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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-06-15 · 12 (15.6.1932) · p. Seite 188

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188 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 12 Kultur (— Triebbefreiung!), seine Haltung ist nur anders geartet, als die arische. Die jüdische Haltung ist eine religiöse Kultur, die arische eine künstlerische Kultur.. Der Konftilt zwischen Ariertum und Judentum, also der Antisemitismus, hat seinen Ursprung in der ambivalenten (schwankenden) Haltung des Ariers zur Zivilisation, welchen er, gezwungen durch die Lebensnot, zwar akzeptiert, innerlich aber ablehnt. Der Arier haßt in dem Juden den Repräsentanten der Zivilisation und dann weiter auch den Menschen, der sich innerhalb der Zivilisation naturgemäß erfolgreicher durchzusetzcn versteht. Auf den Juden überträgt er auch den Vatcrkomplex, er verleiht ihm die Rolle des Vaters, während er sich infolge seiner geringeren Triebverdrängung die Rolle des Kindes unbewußt zumeist. So werden auch feindselige Gefühle gegen den gereiften, überlegenen Vater auf den Juden übertragen. Cs wäre ein leichtes, dem Verfaster einige Ungcnauigkciten und unzulässige Verallgemeinerungen nachzuweisen, doch würde man damit dem Wesen der vorliegenden Schrift nicht genügen, bei der es sich lediglich um einen Versuch und zwar um einen sehr anregenden und sehr lesenswerten Versuch handelt. Der Verfasser versteht es, eine ganze Reihe von Erscheinungen, zum Teil verblüffend, zu erhellen. So, wenn er sesisiellt, und die Praxis hat dafür ja Beispiele genug, daß antisemitische Künstler niemals hohe Künstler sein können, weil das Vorhandensein dieser Triebe beweist, daß sie ihre Verdrängungen nicht in der Kunst sublimiert haben. Oder wenn er den Witz darstellt als letzten bescheidenen Widerstand des Juden gegen seine Unterwerfung unter die Zivilisation. Dr. Eugen Schmidt. Der religiöse Sinn des Bolschewismus. Sonderheft 9 der Zeitschrift „Orient und Occident". In Verbindung mit Nicolai Berdjajcw und Erwin Reisner und einer Arbeitsgemeinschaft von Deutschen und Russen herausgegeben von Fritz Lieb und Paul Schütz. Verlag der I. C. Hinrichs'schen Buchhandlung, Leipzig 1932. Der Sinn dieser wichtigen Zeitschrift „Orient und Occident" wurde in der Gemeindezeitung vom 15. November 1931 (Jahrg. 7, Nr. 22, S. 35 J) eingehend dargelegt. Das neue Heft ist durch zwei Haupt-Aufsätze gekennzeichnet: Nicolai Berdjajcw, Der religiöse Sinn des Bolschewismus und Fedor Stepun, Der religiöse Sinn der russischen Revolution. Ihr Grundgedanke ist: Die politische und ökonomische Betrachtung schließen das große weltgeschichtliche Ereignis des russischen Komnrunismus nicht auf. Die russische Revolution hat in noch höherem Grade eine Weltbedeutung als die französische. „Das russische Volk hat vor der Welt mit unerhörtem Radikalismus die Frage nach einem Neubau der Menschheit, nach der sozialen Gerechtigkeit, nach der Arbeit als einer Grundlage des menschlichen Lebens gestellt und zugleich mit der Tat bewiesen, was die Verwirklichung der sozialen Gerechtigkeit unter Mithilfe geistig böser Kräfte, die mit Haß und Boshert gesättigt sind, bedeutet." Das sei die Strafe dafür, daß die „Guten" die soziale Gerechtigkeit nicht „realisierten", immer nur davon sprachen und glaubten, mit dem Rhetorischen, der schönen Ansprache sei es getan. „I n F r e i h e i t u n d L i e b e w o l l t e man die Wahrheit verwirklichen, nun verwirklicht sic sich in Haß und Zwang." So kann es auch bei uns kommen. Berdjajcw sagt: „Der Kommunismus enthält Elemente der sozialen Gerechtigkeit. Cs ist wahr, daß die Massen der Arbeiter und Bauern zu einer schöpferischen Aktivität gerufen werden müssen, zum schaffen der Geschichte, es ist wahr, daß die Gesellschaft eine arbeitende sein muß, es ist wahr, daß die Selbstorganisation der Gesellschaft die schlimmen Folgen der Freiheit im wirtschaftlichen Leben, die dem Menschen das Brot nehmen und ihn zum Sklaven machen, nicht zulassen darf." „Vollends töricht ist es, zu glauben, daß man dem Kommunismus bürgerlich-liberale und kapitalistische Ideen entgegensetzen könne." Nur eine Idee religiöser Art könnte dem Kommunismus entgegengestellt werden, da nur eine solche ihm an Kraft gleichkommcn könnte; mit der humanistischen Moral ist dem neuen sozialen Kollektiv nicht zu begegnen. Bei dem Verfasser geht nur leider das „V erstehen" des Bolschewismus und seine „Bekämpfung" ziemlich wirr durcheinander. Sicher, dieser russische Kommunismus muß religiös als messianische und eschatologische Erscheinung verstanden werden, wenn man ihm einen Sinn geben will; aber wirksam bekämpft werden könnte er nicht mit einer „religiösen Idee", sondern nur mit höchst irdischen, „ausgerechneten" Mitteln. Darum befriedigt auch nicht, was B. von der Art der „Sympathien" Deutschlands für Sowjetrußland sagt. Diese „Sympathien" erkennt B. als ungesund und kraftlos; nicht selten fühle man in ihnen einen Snobismus und materielle Interessen durch. Der Verfasser verlangt „eine religiöse Front gegen den gottlosen Kommunismus"; „sie darf aber nicht bürgerlich sein". „Wenn die bürgerlich-kapitalistischen Interessen zu Gott gelaufen kommen, so kommt Gott ihnen nicht zu Hilfe." So wird B. selbst rhetorisch und dialektisch; seine Entscheidung pro oder kontra Bolschewismus bleibt im Zwielicht. Der gleiche Verfasser hat im Juni-Heft das „Hochland" über „Psychologie der russischen Gottlosigkeit" geschrieben und will dort das Rätsel der russischen Gottlosigkeit aus dem Wesen der , russischen Religiosität lösen. Cr bleibt ttotz der Menge guter Formulierungen und trotz tiefer Einsichten in das vergangene und heutige Rußland im Ergebnis rapsodisch-prcdigthaft. Es wäre an und für sich eine produktive Frage: „Warum hat sich die russische Seele, die mitleidsvolle, menschenliebende und wahrheitsuchende, die Lehre von Karl Marx angeeignet, die ihr scheinbar so fremd war?" Aber die Antwort, daß der echt russische leidende Atheismus („Gott leugnen, damit das Reich Gottes auf Erden verwirklicht werde") durch den ausländischen heroischen Atheismus von Karl Marx (Motiv der Macht und Selbstherrlichkeit der organisierten Gesellschaft) verdrängt wurde, hat keinen Erkenntniswert. Richtiger vielleicht die Schlußeinsicht: „So ist der Urquell des Unglaubens das Erlebnis des Leidens, das von der Leugnung seines Sinnes begleitet ist." —^ Auch Stepun ist zwiespältig; er zieht aus, um dem verruchten Bolschewismus zu fluchen und muß seine Wirkungen segnen. „Die Scheiterhaufen der Revolution wandelten sich zu Herdflammen metaphysischer Heimat." Diese Sprache ist nicht sympathisch- Ernsthafter und erschütternder das zu uns nach Westen gesprochene, Wort: „Nur weil alle vorrevolutionären Haltungen und Gehalte, auf ihre letzte geistige Realität hin geprüft, gar nicht das waren, was zu sein sie wähnten imb Vorgaben, ist cs zu den. furchtbaren Erschütterungen der bolschewistischen Schreckensherrschaft gekommen." — Wir konnten nur Andeutungen von der Fülle echter und gewagter Gedanken dieses reichen Heftes geben, das von einer nach der Metaphysik der beiden geistvollen russischen Emigranten sehr eindrucksvoll zusammengestellten Übersicht über die antireligiöse Gesetzgebung der Sowjet-Union seit 1929 beschlossen wird. F. Der Jud ist schuld.....? Zinnen-Vcrlag, Wien 1932. Der „Zinnen- Verlag", ein neues Unternehmen, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, „lebendige Bücher für lebendige Menschen" zu verlegen, stellt sich mit einem interessanten Diskussionsbuch: „Der Jud ist schuld.....?" vor. In der Tat ein lebendiges Buch, das einen Querschnitt durch die geistige Situation der Gegenwart gibt. Zu Worte kommen Autoren aller politischen Richtungen; davon seien hier nur genannt: Herm. Bahr, Franz Blei, Adolf Böhm (über den Zionismus), Max Brod, Arthur Dinter, Jsmar Elbogen, Lion Feuchtwanger, Oskar Maria Graf, Arthur Holitscher, Zentralkomitee der K.P.D., Theodor Lessing, Lettow-Vorbeck, Heinrich Mann, Max Naumann (Verband nationaldeutscher Juden), Graf zu Rcvcntlow (N.S.D.A.P.), Felix Salten, Werner Sombart, Felix A. Thcilhabcr u. v. A. Unter den Aufsätzen nichtjüdischcr Autoren ist besonders bemerkenswert die Arbeit des nationalistischen Schriftstellers Franz Schauwecker. Schauwccker, der mit überaus kritischen Augen an das Problem hcrantritt, dringt mit erstaunlichem Instinkt und genauer Kenntnis der Sttuktur des modernen Judentums in die Frage ein. In mystischem Dunkel wandeln dagegen der Rassenedeling Hans Blüher und der Prophet des Geistchristentums Arthur Dinter. In Ton und Farbe sticht aus der Fülle gelehrter Äußerungen Oskar Maria Grass Aufsatz „Warum so wichtig?" hervor, der den liebenswürdigen, wenngleich unzulänglichen Versuch einer human-bayerischen Bagatellisierung unternimmt. Unter den Arbeiten jüdischer Verfasser sind es vor allem die Artikel von Theodor Lessing und Robert Weltsch, die durch ihre aufrechte Haltung imponieren. Arthur Holitscher, der bis vor kurzem ein Wortführer des Zionismus war, setzt sich für den sowjctistischen Lösungsversuch „Biro-Bidjan" ein. Max Naumann geht unbeirrt den „Weg zum Deutschtum", während Adolf Böhm mehr sachlich als agitatorisch die positiven Tatsachen des Palästinawerkes aufführt. Fritz R o s e n t h a l. Der Große Brockhaus. Handbuch des Wissens in 20 Bänden. 15., völlig neu bearbeitete Auflage. I I. Band. L bis Mal). 788 Seiten. Leipzig, F. A. Brockhaus, 1932. Der pünktlich erschienene neue Band zeigt wieder alle Vorzüge seiner Vorgänger, darunter auch die besonders erfreuliche überparteiliche Ein-

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