolstois Auflehnunggegen die Kirche und die Regierung, die sich nicht an ihn herantrauten, ist uns nie so eindringlich gemacht worden als in diesen ruhigen klaren Aufzeichnungen der jüngsten Tolstoj-Tochter aus dem Elternhaus. Ein außerordentliches Buch von europäischer Bedeutung, das allen Modebüchern vorgezogen werden sollte und wieder zu dem unvergänglichen Gedankengut Leo Tolstois zurückführen könnte. F. Das Judentum. Eine volkstümliche Darstellung von Dr. J. Weigl. Philo Verlag, Berlin. 3. Auflage 1932. 323 Seiten» Kartoniert RM. 5.—. Wer sich, unbeirrt von Schlagworten und Tagesgeschrei, ein wirkliches Bild vom Judentum und seinen Bekennern machen will, der lese „Das Judentum“ von Dr. Weigl. Fanatiker werden sich auch durch diese objektive und leidenschaftslose Darstellung der Geschichte und Ethik des Judentums nicht belehren lassen, aber der aufgeschlossene und die Wahrheit „Kaufe zu Hause"! sagt LINDBERG Jawohl, zu Hause, hier wählen Sie in aller Ruhe, hier stellen Sie einwandfrei fest, ob das Radiogerät in allen Punkten Ihren Wünschen entspricht. 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