Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 16 (15.8.1932)
- Date
- 1932-08-15
- Page
- Seite 253 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 16 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 253 werden schon jetzt entgegengenommen. Der Unterricht erstreckt sich auf: Hebräische Grammatik, Bibel, Pentateuch mit Kommentaren,. Mischna und Talmud mit. Kommentaren, Dezisoren. Den Schülern ist evtl. Gelegenheit geboten, sich in profanen Fächern unter fachgemäßer Leitung fortzubilden. Für den Lehrgang in der Vorbereitungsklasse und der Unterstufe werden schulentlassene Knaben und Jünglinge aufgenommen, die schon einige Vorkenntnisse in Mischna und Talmud besitzen. Anmeldungen, denen beigefügt sein müssen: kurzer Lebenslauf, genaue Altersdaten sowie Zeugnisse über bisherige Vorbildung sind bis spätestens 5. Tischri (5. Oktober) an das Kuratorium der Rabbinichen Lehranstalt „Jeschiwa“, Frankfurt a., M., Theobaldstraße 6, zu richten. Bücherschau Philons griechische und jüdische Bildung. Von Dr. Isaak Heinemann, Dozent am Jüdisch-Theologischen Seminar und Honorarprofessor an der Universität Breslau. Gr.-8°. 600 Seiten. Preis 34 RM., geh. 37 RM. Breslau (M. &. H. Marcus) 1932. Die Analyse der Mischbildung Philons unternimmt hier zum ersten Male ein Gelehrter, dem die beiden Kulturen, in welchen Philon wurzelt, die hellenistische und die nachbiblischjüdische, aus den Quellen genau bekannt sind. Heinemann geht von Philons Darstellung der Religionsgesetze aus, bei welcher eine Scheidung des Griechischen und des Jüdischen erheblich leichter möglich ist, als auf den Gebieten der Metaphysik und Ethik. Woher hat Philon seine Anschauung vom Sinn des Kultus? Ist sie griechisch oder ist sie jüdisch? Woher stammt seine Ansicht vom Gelübde, vom Feiertag? Welches Strafrecht schwebt ihm vor. soweit er nicht den Buchstaben der Bibel wiedergibt — das der Rabbinen oder etwa das der Ptolemäer? Sind seine Anschauungen über Familiensitte, insbesondere über die Sexualität, aber auch über den Luxus so ausschließlich, wie man seither geglaubt hat, aus dem Griechentum, insbesondere der kynisch-stoischen Diatribe zu erklären, oder wirkt auch die jüdische Ethik auf ihn? Ist der Pazifismus, den er vertritt, vom Friedensideal der Propheten oder aus der Friedenssehnsucht der augusteischen Zeit abzuleiten? Auf solche Fragen suchen die Analysen Antwort. Zusammenfassende Untersuchungen ergeben, daß das Judentum zwar Philons religiös-sittliches Urerlebnis weit stärker als seither erkannt ist, bestimmt,-daß aber seine Kenntnis des jüdischen Rechtes, soweit es nicht dem Leben zu entnehmen war, äußerst begrenzt war; selbst in der Begründung der Verbindlichkeit der jüdischen Gebote ist er von den Griechen, gelegentlich sogar von den Ägyptern abhängig. Wie nun jüdisches Urerlebnis und griechisches Bildungserlebnis aufeinander wirken — aus wählend, einschränkend, gelegentlich sogar verstärkend — wird in abschließender Synthese gezeigt. Das Buch wendet sich in gleicher Weise an Altertumsforscher, insbesondere an Kenner des griechischen Rechtes und der griechischen Philosophie, wie an jüdische und christliche Theologen. Letzteren will es die Einordnung des Urchristentums in das antike Leben erleichern, durch die Gegenüberstellung griechischer und jüdischer Anschauungen etwa über die Talion,, die Bewertung des weiblichen Geschlechts, den Luxus, die Arbeit. Klare Schreibweise und sehr ausführliche Register erleichtern die Benutzung des Grundwerkes. Das jüdische Gesellschaftsrecht von Dr. jur. Esriel Erich Hildes h e i m e r. Gedruckt mit Unterstützung der Zunz- Stiftung in Berlin. XVI, 172 Seiten. Leipzig (Harrassowitz) 1930. Zum ersten Male wierd hier das jüdische Gesellschaftsrecht, das sich in das der schutafut und iska gliedert, auf Grund der älteren jüdischen Quellen systematisch nach modern-juristischen Gesichtspunkten dargestellt. Von den beiden Talmuden ausgehend, wird das in den Werken oder Responsen der Gaonen und der Rischonim — also während eines Zeitraumes von etwa einem Jahrtausend — enthaltene Materialzusammengetragen, und die Entwicklung dieses Rechtes, soweit es nachweisbar ist, aufgezeigt, wobei Gründe wirtschaftlicher oder politischer Natur aufgesucht werden. Da gerade in den letzten Jahrzehnten die Gaonenliteratur durch zahlreiche Neueditionen erheblich vergrößert worden ist, konnte viel Material, das sogar den Rischonim unbekannt war, verwertet werden. Während jedoch in den jüdischen Rechtsquellen die Behandlung der abstrakten Probleme hinter die der konkreten Fälle zurücktritt, stellt Verfasser das Rechtsprinzip in den Mittelpunkt seiner Darstellung und läßt den Einzelfall als dessen Folge erscheinen. Im Anschluß an diese den Hauptteil des Werkes (etwa neun Druckbogen) umfassenden theoretischen Ausführungen werden zur praktischen Verdeutlichung „Formulare“, unter ihnen auch ein für die moderne Zeit bestimmter „Hetter Iska“, beigefügt. Schließlich wird alles einschlägige Quellenmateiral in einem „Literatur-Verzeichnis“ zusammengestellt, das zusammen mit einem eingehend bearbeiteten „Sachregister“ eine schnelle Orientierung über die verschiedenen Fragen und ein leichtes Auffinden aller behandelten Stellen ermöglicht. Völkische Rassenlehre. Darstellung — Kritik — Folgerungen. Von Dr. Werner Cahnmann. Berlin (Philo-Verlag). 31 Seiten. 1932. Der Münchener Syndikus des Centralvereins gibt hier einen sehr übersichtlichen Überblick über die bekannten Rassen- Bücher von Professor Günther (Jena), die allerdings mehr in der gewöhnlichen antisemitischen Propaganda als in der Vererbungslehre oder in der sonstigen wissenschaftlichen Rassenkunde wichtig genommen werden. Wirklich gemeinverständlich und kristallklar sind diese naturwissenschaftlichen Lehren — jenseits von aller parteimäßigen Gebrauchsfertigkeit — heute in den Büchern von Muckermann besonders (Muckermann, Vererbung, Müller & Kiepenheuer 1931; Besprechung folgt in einer der nächsten Nummern) behandelt, während man besser, wenn man überhaupt Erkenntnisse gewinnen will, in großem Bogen um Günther (aber auch um Müller-Freienfels) herumgeht. Unsere heutige Rassen-Belletristik muß die Argumente für Partei- Programme liefern; die Argumente sind darnach. Man erspare uns auch, die „Folgerungen“ von beiden Seiten! Welche müßige und schiefe Frage, ob der Einfluß des deutschen Judentums auf das kulturelle Leben in Deutschland für dieses nützlich oder schädlich ist? Die „deutsche Seele“ und die geringere „Landschaftsgebundenheit“ des Juden, die ganzen Wort-Requisiten des Kultur-Antisemitismus, aber auch das wöchentliche Zeremonial seiner „Widerlegung“ und der Bemühungen um „Verständnis“: von jüdischer Seite wenigstens sollten ein oder zwei Jahre Wort und Schrift nicht immer wieder darum bemüht werden. Auch Herder, Schelling, Fichte, Baader einschließlich Spengler, Spann, Nadler, Stapel lasse man in Ruhe. „Die neue geistige Position“ des deutschen Judentums, die Cahnmann gegenüber der alten des humanitären Rationalismus und der staatsbürgerlichen Loyalität aufstellt, ist nichts anderes als ein geistig wenig scharfes und noch weniger eigenartiges oder folgerichtiges Ausweichen vor den Tagesmächten des Nationalismus und Irrationalismus. Die Schlußformulierung mit ihrer doppelten Front gegen Antisemitismus und Zionismus ist für die bürgerliche Debatte des Augenblicks gut, aber bleibt im Grunde auf Freund und Feind wirkungslos, weil hier keine geistige Entscheidung getroffen wird, sondern eine unverbindliche nur literarische Kompromißformel gefunden ist, mit der man nicht anstößt und sich aus der Affaire zieht. _F. PHILOSOPHIE EIN UNLÖSBARES PROBLEM Abrechnung mif der Illusion von Dr. LUDWIG FREUND 56 Seifen. Preis brosch. RM. 2.50 Ein neues Werk des Verfassers von „Am Ende der Philosophie", das bei seinem Erscheinen berechtigtes Aufsehen im In- und Auslande erregt hat. In seinem neuen Buche definiert Freund noch deutlicher den Begriff der Philosophie und weist ihr ihre Stellung innerhalb unseres Geisteslebens zu. VERLAG ERNST REINHARDT / MÜNCHEN