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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-11-01 · 21 (1.11.1932) · p. Seite 322

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
21 (1.11.1932)
Date
1932-11-01
Page
Seite 322 (sequence 2)
Language
German
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322 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 21 Das Testament Spinozas Von Leo Strauß Die Stadien, welche Europa und mithin das Judentum in der Beurteilung Spinozas durchlaufen hat, können summarisch folgendermaßen charakterisiert werden: auf die Verdammung (den Bannspruch der Amsterdamer Gemeinde) folgte die Rettung (Mendelssohn), auf diese die Heiligsprechung (Heine, Heß) und auf diese endlich die Neutralität (Joel, Freudenthal). Es versteht sich, daß es in jeder dieser Epochen Männer gegeben hat, die nicht wie ihre Epoche dachten. Namentlich sei an Hermann Cohen erinnert, der — im Jahr 1910 — es auszusprechen den Mut fand, daß Spinoza „mit allem Rechte aus der Gemeinde Israels ausgestoßen werden (mußte)“. Die Neutralität gegenüber Spinoza setzte ein, als man sich zugestehen konnte, daß die entscheidend mit Hilfe der Metaphysik Spinozas zum Siege geführte „moderne Weltanschauung“ von dieser Metaphysik nicht oder nicht ganz gedeckt wird. Aber auch in diesem Stadium blieb es im allgemeinen dabei und wurde noch unterstrichen, daß unter den drei großen westlichen Philosophen des 17. Jahrhunderts — Descartes, Hobbes und Spinoza — Spinoza der wichtigste, weil der fortgeschrittenste sei: er allein hatte gewisse Konsequenzen aus der Grundlegung der modernen Philosophie gezogen, die im 19. Jahrhundert erst ganz offenbar geworden waren und nunmehr das allgemeine Bewußtsein bestimmten. Inzwischen ist es so weit gekommen, daß der Zweifel an der „modernen Weltanschauung“ das allgemeine Bewußtsein bestimmt. Wie immer es mit dem Recht dieses Zweifels steht — jedenfalls hat er zur Folge, daß die „moderne Weltanschauung“ nicht mehr selbstverständlich ist, daß also ein in ihr Fortgeschrittener nicht schon um dieser Fortgeschrittenheit willen für sonderlicher Verehrung wert gehalten wird. Rüttelt der Zweifel an den Grundlagen der „modernen Weltanschauung“, so verlegt sich das Interesse notwendig von deren Klassiker auf die Männer zurück, die dieser „Weltanschauung“ den Grund gelegt haben — also auf Descartes und Hobbes. Die Verehrung Spinozas, wenn sie mehr sein soll als Bewunderung seiner Begabung oder seines Charakters und als Anerkennung seiner geschichtlichen Wirksamkeit, wenn sie ihm als einem Lehrer gelten soll, muß wenigstens solange außer Kraft gesetzt werden, bis über das Recht der Grundlegung der modernen Philosophie entschieden ist. Wir fangen also an, über den „Radikalismus“ Spinozas anders zu denken als das abgelaufene Jahrhundert. Es stellt sich nunmehr heraus, daß die kühnen Neuerungen Spinozas doch nur Folgerungen, nicht aber Grundlegungen waren. Die Tatsache gewinnt nunmehr an Gewicht, daß Spinoza in der Geschichte der zentralen Wissenschaften — d. h. in der Geschichte der Naturwissenschaft einerseits, des Naturrechts andererseits—eine, verglichen mit der Bedeutung Descartes’, Hobbes’ und Leibnizens, nur sekundäre Bedeutung hat. Und die Tatsache, daß Spinoza erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts zu allgemeinerer Anerkennung gelangt ist, verstehen wir nunmehr auch daraus, daß er erst in dem Augenblick rezipiert werden konnte, als die „quereile des anciens et des modernes“ innerhalb der Philosophie in der Hauptsache zugunsten der Modernen entschieden war und es darauf ankam, zum Zweck der Korrektur des modernen Gedankens gewisse im ersten Anlauf über den Haufen gerannte Positionen der vor-modernen Welt wiederherzustellen; denn Spinoza, auf der Grundlegung der modernen Philosophie durch Descartes und Hobbes fußend, hatte in die von ihm schon Vorgefundene moderne Welt das Lebensideal der vor-modernen (antik-mittelalterlichen) Tradition, das ..Ideal der (theoretischen) Gotteserkenntnis, herübergerettet. Die (jeweilige) Stellung des Judentums zu Spinoza deckt sich mit der (jeweiligen) Stellung Europas zu Spinoza. Sie deckt sich mit ihr indessen nicht ganz. Spinoza hatte innerhalb des Judentums des abgelaufenen Jahrhunderts eine eigentümliche Funktion. Als es galt, die Sprengung der jüdischen Tradition und den Eintritt der Juden in das moderne Europa zu rechtfertigen, da bot sich vielleicht keine bessere, gewiß keine bequemere Auskunft dar als die Berufung auf Spinoza: wer war geeigneter, die Rechtfertigung des modernen Judentums vor dem Forum der jüdischen Tradition einerseits, vor dem Forum des modernen Europa andererseits zu übernehmen, als Spinoza, der, wie man fast allgemein anerkannte, ein Klassiker dieses Europa war, und der, wie man wenigstens zu behaupten nicht müde wurde, seine Gedanken im Geist des ‘Judentums und mit Mitteln des Judentums gedacht hatte? Es liegt auf der Hand, daß-man in einem Zeitpunkt, in dem das moderne Europa von Grund auf erschüttert ist, sich nicht mehr vor diesem Europa um des Judentums willen und vor dem Judentum um dieses Europa willen rechtfertigen kann, gesetzt, daß man es noch will. Die Erschütterung des modernen Europa 'hatte zur Folge eine Besinnung des Judentums, auf sich selbst. Diese Besinnung führte nicht — nicht immer und nicht ohne weiteres — eine Veränderung in der Beurteilung Spinozas herbei: Spinoza bliebt auch jetzt noch eine Autorität. Zwar bedurfte man seiner nicht mehr oder schien man doch seiner nicht mehr zu bedürfen zur Selbstbehauptung gegenüber der jüdischen Tradition und gegenüber dem modernen Europa; aber man hielt sich für gebunden, bei dem Auszug aus dem neuen Ägypten die Gebeine des Mannes mitzunehmen, der in diesem Lande zu königsgleicher Stellung aufgestiegen war, und sie in das Pantheon der jüdischen Nation zu überführen, die in ihm einen ihrer größten Sohne verehren müsse. Man handelte ohne Zweifel in gutem Glauben; aber war es recht, daß man gar nicht nach dem letzten Willen des also Geehrten fragte? Aber was geht uns der letzte Wille Spinozas an, wenn darunter sein ausdrücklicher Wille verstanden wird? Auch Spinoza war an die geschichtlichen Bedingungen, unter denen er lebte und dachte, gebunden; in seinem Zeitalter mußte er in Konflikt mit dem Judentum gera-

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